Anarchismus

Eine Diskussion auf freiwilligfrei.de

Ich habe auf freiwilligfrei.de eine Diskussion zum Thema Pädophilie gestartet. Sie wurde inzwischen gelöscht.

Sicherlich nichts besonderes, auch nichts unerwartetes. Es ist klar, die Leute, die sich dort versammeln, haben nichts oder nicht allzu viel mit dem Thema zu tun, und es ist völlig normal, dass man in solch einem Fall aufgrund der jahrzehntelangen Hetze voll von Vorurteilen ist, die man nicht so schnell ausräumen kann.

Und es ist auch klar, dass eine solche Diskussion den Betreibern Bauchschmerzen bereitet. Denn neben ihren eigenen Vorurteilen haben sie ja auch, rein pragmatisch gesehen, mit der Gefahr der Anschuldigung gegen ihr Forum, „Pädophilen eine Plattform zu geben“, zu tun.

Ich habe mich daher von dort verabschiedet und die an einer Fortsetzung interessierten eingeladen, die Diskussion hier fortzusetzen. Der Verweis auf diese Seite, und damit verbunden auch mein explizites Outing, waren dann wohl doch zuviel, so dass der ganze Thread inzwischen gelöscht wurde.

Wie auch immer, bei der Verabschiedung hatte ich versprochen, hier noch inhaltliche Antworten auf die letzten Postings dort zu geben. Was ich hiermit tue:

Ein Kind ist nicht vollständig entwickelt. Je jünger es ist, desto weniger ist es „fertig“. Das betrifft sowohl den Körper, als auch den Geist. Die ersten Jahre sind für Kinder prägend. Das, was sie in dieser Zeit erleben, beeinflußt sie für ihr ganzes weiteres Leben. Schlägt man sie, verändert sich ihr Gehirn und sie haben später größere Probleme, sich sozial zu verhalten. Andere Schlechtigkeiten, wie Anschreien und Liebesentzug haben ähnliche Wirkung.
Wir kreisen in dieser Diskussion um die Definition von Gewalt.
Ist es Gewalt, ein Kind in seiner Prägephase sexuell zu was auch immer, ohne dass das Kind begreift, was in Wirklichkeit vorgeht.

Ich denke, man sollte Gewalt ganz klar und eindeutig definieren als etwas, was gegen den erklärten Willen des Kindes geschieht.

Diese Definition sollte man klar von der moralischen Frage trennen, wann Gewalt gerechtfertigt ist.

Also, Notwehr und Nothilfe sind Gewalt, allerdings legitime Gewalt.

Und manchmal kann Gewalt auch moralische Pflicht sein. Dies betrifft insbesondere Nothilfe. Aber eben auch den Schutz von Kindern vor objektiven Gefahren, die sie nicht erkennen. Also ein Kind festzuhalten, dass, dem Ball folgend, ins Auto rennt. Oder auch ihm harte Drogen wegzunehmen.

Den Begriff „Gewalt“ auf einvernehmliche, vom Kind gewollte Handlungen auszudehnen lehne ich als Orwell-artige Sprachmanipulation ab. Man kann inhaltlich Sex mit Kindern moralisch verurteilen, auch ohne die Sprache solcherart zu manipulieren.

Die Sprache auf diese Art reinzuhalten ist auch sehr wichtig für die Frage der Verhältnismäßigkeit der Reaktion. Ungerechtfertigte Gewalt gegen Kinder ist noch verwerflicher als gegen Erwachsene, und legitimiert scharfe Reaktionen. Die Sprachmanipulation verfrachtet Pädophile sofort in diese Kategorie, und legitimiert damit auch diese scharfen Reaktionen. Verurteilt man gewaltfreie sexuelle Beziehungen hingegen moralisch, steht die Frage nach der legitimen Reaktion neu. Ist es zu verurteilen als Manipulation? Das wäre zu diskutieren. Aber wenn es als Manipulation verurteilt wird, sind wir immerhin nicht mehr Vergewaltiger. Und es darf die Frage gestellt werden, warum wir so viel härter bestraft werden als sonstige Manipulatoren.

