Archiv der Kategorie 'Markt oder nicht?'

Die effizienteste Form der Bestrafung

Im Jungsforum hatte ich eine Diskussion mit Stewie (ich hab mich dort Danil genannt, Sascha klappte irgendwie nicht). In der ging es um das von mir bevorzugte Modell einer libertären Gesellschaft ( siehe hier). In dieser gibt es insbesondere eine schwarze Liste, die Informationen über Wortbrüchige veröffentlicht.

Das Amüsante bei Stewie war, dass er nicht mal selbst wusste, was er dem Modell vorwerfen sollte. Einerseits warf argumentierte er, in dem Modell gäbe es ja keinerlei Bestrafung, also könnte jeder (insbesondere pöse kapitalistische Banken, die er gerne staatlich kontrolliert sehen will – und sowas nennt sich Anarchist) betrügen. Und auf der anderen Seite war die schwarze Liste plötzlich „brutale Repression“.

Nunja, ich gebe ja gerne zu, dass es nicht besonders nett zu den Wortbrüchigen ist, sie auf eine schwarze Liste zu setzen. Nur ist das allerdings nicht mehr als eine Information über Fakten. Immerhin setzt ein Eintrag dort einiges voraus: Erst einmal ein freiwillig gegebenes Versprechen. Dann das vorherige Einverständnis, dass ein Bruch des Versprechens auf die Liste kommen darf. Und dann brauchen auch noch die, die als Schiedsrichter darüber befinden dürfen, ob man auch wirklich wortbrüchig wurde, das vorherige Einverständnis, dass er sie als faire Schiedsrichter akzeptiert. Wer also nicht freiwillig bei dem Spiel mitmacht, kommt nie auf die Liste.

Ja gut, ein kleines bisschen Nötigung spielt schon eine Rolle. Wer ein Versprechen abgibt, aber nicht dazu bereit ist, beim Bruch auf die Liste zu kommen, oder nur seine allerbesten Freunde als Schiedsrichter akzeptiert, wird möglicherweise von vielen Anderen nicht als allzu vertrauenswürdig angesehen. Nunja, man hat allerdings, denke ich, kein Menschenrecht, als vertrauenswürdig angesehen zu werden. Das muss man sich schon selbst erarbeiten.

Wie auch immer, erläutern wollte ich eine ganz andere Idee. Oder genauer gesagt, keine Idee sondern etablierte ökonomische Theorie. Es gibt nämlich, rein vom Standpunkt der Kosten aus gesehen, Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Strafen.

Da ist einmal die teure Art der Bestrafung: Entweder Haftstrafen oder Körperstrafen. Der Verurteilte wird geschädigt. Der Rest der Gesellschaft auch. Insbesondere bei Haftstrafen muss der Rest der Gesellschaft das Gefängnis bezahlen, die Wärter, und was noch alles dazugehört. Selbst Todesstrafe ist nicht kostenlos – der Henker muss ja auch was bezahlt bekommen.

Dann die die gesellschaftlich neutrale Art der Bestrafung: Geldstrafe oder Arbeitsleistungen. Der Verurteilte zahlt die Strafe, oder leistet die Arbeit, jemand anders bekommt das Geld oder die geleistete Arbeit. Einer verliert, einer bekommt was, beides ist in etwa gleichwertig, also ist die Bestrafung selbst gesamtgesellschaftlich neutral.

Und dann gibt es noch eine Art von Strafe, bei der es noch besser aussieht – bei der die Gesellschaft sogar gewinnt. Die Verurteilung durch Verbreitung von Information.

Sicher, auch hierbei wird der Verurteilte geschädigt. Allerdings nur indirekt: Die anderen verändern ihr Verhalten ihm gegenüber, weil sie etwas über ihn erfahren haben, was für ihn nicht besonders günstig ist. Das schädigt ihn. Aber den anderen nützt es, und dies normalerweise mehr als es dem Verurteilten schadet.

