Über die Tragik der Verhandlungsmoralisten

Dieser Artikel entstand als Reaktion auf einen Artikel von Gunter Schmidt, „Über die Tragik pädophiler Männer“, Z. Sexualforsch. 12, 133-139, 1999 (siehe itp-arcados oder Pais), der sowohl im deutschen Original wie auch in einer englischen Übersetzung in den Archives of Sexual Behavior eine wichtige Rolle in der Diskussion gespielt hat. Wichtig genug, dass ich eine Analyse für nützlich hielt, hat mich der Stil, wie er schon in der Verwendung des Begriffs „Tragik“ im Titel zutage tritt, dazu provoziert, dieser Analyse die Form einer Parodie auf den Text selbst zu geben:

Die Debatte ist alles andere als hitzig. Der Grat, auf dem die Beteiligten sich meist überaus vorsichtig bewegen, ist schmal, der Grat zwischen dem politischem Ende aufgrund von Verleumdungen, Interessenvertreter Pädophiler zu sein, und dem moralischen Ende aufgrund der Verteidigung verlogener Legitimierungen der Verfolgung Pädophiler. Fast jeder kippt auf der einen oder anderen Seite in den Abgrund. Die Neigung zum Schweigen und Scheinheiligkeit ist groß. Die Argumente der Pädophilen werden totgeschwiegen, wieder und wieder. In der Regel verschweigt man die offensichtlichen Einwände mit beeindruckender Lautstärke, addressiert an geneigte Ohren, die Einwänden gegenüber längst hochgeklappt sind.

Faschisten wie Verhandlungsmoralisten, um von Anfang an meine Feindbilder in dieser Debatte kenntlich zu machen, verzerren gleichermaßen die Realität der argumentativen Situation, kolonisieren den Diskurs. Unser Ziel sollte sein, die Argumente Pädophiler wenigstens einmal unverfälscht anzuhören, sie überhaupt wieder im Diskurs zuzulassen. Eine Voraussetzung dafür scheint mir zu sein, die Argumentation der Verhandlungsmoralisten zu entwirren, was nur möglich erscheint, wenn man die offiziellen Medien verlässt und so überhaupt erst die von beiden Seiten verschwiegenen und verfälschten Argumente der dritten Seite, der Pädophilen, mit ins Spiel bringen kann.

Meinem Versuch, die Argumentation der Verhandlungsmoralisten zu entwirren, möchte ich meine Definition des Verhandlungsmoralisten vorausschicken, damit deutlich wird, wovon ich rede. Verhandlungsmoralisten sind Leute, deren politische Ziele eigentlich auf sexuelle Freiheit gerichtet sind. Sie selbst sind sehr heterogen in Bezug auf das, was sie selbst an sexuellen Freiheiten begehren – es gibt unter ihnen Homosexuelle wie Heterosexuelle, Sadisten wie Masochisten, Frauen wie Männer, Prostituierte wie Freier, Pornodarsteller wie Pornogucker, Monogamisten wie Polygamisten. Dennoch besteht ein prinzipieller Unterschied zum Verteidiger allgemeiner sexueller Freiheit: Sie beteiligen sich am öffentlichen, oder genauer offiziellen, Kinderschutzdiskurs. Und dies ist ein Diskurs, bei dem die eine Seite, die ich der Einfachheit halber „die Pädophilen“ nennen werde, nicht, wie in idealen oder wissenschaftlichen Diskursen üblich, ihre Argumente öffentlich, in den Mainstream-Medien, vortragen und vertreten können. Und dieser Machtmissbrauch gefährdet die Wahrheitsfindung im Diskurs, droht den Diskurs zu überfahren.