Ansonsten: Alles was wir tun beeinflusst die Kinder, und bei allem was wir tun, kann man argumentieren, dass die Kinder nicht beurteilen können, auf welche Weise wir dies tun. Die Tatsache der Beeinflussung allein, und der Unfähigkeit der Kinder, dies zu beurteilen, allein, ist somit nicht ausreichend für eine moralische Verurteilung.

Ist es aus biologischer und evolutionärer Sichtweise „normal“, pädophil oder schwul zu sein? Ich würde das in beiden Fällen verneinen. Schwulsein ist gesellschaftlich sicherlich „normal“ und akzeptiert, weil es Handlungen beinhaltet, die von zwei „gleichwertigen“ Erwachsenen ausgeübt werden, deren Prägephasen längst abgeschlossen sind. Hier herrscht keine Gewalt.

Bei sexuellen Handlungen mit Kindern sehe ich das völlig anders. Selbst das, was Du als „harmlos“ betrachtest, ist für mich Gewalt, da das Kind dadurch in einer Weise geprägt wird, was es weder einschätzen, noch wollen kann.
Das Problem, dass ich mit Pädophilie habe, ist kein wissenschaftliches, sondern ein moralisches.
Ist es unethisch oder gar unmoralisch, ein Kind in seiner Prägephase, zur eigenen Befriedigung zu manipulieren und auch in seiner späteren Entwicklung zu verändern. Ich bin davon überzeugt, dass es unmoralisch und ein gewaltsamer Akt ist.

Also Prägung durch gemeinsames, einvernehmliches Handeln ist in keinem Fall Gewalt. Dies ist völlig unabhängig von der moralischen Bewertung einer solchen Prägung. Es ist einfach Folge der Bedeutung des Wortes „Gewalt“ in der deutschen Sprache.

Manipulation zur eigenen Befriedigung ist, in einer engen Bedeutung, unethisch und unmoralisch. Es gibt allerdings auch weite Bedeutungen, nach der jede menschliche Sprachhandlung Manipulation ist (sie versucht ja, den Angesprochenen irgendwie zu beeinflussen) und in der jedes Handeln der eigenen Befriedigung dient (auch ethisches Handeln erhöht das Selbswertgefühl und verbessert das Selbstbild). Und hier gibt es, wenn man von der Gefahr des Missbrauchs solcher Bedeutungsverschiebungen absieht, auch ein reales Abgrenzungsproblem. Wo ist die Grenze zwischen fairer Argumentation und Manipulation?

Mein Vorschlag hier wäre, verurteilenswerte Formen der Manipulation unabhängig vom sexuellen Kontext herauszuarbeiten, und dies dann auf den sexuellen Kontext anzuwenden.

Verurteilenswert ist beispielsweise die Verheimlichung von wichtigen Informationen, das Ausnutzen von Unwissenheit und Unfähigkeit, etwas genau genug zu durchdenken. Dann gibt es Techniken der Überredung, beispielsweise Wir-Botschaften im Vergleich zu Ich-Botschaften („das wollen wir doch nicht, oder?“ statt „ich will das nicht. Was denkst du darüber?“)

Ähnlich kann man auch den Eigennutz abzugrenzen. Sicher, alles was wir erreichen wollen, ist im abstrakten Sinn unser Eigennutz. Daher würde ich vorschlagen, hier einen anderen Aspekt zu betrachten: Den Nachteil des Anderen. Eigennutz in diesem engen Sinn liegt vor, wenn das, was ich versuche zu erreichen, zum Nachteil des anderen ist. Wenn ich beispielsweise um den Preis feilsche, ist dies gegeben (und natürlich auch legitim). Versuche ich hingegen jemandem vom wahren Glauben zu überzeugen, um seine Seele zu retten, ist dies kein Eigennutz im engeren Sinn, obwohl ich natürlich auch was davon habe – Erfolg meiner Mission in diesem Leben und vermutlich noch Belohnungen danach.