Wieso das? Das kann man sich am besten an einem Beispiel klarmachen. Der Kassierer der Bank hat betrogen, der Chef der Bank erfährt davon, und die natürliche Reaktion ist, dass er den Kassierer entlässt. Das Geld der Bank dürfte nun etwas sicherer sein, zumindest ist dies anzunehmen. Der Chef profitiert also. Der entlassene Kassierer ist geschädigt. Wie komme ich allerdings dazu, zu behaupten, der Nutzen für den Chef wäre größer als der Schaden für den Kassierer?

Nun, ich nehme rein hypothetisch an, der Kassierer wolle den Job doch noch behalten. Wie kann er das erreichen? Indem er weniger Lohn akzeptiert. Wieviel weniger? Eine gute Frage. Im Prinzip könnte in dieser Situation die „Lohnhöhe“, zu der der Chef bereit wäre, den Kassierer weiter zu beschäftigen, sogar negativ sein.

Aber auf jeden Fall können wir ziemlich sicher sein, dass der Lohn, den der Kassierer erhalten könnte, ihn nicht befriedigen würde. Er wird es vorziehen, einen neuen Job zu suchen.

Gut. Aber damit können wir die Gesamtveränderung künstlich in zwei Teile unterteilen: Einmal die Änderung vom Ausgangspunkt – dem normalen Kassiererlohn – zum niedrigeren Lohn. Dies ist eine reine Umverteilung. Der Chef der Bank erhält genau das Geld zusätzlich, was der Kassierer weniger kriegt, und sonst ändert sich gar nichts. Insgesamt also neutral.

Und der zweite Schritt ist einvernehmlich: Der Kassierer kündigt und sucht sich eine neue Arbeit. Eine Veräderung, mit der alle einverstanden sind. Der Chef, sonst hätte er mehr Lohn bieten müssen. Der Kassierer, sonst würde er nicht kündigen. Und eine Veränderung mit der alle Betroffenen einverstanden sind ist eine Verbesserung. Neutral plus Verbesserung ist Verbesserung. Also kommt die Gesellschaft insgesamt besser weg.

Heutzutage werden Betrüger eingesperrt. Erhebliche Kosten für die Gesellschaft. Im libertären Modell verbreitet die schwarze Liste Information. Ein Nutzen für die Gesellschaft. Der Umgang mit Betrügern wird nicht nur libertärer (jeder entscheidet selbst, wie riskant es ist, einem Betrüger zu glauben, dass er sich gebessert hat), er wird auch noch deutlich billiger für die Gesellschaft insgesamt.

Werden Firmen in einer libertären Gesellschaft größer als heute?

Eine Befürchtung ist, dass in einer freien Marktwirtschaft, ohne staatliche Regulierung, insbesondere ohne Einschränkung von Firmenzusammenlegungen durch den Staat (Kartellamt), die Firmen noch größer werden als heute.

Nun, ich glaube das nicht. Hier die Gründe:

1. Es ist heutzutage steuerlich extrem vorteilhaft, Gewinne nicht an die Aktionäre auszuschütten, sondern zu investieren. Der einfache Grund: Steuern. Die Gewinnausschüttung wird vom Staat kräftig besteuert, Reinvestitionen hingegen weitaus weniger, wenn überhaupt. Die Folge: Die Firmen wachsen. Steuerbegünstigt gewissermaßen.

2. Da gibt es den sogenannten Verbraucherschutz: Ein Trick der ganz großen Firmen, neue Konkurrenten auszuschalten. Denn man überlege nur einmal was neue Firmen machen: Sie bieten normalerweise (um auf dem Markt erstmal Fuß zu fassen) Billigprodukte an. Müssen sie auch, weil sie neu sind, unerfahren, die Qualität stimmt noch nicht. Und außerdem haben sie ja noch keinen etablierten Markennamen.

Wie kann man solche Konkurrenz im Keim ersticken? Na klar, durch staatliche Mindestandforderungen an Qualitätsstandards. Welche? Natürlich die Standards, die die heutigen Marktführer gerade so erfüllen. Damit es für einen Neuling extrem schwierig wird, sie schnell zu erreichen. Und so passiert es halt.