Damit sind wir unversehens beim politischen Diskurs angelangt, besser bei den politischen Diskursen, denn es gibt mindestens zwei, und auch die sind strikt auseinanderzuhalten. Ihre Verfechter haben nicht viel miteinander im Sinn. Der erste dieser Diskurse ist der traditionelle, ich nenne ihn den faschistischen. Er ist dumpf, affektgeladen, nivellierend, vorurteilsfreudig und antiaufklärerisch. Kinderschänder dienen als Untermenschen, die mit allen verfügbaren Mitteln identifiziert und unschädlich gemacht werden müssen, wozu eine totalitäre Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft notwendig ist. Der Kampf gegen Kinderschänder ist dabei nur ein Ausgangspunkt für den Kampf gegen sexuelle Freiheit überhaupt. So wird Kinderschutz in Richtung Jugendschutz ausgeweitet und der Kampf gegen Kinderpornographie und Kinderprostitution zu einem Kampf gegen Pornographie und Prostitution, zuerst von Jugendlichen, und dann generell.

Das Ungeschlachte dieses Diskurses verführt leicht dazu, politische Überlegungen zum Thema prinzipiell als „von gestern“ abzutun und den zweiten politischen Diskurs zu übersehen, der die politische Diskussion heute vermutlich schon sehr viel stärker beeinflußt und verschärft als das laute Getöse der Stammtischmoralisten. Dieser Diskurs basiert auf der Akzeptanz des breiten gesellschaftlichen Vorurteils gegen pädophile Beziehungen. Mit Pädophilen überhaupt zu diskutieren, die Argumente der Pädophilen auch nur anzuhören, wird als politischer Selbstmord betrachtet und verworfen. Es ist ein unaufgeklärter aber aufgeklärt tuender politischer Diskurs, der gerade auch in linken Gruppen virulent ist, die früher eher zurückhaltend bei der Beteiligung an der Hetze gegen die Pädophilen waren: Ich meine den Konsensdiskurs, der die Selbstverteidigung der Befürworter sexueller Freiheit vor dem Vorwurf, Pädophilie zu unterstützen, heute dominiert.

Die traditionelle Sexualmoral, die Akte (also: vorehelichen, außerehelichen, gleichgeschlechtlichen, Oral-, Verhütungsverkehr usw.) unabhängig vom Alter der Beteiligten als „schlecht“ bewertete, verschwindet, sie kann als abgeschafft gelten. Ersetzt wird sie durch eine Moral der Altersapartheid, d.h., als sexuell erlaubt gilt alles, was zwei (oder auch mal mehr) gleichaltrige Partner miteinander ausmachen und wollen. Bewertet werden nicht mehr sexuelle Akte, sondern die Überschreitung der Altersgrenzen. Man kann deshalb von einer Altersapartheidsmoral sprechen.

Während fast alle sexuellen Besonderheiten, z. B. der Sadomasochismus, im Schutze der Intimate Citizenship gelassener beurteilt werden als noch vor 20 Jahren und den Status eines sexuellen Lebensstils statt einer sexuellen Verfehlung erhalten haben, geraten Befürworter sexueller Freiheit und eines Selbstbestimmungsdiskurses im Gegensatz dazu immer stärker unter Druck, weil sie auch gegen die einzige Kastenschranke, die in der modernen Welt Menschen mit vollen Bürgerrechten von Menschen mit deutlich geringeren Rechten (einen Erwachsenen mit den Rechten eines Kindes würde man als Leibeigenen qualifizieren) unterscheidet, anzweifeln. Sie werden heute, als Folge eines unaufgeklärten, demokratischen politischen Diskurses, der, wie gesagt, gerade die Linken erreicht und beeinflußt, als Pädolobbyisten verleumdet und schärfer verfolgt als früher.

Die zentrale Frage ist: Zerstört das Pädophilieverbot das Konzept der Selbstbestimmungsmoral unausweichlich? Das ist keine Frage bei sonstigen Verboten von gewolltem Sex, wie Verboten von Homosexualität, Ehebruch oder einvernehmlichen SM-Spielen, deren Konflikt mit einer Selbstbestimmungsmoral nicht zu verheimlichen ist. Wir müssen das Problem also zuspitzen: Kann es überhaupt verheimlicht werden, das ein Verbot von von Kindern selbst gewollten sexuellen Spielen mit Erwachsenen die Selbstbestimmungsmoral zerstört?