Wendet man dieses Kriterium auf sexuelle Beziehungen an, können sie eigennützig sein, sind es aber in der Regel nicht. Man geht ja davon aus, dass auch der Partner Befriedigung erhält. Und die Befriedigung des Partners erhöht sogar noch die eigene Lust.

Antworten auf weitere Beiträge dort finden sich in den Kommentaren.

Kleiner Hinweis

Auf libertarian.blogsport.de/eine-geschaeftsidee wurde eine Geschäftidee vorgestellt, die wegen ihrer politischen Auswirkungen für Libertäre besonders interessant sein könnte.

Der Grund dafür, dass die Idee für Libertäre interessant ist, ist einfach der, dass die Idee für alle interessant ist, die kluge Minderheitsideen vertreten.

Eine kluge Minderheitsidee ist eine, die vielleicht insgesamt nur von 5% der Bevölkerung unterstützt wird, unter der dümmeren Hälfte jedoch nur von 1%, unter der klügeren Hälfte hingegen von 9%.

Libertäre Ideen sind dafür sicherlich ein gutes Beispiel.

Aber wie ist das mit Boylove?

Dafür, dass die Boylover selbst dümmer oder klüger als die Durchschnittsbevölkerung wären sehe ich keine Hinweise. Aber, was das Verhältnis zur Anti-Pädo-Hysterie angeht, sieht das schon deutlich anders aus.

In meinem Bekanntenkreis ist die Korrelation zwischen Klugheit und Ablehnung der Hysterie jedenfalls deutlich und erheblich. Am deutlichsten war die Korrelation zwischen Dummheit und Pädohass jedoch im Knast: Es gab eine sehr kleine Gruppe Intellektueller, in der das Verhältnis am unproblematischsten war, dann Vietnamesische Zigarettenhändler – also Leute, die nicht wegen ihrer kriminellen Natur, sondern wegen zivilisierten aber illegalen Handelns einsaßen – die freundlich zu mir waren, im Gegensatz zum Rest der dortigen Menschheit, bei dem sich die besonders aktiven Hasser noch durch besondere Primitivität auszeichneten. Aber auch außerhalb des Knastes: Die weitere Verwandschaft (Durchschnitt) will nichts mit mir zu tun haben, die eigene Bekanntschaft und die meiner (geschiedenen) Frau – Hochschulabschluss ist weit verbreitet – sieht mich deutlich positiver.

Und die Geschäftsidee ist einfach, Kluge und Dumme getrennt zu befragen. Wenn man liest, nur 5% sind gegen was auch immer, ist man natürlich dafür. Liest man hingegen, nur 1% der Dummen, aber 10% der Klugen sind dagegen, sieht das schon anders aus – man möchte schließlich lieber zu den Klugen gehören. Und Journalisten wie Politiker werden ähnlich reagieren – heute heulen sie mit der Mehrheit, aber werden sie auch die Meinung der Dummen verteidigen wollen?

Also, wenn die Geschäftsidee funktioniert, dürften wir Boylover davon profitieren.

Versuchen wir es doch einfach mal. Entweder jemand macht es selbst. Oder, wie ich hier, einfach die Idee weiterverbreiten. Wenn sie gut ist, und ich denke das ist sie, wird sie schon jemand realisieren. Und je früher das passiert, desto besser.

Und beim Weiterverbreiten müsst ihr ja nicht sagen, dass ihr die Idee hier gefunden habt.

Die effizienteste Form der Bestrafung

Im Jungsforum hatte ich eine Diskussion mit Stewie (ich hab mich dort Danil genannt, Sascha klappte irgendwie nicht). In der ging es um das von mir bevorzugte Modell einer libertären Gesellschaft ( siehe hier). In dieser gibt es insbesondere eine schwarze Liste, die Informationen über Wortbrüchige veröffentlicht.