Wenn man einfach bloß die Verbraucher schützen wollte, bräuchte man so nicht vorzugehen. Es würden staatliche Qualitätssiegel völlig ausreichend sein: Der Verbraucher wäre informiert, welche Waren der Staat für hinreichend gut hält. Der Verbraucher könnte frei entscheiden, ob er der staatlichen Empfehlung folgt oder statt dessen das billige Produkt des Neulings kauft.

Den Vorteil hätte der Verbraucher: Einmal billigere Angebote der Neueinsteiger, und andererseits mehr Konkurrenz auch auf dem Qualitätsmarkt – den ewig bleiben die Neueinsteiger ja nicht neu. Und mehr Firmen im Konkurrenzkampf bedeutet im Endeffekt auch kleinere Firmen – man muss sich den Markt ja teilen.

3. Es gibt zum Ausschalten von Neueinsteigern noch andere Mittel. Insbesondere ist da das Verbot von Dumpingpreisen zu nennen. Dumpingpreise sind genau das, was Neueinsteiger machen. Sie produzieren, am Anfang noch schlecht, und haben noch gar keine Marktanteile. Die Anlaufphase ist sowieso verlustbehaftet, und daher sind Dumpingpreise ein wichtiges Mittel um schlimmeres zu verhindern: Man kann schon in der Anlaufphase voll produzieren. Außerdem erobert man Marktanteile und macht den Namen bekannt.

4. Und dann gibt es ja noch die Bürokratie. Jede Art von staatlicher Regulierung der Wirtschaft erfordert bürokratischen Aufwand bei allen Firmen. Nur ist der Aufwand verschieden: Je größer die Firma, desto weniger fällt die staatliche Bürokratie ins Gewicht. Denn wie läuft Bürokratie normalerweise: Jede Firma ist verpflichtet, regelmäßig irgendwelche Berichte zu liefern. Die müssen in einer größeren Firma keineswegs unbeding viel größer sein. Es gibt bei sowas zumindest einen konstanten Anteil: Gewisse Formulare müssen einmal pro Zeitraum und Firma ausgefüllt werden, man braucht Leute, die wissen, wie das zu machen ist, oder es zumindest einmal lernen müssen. Dieser konstante Anteil ist desto unerheblicher je größer die Firma ist, für kleine Firmen ist dies ein erheblicher Aufwand. Dann mag es auch noch einen Anteil an Pflichtschreibkram geben der proportional zur Produktion ist. Aber auch hier hat die größere Firma Effizienzvorteile, weil in ihr Arbeitsteilung möglich ist – den Papierkram erledigen Spezialisten. In der kleinen Firma hingegen muss der Chef das Zeug selber machen. Die Regel ist also einfach: Je mehr Büokratie, desto besser für die ganz großen Firmen.

Besonders pervers ist es, wenn die Firma Arbeit für den Staat machen muss. Also beim Steuerneintreiben und Pflichtversicherungsbeitragseintreiben die Arbeit für den Staat machen muss.

5. Man vergesse nicht die Nützlichkeit und Wichtigkeit staatlicher Lobbyarbeit. Die ist was ganz spezielles für die ganz Großen. Und es springt ja auch einiges raus für die ganz Großen, wie staatliche Rettungsmaßnahmen wenn eine ganz große Firma droht pleite zu gehen. „Too big to fail“ heißt es über diesen speziellen politischen Wettbewerbsvorteil der ganz Großen. Aber es gibt auch sonst genügend zu gewinnen, wenn man groß genug ist, im Lobbyismusgeschäft mitzumischen. Zum Beispiel neue staatliche Regulierungen, die der Konkurrenz höhere Kosten aufbürden als der eigenen.

Und all die Politikerreden über den Mittelstand? Guter Witz. Klar, man gewinnt keine Wahlen wenn man offen sagt, dass man vor allem für die ganz Großen da ist. Aber das war es auch schon.