Dies bejahen die Verhandlungsmoralisten, und sie argumentieren in etwa so: „Wegen des Machtungleichgewichts von Erwachsenem und Kind kann es gar keine gleichberechtigten Verhandlungen zwischen Erwachsenen und Kindern geben, und wenn wir Kinder selbstgewollten Sex mit Erwachsenen verbieten, schützen wir sie in Wirklichkeit nur davor, in Verhandlungen mit Erwachsenen überredet oder manipuliert zu werden.“ Diese Botschaft hört man in vielen Versionen. In zahlreichen Gesprächen mit Verhandlungsmoralisten hatte ich selten Zweifel an der subjektiven Wahrheit dieser Aussage, auch deshalb nicht, weil viele Verhandlungsmoralisten auf sexuelle Varianten stehen (BDSM, Prostitution, unsichere Sexpraktiken), die in der Tat komplexere Absprachen und Risikoabwägungen voraussetzen, und bei denen die Unkenntnis von Risiken in der Tat die Gefahr birgt, dass man bei solchen Verhandlungen übers Ohr gehauen wird. Doch ich bin skeptischer als Gunter Schmidt, ob man die Selbstbestimmungsmoral, die alle Handlungen billigt, die von allen Beteiligten gewollt sind, mit einer Verhandlungsmoral identifizieren kann, die die Partner als in einem Konflikt stehend betrachtet, der durch Verhandlungen gelöst werden muss. In einer Arbeit „Über die Tragik pädophiler Männer“ identifiziert Schmidt (1999) die Selbstbestimmungsmoral mit einer Verhandlungsmoral. Ich glaube, daß Schmidt zu dieser Verwechselung kommen kann, weil er bei seinen Analysen zu sehr auf mögliche Probleme in Verhandlungen schaut und dabei die Tatsache, dass die meisten von Kindern gewollten sexuellen Handlungen oberflächliche Spielereien sind, die keine Risiken mit sich bringen, zu deren Abschätzung Kinder nicht imstande wären, ausblendet oder zuwenig berücksichtigt.

Ich will dies an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ein Verhandlungsmoralist möchte für seine Argumentation ein Beispiel konstruieren, in dem eine an sich einvernehmliches Geschehen doch nach der Verhandlungsmoral moralisch verwerflich erscheint. Dazu denkt er sich einen Pädophilen aus, der einen 10-jährigen Jungen aus der Nachbarschaft seine elektrische Eisenbahn zeigt, dabei behauptet, sein Rücken sei verspannt, und den Jungen fragt, ob er ihn nicht mal massieren könnte, womit der Junge einverstanden ist. Als der Mann ihn danach fragt, ob auch er massiert werden wolle, lehnt der Junge ab. Er spielt noch eine Weile mit der Eisenbahn, dann verabschiedet er sich und geht nach Hause. Da auf der Handlungsebene das Nein des Jungen akzeptiert wurde, kann der Verhandlungsmoralist vorgeben, dass dies den vielen Berichten über einvernehmliche Beziehungen mit Kindern im wesenlichen entsprechen würde. Allerdings verwendet der Pädophile in der Konstruktion mit der Lüge vom verspannten Rücken, und der Verheimlichung des sexuellen Genusses durch die Massage durchaus moralisch verurteilbare Manipulationstechniken, so dass eine Verurteilung dieses Beispiels als nicht der Verhandlungsmoral entsprechend möglich erscheint.

In diesem Beispiel ist noch nichts gegen die Prinzipien fairer Diskussion geschehen. Auf der Ebene des Beispiels ist das scheinbar ein plausibles Geschehen, wie es bei vielen Pädophilen auch im realen Leben vorkommen könnte, die sich ja bewusst sind, was sie mit einem ehrlichen Eingeständnis, dass sie Sex wollen, riskieren, und die daher bei solch harmlosen, oberflächlichen Kontakten natürlich oft gegen das moralische Ideal absoluter Ehrlichkeit verstoßen. Die Frage, ob man dem geliebten Jungen gegenüber angesichts der heutigen Verfolgungssituation seine Pädophilie offen zugeben oder besser verheimlichen sollte, ist ein moralisches Problem, welches viele Pädophile bewegt.