Das Amüsante bei Stewie war, dass er nicht mal selbst wusste, was er dem Modell vorwerfen sollte. Einerseits warf argumentierte er, in dem Modell gäbe es ja keinerlei Bestrafung, also könnte jeder (insbesondere pöse kapitalistische Banken, die er gerne staatlich kontrolliert sehen will – und sowas nennt sich Anarchist) betrügen. Und auf der anderen Seite war die schwarze Liste plötzlich „brutale Repression“.

Nunja, ich gebe ja gerne zu, dass es nicht besonders nett zu den Wortbrüchigen ist, sie auf eine schwarze Liste zu setzen. Nur ist das allerdings nicht mehr als eine Information über Fakten. Immerhin setzt ein Eintrag dort einiges voraus: Erst einmal ein freiwillig gegebenes Versprechen. Dann das vorherige Einverständnis, dass ein Bruch des Versprechens auf die Liste kommen darf. Und dann brauchen auch noch die, die als Schiedsrichter darüber befinden dürfen, ob man auch wirklich wortbrüchig wurde, das vorherige Einverständnis, dass er sie als faire Schiedsrichter akzeptiert. Wer also nicht freiwillig bei dem Spiel mitmacht, kommt nie auf die Liste.

Ja gut, ein kleines bisschen Nötigung spielt schon eine Rolle. Wer ein Versprechen abgibt, aber nicht dazu bereit ist, beim Bruch auf die Liste zu kommen, oder nur seine allerbesten Freunde als Schiedsrichter akzeptiert, wird möglicherweise von vielen Anderen nicht als allzu vertrauenswürdig angesehen. Nunja, man hat allerdings, denke ich, kein Menschenrecht, als vertrauenswürdig angesehen zu werden. Das muss man sich schon selbst erarbeiten.

Wie auch immer, erläutern wollte ich eine ganz andere Idee. Oder genauer gesagt, keine Idee sondern etablierte ökonomische Theorie. Es gibt nämlich, rein vom Standpunkt der Kosten aus gesehen, Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Strafen.

Da ist einmal die teure Art der Bestrafung: Entweder Haftstrafen oder Körperstrafen. Der Verurteilte wird geschädigt. Der Rest der Gesellschaft auch. Insbesondere bei Haftstrafen muss der Rest der Gesellschaft das Gefängnis bezahlen, die Wärter, und was noch alles dazugehört. Selbst Todesstrafe ist nicht kostenlos – der Henker muss ja auch was bezahlt bekommen.

Dann die die gesellschaftlich neutrale Art der Bestrafung: Geldstrafe oder Arbeitsleistungen. Der Verurteilte zahlt die Strafe, oder leistet die Arbeit, jemand anders bekommt das Geld oder die geleistete Arbeit. Einer verliert, einer bekommt was, beides ist in etwa gleichwertig, also ist die Bestrafung selbst gesamtgesellschaftlich neutral.

Und dann gibt es noch eine Art von Strafe, bei der es noch besser aussieht – bei der die Gesellschaft sogar gewinnt. Die Verurteilung durch Verbreitung von Information.

Sicher, auch hierbei wird der Verurteilte geschädigt. Allerdings nur indirekt: Die anderen verändern ihr Verhalten ihm gegenüber, weil sie etwas über ihn erfahren haben, was für ihn nicht besonders günstig ist. Das schädigt ihn. Aber den anderen nützt es, und dies normalerweise mehr als es dem Verurteilten schadet.

Wieso das? Das kann man sich am besten an einem Beispiel klarmachen. Der Kassierer der Bank hat betrogen, der Chef der Bank erfährt davon, und die natürliche Reaktion ist, dass er den Kassierer entlässt. Das Geld der Bank dürfte nun etwas sicherer sein, zumindest ist dies anzunehmen. Der Chef profitiert also. Der entlassene Kassierer ist geschädigt. Wie komme ich allerdings dazu, zu behaupten, der Nutzen für den Chef wäre größer als der Schaden für den Kassierer?

