Könnten Literaturlisten uns etwas verraten?

Da gibt es also nun einen „Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch“ oder so (ach nein, es ist einer „für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“, sorry). Und der stellt uns, wie nett, Informationen bereit. Nun, ich gebe ja zu, dass ich da etwas voreingenommen sein könnte, was die Frage der Unabhängigkeit betrifft, und, ehrlich gesagt, auch was die Frage der wissenschaftlichen Kompetenz betrifft. Und was macht man halt als Wissenschaftler, wenn man gewisse Zweifel an der Kompetenz eines Beitrags hat? Man wirft erstmal einen Blick auf die Literaturliste.

Immerhin, es gibt eine. Immerhin 100 Einträge. Viel? Nicht wirklich. Da hat ja die Bibliothek von Pais, ganz ohne Steuerknete geschaffen, schon mehr zu bieten.

Hinzu kommt: kein einziger Fachartikel aus einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Die sind alle englisch? Nein, ganz so ist das auf diesem Gebiet nicht, da gibt es schon ein paar gute Sachen auch auf deutsch, beispielsweise die klassische und viel zitierte BKA-Studie von Baurmann 1983, die sich allerdings nicht in der Literaturliste findet.

Oder Rutschky, Wolff, Handbuch sexueller Mißbrauch von 1994. Unter den 17 bei „Herausgeber und Autoren“ aufgezählten finden sich 14 mal ein Dr. davor und 7 mal zusätzlich ein Prof., was immer diese Abkürzungen bedeuten mögen. Auch nichts für die Literaturliste.

Aber das ginge ja auch gar nicht. Denn das sind ja alles böse Täterlobbyisten, die Ursula Enders unter dem Titel „Die Täterlobby formiert sich“ schon 1995 entlarvt hat.

Wer für erwähnenswert gehalten wird

Diese Arbeit hat natürlich einen weitaus größeren wissenschaftlichen Wert, und sie ist Teil eines fundmentalen Kinderschutzepos, der in seiner aktuellen Auflage seinen verdienten Platz als ein Grundlagen-Fachbuch eingenommen hat: „Enders, U. (Hg.) (2010): Zart war ich, bitter war‘s. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen“. Ich habe zufällig die Ausgabe von 1995 vor mir, mit einer auch sehr beeindruckenden Liste von „AUTORINNEN“. Von den 14 Autorinnen hatten immerhin beeindruckende 9 ein Diplom. Sowas wie Dr. oder Prof. fand sich zwar gar nicht – aber das liegt sicher daran, dass die Prof. und Dr. alle Täterlobbyisten sind.

Die Kompetenz kann man nebenbei bemerkt auch am Inhalt vergleichen. Da ist zum Beispiel die Analyse von Kinderbildern. In beiden Büchern wurde u.a. ein und dasselbe Kinderbild analysiert. In Rutschky & Wolf 1994 untersuchte Hartmut Böhm ein Bild aus Enders 1990 und stellte folgende Diagnose: „Es wurde bei Bild 2 eine verfälschende Ergänzung vorgenommen, die die bei Raack diskutierte Sinngebung erst konstituiert“. Hm, da ist doch mal interessant, wie die Ausgabe Enders 1995 darauf reagiert. Oh, da steht ja was unter dem Bild: „Um den Gesamteindruck des Bildes zu erhalten, wurden vom Verlag die Pastellfarben mit Bleistift nachgezogen.“ Erwischt würde ich sagen.

Was findet sich in der Literaturliste eigentlich noch so? Oh, Ursula Enders noch weitere dreimal. Und Zartbitter e.V. kam auch als Verein nochmal vor. Hm, ob man man nachsieht, ob es noch weitere Autoren von Enders 1995 in die Literaturliste geschafft haben? Dirk Bange – lt. Enders 1995 Hauptamtlicher Mitarbeiter bei Zartbitter Köln – schaffte es vier mal. J.M. Fegert gleich sechs mal. Vermutlich ein weltbekannter Spezialist für Rechtsfragen, bei drei von vier Quellen zu „Rechtliche Themen“. Gisela Braun hat es auch noch mal geschafft.

Und da ist ja noch Marion Mebes, Mitbegründerin von Wildwasser Berlin, die es auch noch dreimal schaffte. Aber nicht nur das – sie ist auch noch Herausgeberin. Erst gründete sie den Verlag „Donna Vita“, der auch noch mal in die Literaturliste geschafft hat, dann „Mebes und Noack“. Und der hat es stolze vierzehn mal in die Literaturliste geschafft.

Also ca. 1/3 der Werke in der Literaturliste wurde entweder von Frau Mebes herausgegeben oder hat Koautoren von Frau Mebes als Autor. Muss wohl eine bedeutende Forscherin auf diesem Gebiet sein.

Welche Themen für wichtig gehalten werden

Allerdings, das war es gar nicht, weswegen ich mich daran gesetzt habe, diesen Artikel zu schreiben. Ich meine, dass das Geld für diese Kampagne rausgeschmissenes Geld ist, ist ja sowieso klar, und die Frage, in welche Richtung es rausgeschmissen wurde, ist zwar für die davon Getroffenen interessant, aber ansonsten sollten wir uns freuen, dass es weder an Al Qaida in Syrien noch an Verfassungsschutzspitzel zur NSU-Finanzierung gespendet wurde.

Was mir als erstes auffiel, und mir eigentlich mehr Sorgen macht, ist ein anderer Punkt. Eine solche Literaturliste könnte uns ja nicht nur verraten, welche Anschauungen die Missbrauchs-Beauftragten vertreten, oder von welchem Autorenkreis sie unabhängig sind, sondern auch für welche Themen sie sich überhaupt interessieren.