Obwohl man natürlich auch all die bereits etablierten Handwerker und sonstigen Mittelständler mit staatlicher Überregulierung vor Konkurrenz schützen kann.

Und das Kartellamt? Nun, das unterstützt lediglich einige Große im Kampf gegen andere Große, meist gegen solche, die besser sind und deshalb größer zu werden drohen.

Ich frage mich nur eins – wie wollen die Großen eigentlich überleben, wenn sie nicht mehr vom Staat geschützt werden? Wenn jeder der Lust hat eine Firma aufmachen kann, ohne irgendwelche unnötige Bürokratie?

Warum eine freie Gesellschaft bessere Menschen hervorbringt

Die Kommunisten denken, dass sie einen neuen Menschen brauchen, um damit eine bessere Gesellschaft aufbauen zu können. Die Staatskommunisten wollen sie dazu zwingen, so zu werden, in einer Diktatur des Proletariats. Wie die Anarchokommunisten den neuen Menschen erziehen wollen, ist mir nicht klar. Einig sind sie sich darüber, dass der Kapitalismus egoistische, rücksichtslose, selbstsüchtige Menschen erzeugt.

David D. Friedmann verdanke ich ein gutes Argument, dass es andersrum ist. Eine freie Gesellschaft erzeugt bessere Menschen.

Was ist die Idee des Arguments? In einer freien Gesellschaft bin ich frei, zu entscheiden, mit wem ich zusammen leben oder arbeiten oder mich vergnügen will. Und natürlich bevorzuge ich dabei nettere, auskömmlichere, hilfsbereitere, kurz, bessere Menschen als Partner.

Andererseits hängt man in der freien Gesellschaft stärker von freiwilliger Kooperation anderer ab als in einer Zwangsgesellschaft. Diese bekommt man aber halt nur, wenn man sich anständig verhält. Anständiges Verhalten wird also in einer freien Gesellschaft belohnt.

In einer unfreien nicht. Als Soldat werde ich mit den Soldaten zusammenarbeiten müssen, mit denen ich laut Befehl zusammenzuarbeiten habe. Das können erhebliche Arschlöcher sein. Und Arschloch zu sein kann sich dabei lohnen. Man kann andere fertigmachen und selbst aufsteigen. Wenn hingegen ein Arschloch mich fertigmacht, kann ich trotzdem nicht kündigen.

Ähnliche Probleme haben andere Zwangsgemeinschaften, heute insbesondere Schulen. Man wird einer Schule und Klasse zugeteilt und muss mit den Arschlöchern dort irgendwie auskommen. Arschloch zu sein lohnt sich: Man kann andere abzocken, Schläger werden von anderen Schülern notgedrungen respektiert.

Die heutige Gesellschaft strengt sich also besonders an, Arschlöcher großzuziehen: Man lässt sie in Verhältnissen aufwachsen, in denen es sich lohnt, Arschloch zu sein. Erst Schule, dann Wehrdienst. Erst die ausgewachsenen Arschlöcher werden in die (heute leider nur etwas größere) Freiheit entlassen, wo sie umlernen müssen, sich kooperativ zu verhalten, wenn sie sich nicht isolieren wollen.

Die Libertären hingegen brauchen sich keine Sorgen zu machen – die Moral der Leute wird in einer libertären Gesellschaft steigen, nicht sinken. Die Arschlöcher verarmen von alleine, einfach weil keiner was mit ihnen zu tun haben will. Aber vielleicht merken sie es ja rechtzeitig und bessern sich. Um aufzusteigen, bräuchten sie Bürokratien, wo man nach oben buckelt und nach unten treten kann. Die gibt es in einer libertären Gesellschaft weniger als heute: Staatliche Bürokratien entfallen schon mal, und die Firmen dürften deutlich kleiner werden. Warum, dass ist allerdings eine andere Frage, die ich ein andermal behandeln werde.