Nun, ich nehme rein hypothetisch an, der Kassierer wolle den Job doch noch behalten. Wie kann er das erreichen? Indem er weniger Lohn akzeptiert. Wieviel weniger? Eine gute Frage. Im Prinzip könnte in dieser Situation die „Lohnhöhe“, zu der der Chef bereit wäre, den Kassierer weiter zu beschäftigen, sogar negativ sein.

Aber auf jeden Fall können wir ziemlich sicher sein, dass der Lohn, den der Kassierer erhalten könnte, ihn nicht befriedigen würde. Er wird es vorziehen, einen neuen Job zu suchen.

Gut. Aber damit können wir die Gesamtveränderung künstlich in zwei Teile unterteilen: Einmal die Änderung vom Ausgangspunkt – dem normalen Kassiererlohn – zum niedrigeren Lohn. Dies ist eine reine Umverteilung. Der Chef der Bank erhält genau das Geld zusätzlich, was der Kassierer weniger kriegt, und sonst ändert sich gar nichts. Insgesamt also neutral.

Und der zweite Schritt ist einvernehmlich: Der Kassierer kündigt und sucht sich eine neue Arbeit. Eine Veräderung, mit der alle einverstanden sind. Der Chef, sonst hätte er mehr Lohn bieten müssen. Der Kassierer, sonst würde er nicht kündigen. Und eine Veränderung mit der alle Betroffenen einverstanden sind ist eine Verbesserung. Neutral plus Verbesserung ist Verbesserung. Also kommt die Gesellschaft insgesamt besser weg.

Heutzutage werden Betrüger eingesperrt. Erhebliche Kosten für die Gesellschaft. Im libertären Modell verbreitet die schwarze Liste Information. Ein Nutzen für die Gesellschaft. Der Umgang mit Betrügern wird nicht nur libertärer (jeder entscheidet selbst, wie riskant es ist, einem Betrüger zu glauben, dass er sich gebessert hat), er wird auch noch deutlich billiger für die Gesellschaft insgesamt.

Was tun?

Die Frage hat ja bekanntlich schon Lenin gestellt. Ich hoffe allerdings, dass meine Antworten langfristig weniger Tote zur Folge haben als die von Lenin. Die Ausgangslage ist allerdings ähnlich: Lenins Truppe war ziemlich klein und kaum ernst zu nehmen, und die Lage der heutigen Anarchisten sieht keineswegs besser aus.

Trotzdem, zur Frage: Was tun? Als Anarchist gehöre ich zu einer verschwindend kleinen und verhassten Minderheit, als Boylover erst recht. Ok, zu dieser Schnittmenge zu gehören ist mein spezielles Problem, welches die meisten Leser wohl nicht teilen werden. Trotzdem, das Problem besteht für beide Gruppen von Lesern auch so.

Da ist vor allem die erhebliche Übermacht des Staates. Er hat inzwischen zu viele Leute schon aus rein finanziellen Gründen auf seiner Seite: All die Staatsbürokraten, die ihr Geld vom Staat bekommen. Und die ganz Reichen, die Monopole, die den Staat brauchen, um ihre Monopolmacht vor freier Konkurrenz zu schützen. Aber auch die ganz Armen, denen er Stütze zahlt: Auch wenn die die Bürokratie hassen, sie haben Angst was wird wenn die Staatsknete ganz wegfallen würde. Dass sie dann auf einem freien Markt ziemlich problemlos Arbeit kriegen dürften wissen sie ja nicht.