Als ich mich mal wieder dafür interessierte, was denn die Wissenschaft zur Frage des sexuellen Missbrauchs neues gefunden hat, fiel mir auf, dass es deutlich weniger Arbeiten gibt, in denen sexueller Missbrauch isoliert betrachtet wird. Er wird immer häufiger im Zusammenhang mit vielen anderen Misshandlungsformen betrachtet – körperliche Misshandlung, verbale und emotionale Misshandlung, Vernachlässigung, Gewalt in der Familie. Sexuelle Misshandlungen sind dabei eine wichtige, aber keineswegs mehr die wichtigste oder gar einzige Misshandlungsform, deren Folgen man untersucht. Es wird immer klarer, dass viele Opfer unter verschiedenen Misshandlungsformen leiden müssen, und das es nicht so sehr die konkrete Form der Misshandlung ist, sondern das dauernde Ausgeliefertsein, das Fehlen von Sicherheit gerade dort, wo das Kind sie besonders braucht – zu Hause.

Und diese Verschiebung in Richtung hin zu anderen Misshandlungsformen in der Familie ist natürlich auch eine Verschiebung weg von der vom Kind gewollten pädophilen Beziehung, hin zum vom Kind nicht gewollten Sex, insbesondere in der Familie – zu Formen der sexuellen Misshandlung, die mit den anderen Misshandlungsformen so viele Gemeinsamkeiten haben, dass es verständlich ist, dass sie alle dieselben traumatisierenden Folgen haben – etwas vom Kind nicht gewolltes, dem es ausgeliefert ist, und was sich ständig wiederholen kann.

Soviel dazu wofür sich die Wissenschaft heute interessiert. Aber was interessiert den Beauftragten für Fragen des Missbrauchs? Ganz was anderes.

Was steht statt dessen im Mittelpunkt des Interesses? Gehen wir mal kurz durch, was unter Punkt 1 – Fachbücher – so alles angegeben wird:

1.1 Grundlagen – gerade mal 4 Bücher, 50% Zartbitter-Anteil (Enders und Bange)

1.2 Jungen – 2 Quellen, 50% Zartbitter-Anteil (Bange)

1.3 Täterinnen – 2 Quellen, 50% Zartbitter-Anteil (1 x Donna Vita)

1.4 Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen – 4 Quellen, 50% Zartbitter-Anteil (Bange, 1x Mebes und Noack)

1.5 Sexueller Missbrauch in Institutionen – 9 Quellen, 33% Zartbitter-Anteil (Enders, 2x Fegert)

1.6 Interkultureller Kontext – 2 Quellen, 100% Zartbitter-Anteil (2x Mebes & Noack)

1.7 Beratung und Therapie – 9 Quellen

1.8 Selbsthilfe / Literatur von Betroffenen – 7 Quellen

1.9 Besonderer Förderbedarf – 3 Quellen

1.10 Rechtliche Themen – 4 Quellen, 75% Zartbitter-Anteil (3x Fegert)

Die schlimmsten Formen des sexuellen Missbrauchs – sexuelle Gewalt von Vätern an ihren Kindern, besonders Töchtern, die Inzest zu nennen Verharmlosung ist weil dieses Wort ja auch einvernehmlichen Sex bezeichnen kann – spielen irgendwie überhaupt keine Rolle.

Worum geht es denn dann? Offentsichtlich um eine Ausweitung der Hysterie. Statt die Sexhysterie zurückzufahren und sich auf sexuelle Gewalt und Misshandlung in der Familie zu konzentrieren, und sich mehr um die vernachlässigten anderen Formen von Kindesmisshandlung zu kümmern, konzentriert man sich auf den Sex, und gerade auf die Formen des Sex, die viel häufiger gewollt und harmlos sind: Jungen, von denen schon lange bekannt ist, dass sie Sex viel positiver sehen als Mädchen, Frauen als Täterinnen – da kriegt ja selbst die Volksseele mit, dass es Quatsch ist, und dass die meisten „missbrauchten“ Jungs sich freuen, wenn sie von den Frauen rangelassen werden.

Und die Sexspiele von Kindern untereinander. Das ist natürlich wichtig – kann ja nicht sein, dass die Leute es gut finden, wenn Jungs untereinander alle möglichen Sexspiele machen, und der Boylover dann verwundert fragen kann, warum es so eine Katastrophe sein soll, wenn einer der Mitspieler über 14 ist. Nein, auch Sex unter Kindern muss immer Missbrauch sein – schließlich wird ja immer eins von ihnen älter sein als die anderen.

Und dann geht es gegen Institutionen – einmal wohl Kulturkampf gegen die kath. Kirche, in der Tradition von Bismarck und Goebbels, oder auch alternative Schulformen wie Odenwaldschule, sicher aber auch mehr staatliche Kontrolle über Sport- und Freizeitvereine.

Warum mir diese Ausweitung Sorgen macht? Weil es meiner Voraussage entspricht, was passiert, wenn es weiter in Richtung Totalitarismus geht. Denn der Pädophile ist zwar fast der ideale Feind – aber eben nur fast. Das ideale Feindbild in einem totalitären System ist eines, bei dem jeder jederzeit verdächtig ist, der Feind zu sein, und somit jeder jeden Augenblick verhaftet werden kann, ohne dass es auch nur irgendeine Form von Solidarität durch seine Freunde oder Angehörigen gibt. Der Pädophile ist da fast ideal – es gibt ihn überall, in jeder Rasse, jeder Nation, jeder Schicht, jeder Religion, jeder politischen Partei.

Nur eben nicht in jedem Alter und jedem Geschlecht. Er ist männlich und erwachsen. Und das reicht eben nicht. Deswegen braucht man Frauen als Täterinnen und Kinder als Täter.


0 Antworten auf „Könnten Literaturlisten uns etwas verraten?“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei × = vier