Doch wenn wir den sozialen Kontext betrachten, die Bedeutung dieses Beispiels für die Argumentation einbeziehen, so erkennen wir rasch, dass der Verhandlungsmoralist und der Selbstbestimmungsmoralist sich in verschiedenen Diskursszenarien bewegen. Das heißt, dass das, worüber sie scheinbar diskutieren, für beide ganz verschiedene Bedeutung hat, das Ganze also gar kein Diskurs sein kann. Man muss die gleichen Fragen betrachten, um einen Diskurs führen zu können. Der Selbstbestimmungsmoralist sieht im Beispiel ein moralisches Dilemma, welchem ein Pädophiler ausgesetzt ist, weil er gesellschaftlich verfolgt wird, wenn er in Bezug auf seine Pädophilie ehrlich ist, welches jedoch die Selbstbestimmung des Jungen nicht beeinträchtigt. Der Verhandlungsmoralist sucht hingegen einen Grund, dem Pädophilen einen Verstoß gegen die Verhandlungsmoral zu unterstellen, um so eine generelle Ablehnung pädophiler Beziehungen auf Basis der Verhandlungsmoral zu rechtfertigen und damit Attacken, er sei ein Pädolobbyist, abzuwehren. Ein Faschist, der in einem Kinderschützerforum vom Verhandlungsmoralisten gefragt wird, ob dies ein legitimer Grund ist, pädophile Beziehungen zu verurteilen, weiß, dass sich hier jemand vor dem Vorwurf, Pädolobbyist zu sein, verteidigen will. Für den Selbstbestimmungsmoralisten aber ist ein moralisches Dilemma nur ein moralisches Dilemma, das Verschweigen der eigenen pädophilen Neigung nur eine bedauernswerte Notwendigkeit des Selbstschutzes, den er aus dem alltäglichen Leben kennt, der aber die Selbstbestimmung des Jungen wenn überhaupt dann nur unwesentlich beeinträchtigt hat. Kurz: Das Problem des Diskurses zwischen Verhandlungsmoralisten und Selbstbestimmungsmoralisten liegt in der Disparität der politischen Ziele. In Gesprächen mit Verhandlungsmoralisten ist dies immer wieder erfahrbar und auch einsichtig zu machen. Und auch die vielen Beispiele, die man in Diskussionen über informierten Konsens findet, belegen diese Disparität. Nur wenn man die Ebene der sozialen Selbstverteidigung vor der Anschuldigung, Teil einer Pädophilenlobby zu sein, wegläßt, vermag man eine sinnvolle, offene Diskussion oder wenigstens das Fehlen primitiver Verleumdungen zu entdecken.

Um die Disparität der Argumentationsziele kann nur der Verhandlungsmoralist wissen, nur er könnte sie überwinden, wenn er sagte, was er wirklich will – und zweifellos käme die Ablehnung durch den Selbstbestimmungsmoralisten dann früher und ausdrücklich. Es gehört zur Verfahrenheit der Situation, daß der Verhandlungsmoralist die Disparität der politischen Ziele aufrechterhalten muß, damit das Stück weiterläuft. Er wird also eher dafür sorgen, daß sie nicht aufgehoben wird; er ist auf die Täuschung angewiesen. So betrachtet ist ein politisches Bündnis zwischen Verhandlungsmoralisten und Selbstbestimmungsmoralisten für mich schwer vorstellbar. Es gibt zweifellos Ausnahmen, z.B. Pädophile, die schon wissen, was gemeint ist, die wichtige politische Interessen Pädophiler auch ohne offene Pädopropaganda erreichen wollen, und die neugierig darauf sind, wie Nichtpädophile politisch mit ihnen zusammen agieren und was sie mit ihnen erreichen können.