Es scheint chancenlos zu sein. Reformen? Welcher Reformer auch immer vorschlägt, den Staat einzuschränken, trifft auf eine riesige Lobby von Staatsbürokraten, die sich die idiotischsten Argumente ausdenken warum sie unbedingt ihre Arbeitsplätze behalten müssen. Mit voller wissenschaftlicher Unterstützung, schließlich sind die Uniprofessoren ja auch Staatsangestellte. Die etwas intellektuelleren TV-Sender sind auch alle staatlich (was den Staat nicht hindert, den Proll dafür zahlen zu lassen – eine der vielen staatlichen Umverteilungen von unten nach oben). Und was ich vom Rest der Massenmedien heutzutage halte, kann der geneigte Leser sich vorstellen – schon wegen der so beeindruckend neutralen und sachlichen Berichterstattung über diejenigen, die meine sexuellen Neigungen teilen.

Also keine Chance? Nun, ich bin ein kleines bisschen optimistischer. Ich denke, die Idee eines libertären Netzwerks könnte helfen. Der wichtigste Punkt ist, dass so ein Netzwerk auch heute schon programmiert und gestartet werden kann. Und dann kommt es darauf an, dass möglichst viele teilnehmen.

Aber dafür finden sich genug Gründe. Ich denke da vor allem erstmal an illegale Märkte. Die könnten das Netzwerk verwenden, um Beziehungen zwischen Anbietern und Nutzern aufzubauen und Reputation zu gewinnen. Natürlich ein ganz böser Missbrauch dieser Netzwerk-Idee, von dem ich mich hiermit auf das Schärfste distanzieren möchte. Aber manchmal können böse Menschen aus egoistischen Gründen ja auch was gutes tun, in diesem Fall, am Netzwerk teilzunehmen und damit die libertäre Bewegung zu stärken.

Ja, ich bin nunmal so zynisch, dass es mir ziemlich egal ist, dass so ein Netzwerk von verbrecherischen Grasverkäufern missbraucht werden kann, um ihre tödliche Ware zu verkaufen, und mich schreckt nicht einmal die Vorstellung, dass irgendwelche Perversen das Netzwerk missbrauchen könnten, um Musikvideos oder gar Fotos behaarter alter nackter Weiber zu verbreiten. Hauptsache das Netzwerk wächst. Das Schöne an ihm ist ja, dass man sich dort aussuchen kann, mit wem man es zu tun haben will. Ich muss mich also nicht mit Leuten abgeben, die dort Fotos von nackten Weibern (wie eklig) tauschen wollen. Sollen sie doch, solange sie mich damit in Ruhe lassen.

Und wenn man erstmal drin ist, lernt man schnell, dass es in vieler Hinsicht ganz gut ohne Staat geht. Und so könnte die libertäre Richtung schnell an Einfluss gewinnen.

Nur, damit ist natürlich der Staat noch lange nicht abgeschafft. Die Bürokraten kriegen immer noch ihre Staatsknete, und wollen mehr davon. Es muss also noch einiges dazukommen. Was?

Ich denke, vor allem auch ein moralischer Umschwung. Ich kann mir vorstellen, dass das Netzwerk von selbst einen solchen Umschwung herbeibringt, dadurch, dass es dem Einzelnen ermöglicht, eine Reputation als ehrlicher Mann unabhängig von staatlicher Justiz aufzubauen. Selbst wenn er mal, wegen was auch immer, im Knast landen sollte, solange er sein Wort nicht gebrochen hat, ändert das nichts daran, dass man ihm vertrauen kann. Der Wortbrüchige hingegen ist das Letzte, einfach schon deshalb weil man ihm nicht vertrauen kann. Man wird also schnell den ehrlichen Kriminellen dem verlogenen Polizeispitzel vorziehen. Eine natürliche, weil rationale, Moral.

Aber so ein moralischer Umschwung ist das, was gebraucht wird, um dem Staat den Rest zu geben. Es muss unmoralisch werden, Steuern zu zahlen, und moralisch, Steuern zu hinterziehen. Denn Steuern zahlen ist, wie Schutzgeld zahlen, eine, wenn auch unfreiwillige, finanzielle Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Hier ist der, der sich verweigert, der sein Geld versteckt, der Mutige, der, dem es nachzueifern gilt. Es muss moralisch akzeptabel werden, den Staat zu betrügen, ihn um sein gestohlenes Geld zu bringen. Praktische Möglichkeiten, sein Geld zu verstecken, liefert dann ein netzwerk-internes Bankensystem. Und wenn die Gehaltszahlungen über dieses Bankensystem abgewickelt werden, muss sich der Staat was einfallen lassen, um an Steuern ranzukommen.

Und es muss hingegen verachtenswert werden, dem Staat zu dienen. Das betrifft natürlich vor allem die Bullen, aber nicht nur. Auch Lehrer gehören der Verachtung preisgegeben – sie dienen immerhin als Aufseher in einer staatlichen Zwangsanstalt, deren Hauptaufgabe Indoktrination ist (auch wenn dies natürlich nicht zugegeben wird). Aber auch all die Beamten, die die verschiedensten staatlichen Kontrollaufgaben ausführen. Sie alle sind Abschaum, schlimmer noch, Staatsbeamte. Es muss ihnen peinlich werden, nach ihrem Beruf gefragt zu werden. Sie müssen sich fragen, ob man ihnen dann noch bereit ist die Hand zu geben.

Womit wir zurück zu Lenin kommen. In den letzten Jahren des Zarismus herrschte eine Stimmung unter der Intelligenz und den höheren Schichten, in der es anstößig war, einem Gendarmen die Hand zu geben. Und damit stand der Zarismus, so denke ich zumindest, auf verlorenem Posten.

Werden Firmen in einer libertären Gesellschaft größer als heute?

Eine Befürchtung ist, dass in einer freien Marktwirtschaft, ohne staatliche Regulierung, insbesondere ohne Einschränkung von Firmenzusammenlegungen durch den Staat (Kartellamt), die Firmen noch größer werden als heute.

Nun, ich glaube das nicht. Hier die Gründe:

1. Es ist heutzutage steuerlich extrem vorteilhaft, Gewinne nicht an die Aktionäre auszuschütten, sondern zu investieren. Der einfache Grund: Steuern. Die Gewinnausschüttung wird vom Staat kräftig besteuert, Reinvestitionen hingegen weitaus weniger, wenn überhaupt. Die Folge: Die Firmen wachsen. Steuerbegünstigt gewissermaßen.

2. Da gibt es den sogenannten Verbraucherschutz: Ein Trick der ganz großen Firmen, neue Konkurrenten auszuschalten. Denn man überlege nur einmal was neue Firmen machen: Sie bieten normalerweise (um auf dem Markt erstmal Fuß zu fassen) Billigprodukte an. Müssen sie auch, weil sie neu sind, unerfahren, die Qualität stimmt noch nicht. Und außerdem haben sie ja noch keinen etablierten Markennamen.

Wie kann man solche Konkurrenz im Keim ersticken? Na klar, durch staatliche Mindestandforderungen an Qualitätsstandards. Welche? Natürlich die Standards, die die heutigen Marktführer gerade so erfüllen. Damit es für einen Neuling extrem schwierig wird, sie schnell zu erreichen. Und so passiert es halt.

Wenn man einfach bloß die Verbraucher schützen wollte, bräuchte man so nicht vorzugehen. Es würden staatliche Qualitätssiegel völlig ausreichend sein: Der Verbraucher wäre informiert, welche Waren der Staat für hinreichend gut hält. Der Verbraucher könnte frei entscheiden, ob er der staatlichen Empfehlung folgt oder statt dessen das billige Produkt des Neulings kauft.

Den Vorteil hätte der Verbraucher: Einmal billigere Angebote der Neueinsteiger, und andererseits mehr Konkurrenz auch auf dem Qualitätsmarkt – den ewig bleiben die Neueinsteiger ja nicht neu. Und mehr Firmen im Konkurrenzkampf bedeutet im Endeffekt auch kleinere Firmen – man muss sich den Markt ja teilen.

3. Es gibt zum Ausschalten von Neueinsteigern noch andere Mittel. Insbesondere ist da das Verbot von Dumpingpreisen zu nennen. Dumpingpreise sind genau das, was Neueinsteiger machen. Sie produzieren, am Anfang noch schlecht, und haben noch gar keine Marktanteile. Die Anlaufphase ist sowieso verlustbehaftet, und daher sind Dumpingpreise ein wichtiges Mittel um schlimmeres zu verhindern: Man kann schon in der Anlaufphase voll produzieren. Außerdem erobert man Marktanteile und macht den Namen bekannt.

4. Und dann gibt es ja noch die Bürokratie. Jede Art von staatlicher Regulierung der Wirtschaft erfordert bürokratischen Aufwand bei allen Firmen. Nur ist der Aufwand verschieden: Je größer die Firma, desto weniger fällt die staatliche Bürokratie ins Gewicht. Denn wie läuft Bürokratie normalerweise: Jede Firma ist verpflichtet, regelmäßig irgendwelche Berichte zu liefern. Die müssen in einer größeren Firma keineswegs unbeding viel größer sein. Es gibt bei sowas zumindest einen konstanten Anteil: Gewisse Formulare müssen einmal pro Zeitraum und Firma ausgefüllt werden, man braucht Leute, die wissen, wie das zu machen ist, oder es zumindest einmal lernen müssen. Dieser konstante Anteil ist desto unerheblicher je größer die Firma ist, für kleine Firmen ist dies ein erheblicher Aufwand. Dann mag es auch noch einen Anteil an Pflichtschreibkram geben der proportional zur Produktion ist. Aber auch hier hat die größere Firma Effizienzvorteile, weil in ihr Arbeitsteilung möglich ist – den Papierkram erledigen Spezialisten. In der kleinen Firma hingegen muss der Chef das Zeug selber machen. Die Regel ist also einfach: Je mehr Büokratie, desto besser für die ganz großen Firmen.

Besonders pervers ist es, wenn die Firma Arbeit für den Staat machen muss. Also beim Steuerneintreiben und Pflichtversicherungsbeitragseintreiben die Arbeit für den Staat machen muss.

5. Man vergesse nicht die Nützlichkeit und Wichtigkeit staatlicher Lobbyarbeit. Die ist was ganz spezielles für die ganz Großen. Und es springt ja auch einiges raus für die ganz Großen, wie staatliche Rettungsmaßnahmen wenn eine ganz große Firma droht pleite zu gehen. „Too big to fail“ heißt es über diesen speziellen politischen Wettbewerbsvorteil der ganz Großen. Aber es gibt auch sonst genügend zu gewinnen, wenn man groß genug ist, im Lobbyismusgeschäft mitzumischen. Zum Beispiel neue staatliche Regulierungen, die der Konkurrenz höhere Kosten aufbürden als der eigenen.

Und all die Politikerreden über den Mittelstand? Guter Witz. Klar, man gewinnt keine Wahlen wenn man offen sagt, dass man vor allem für die ganz Großen da ist. Aber das war es auch schon.

Obwohl man natürlich auch all die bereits etablierten Handwerker und sonstigen Mittelständler mit staatlicher Überregulierung vor Konkurrenz schützen kann.

Und das Kartellamt? Nun, das unterstützt lediglich einige Große im Kampf gegen andere Große, meist gegen solche, die besser sind und deshalb größer zu werden drohen.

Ich frage mich nur eins – wie wollen die Großen eigentlich überleben, wenn sie nicht mehr vom Staat geschützt werden? Wenn jeder der Lust hat eine Firma aufmachen kann, ohne irgendwelche unnötige Bürokratie?