Ich will hier nur kurz einfügen, dass interessanterweise auch Verhandlungsmoralisten mit der Existenz kindlicher Sexualität argumentieren. Diese Sexualität, so sagen sie, sei von den Pädophilen bedroht, die kindlichen Sex unter Gleichaltrigen unterbinden und ihnen eine total andersgeartete Erwachsenensexualität aufdrängen und damit die kindliche Natur beschneiden. Kinderschützer würden Kinder zur Verhandlungssexualität führen, indem sie Sexspiele unter Gleichaltrigen tolerieren, sie aber von Repressionen und Versagungen durch Pädophile befreien. Abgesehen davon, daß dies eine etwas lächerliche Auffassung von Sexualität mit unverkennbar apologetischer Funktion ist, die bei der Diskriminierung, der alle, die positiv zu Kindersexualität stehen, ausgesetzt sind, allerdings nachvollziehbar ist, ist das Bild von Kindersexualität, das dahinter aufscheint, von Interesse für die

Diskussion. Das Kind ist der kleine Erwachsene, der sexuell überhaupt nichts über seinen Körper und seine erotischen und sexuellen Möglichkeiten lernen muss, weil solches Wissen irgendwie von ganz alleine entsteht.

Es ist ein künstliches Bild von Kindersexualität, und die Verhandlungsmoralisten befinden sich mit diesem Bild in politisch machtvoller Gesellschaft. Einige Feministen haben es vertreten, die Kindersexualität als etwas völlig anderes als Erwachsenensexualität ansehen, sie werde weniger häufig und zielgerichtet praktiziert als beim Erwachsenen, aber etwas sehr zentrales sei von früh an

vorhanden: Eine ausschließliche sexuelle Neigung zu Gleichaltrigen. Sie denken in Begriffen des Aushandelns des Preises mit Prostituierten oder des Ehevertrags, nicht in Beziehungen oder Bedeutungen solcher Erlebnisse für das Lernen von Sexualität. Letztlich glauben sie, die Beschränkung von Kindersex auf unangeleitete Selbstexploration oder maximal auf Beziehungen im Rahmen einer engen Altersspanne könnten der freieren Entwicklung des Kindes eher förderlich sein. So sehen sie, jenseits von Zwang und Gewalt durch Verhöre, Trennungen und Knast, Verbote von Sex zwischen Menschen verschiedenen Alters gelassen, zwei mit verschiedener Sexualität Ausgestattete kommen eben nicht zusammen.

Ein solches, wie gesagt, lächerliches Bild von Sexualität gilt heute als antiquiert. Faschisten haben schon in den 70er-Jahren darauf hingewiesen, dass auch Sex unter Kindern als sexueller Missbrauch bekämpft werden muss. Homologe sexuelle Verhaltensweisen von Kindern untereinander sind nicht dasselbe, weil Kinder, die selbst schon Sex mit Erwachsenen hatten, dadurch selbst zu Missbrauchern geworden sind. Das Manipulieren der Genitalien ist beim noch nicht missbrauchten Kind etwas anderes als bei einem bereits missbrauchten Kind mit erotischen Phantasien und Vorstellungen.

Die Problematik verhaltensmoralischer Diskussion kann man, und darum ging es mir zunächst, jenseits des Verlogenheitsdiskurses erörtern, man muß die Verlogenheit nicht instrumentalisieren, um ein Unbehagen an der Argumentation der Verhaltensmoralisten quasi klinisch zu artikulieren und zu legitimieren. Wenn man die Ebenen der Selbstverteidigung und der Verlogenheit derart entzerrt hat, dann, so hoffe ich, kann die Diskussion über die Folgen, die antipädophile Hetze für Pädophile, Kinder, und die Gesellschaft als Ganze hat, wieder realistischer werden, d.h. wieder stärker der Realität der Gesellschaft entsprechen.

Auch diese Debatte ist flau und verstümmelt. Einige Beispiele: Internetaktivisten verweisen auf den Missbrauch der Kinderpornohysterie zur Etablierung von Zensur im Internet. Die Notwendigkeit der Bekämpfung von Kinderpornographie, kontern die Kritiker, mache politische Maßnahmen zur Überwachung des Internets notwendig, es sei insbesondere naiv bis fahrlässig zu glauben, man könne ohne Internetzensur den Kinderpornomarkt beseitigen.

Unbeschadet solcher Auseinandersetzungen und vieler Ungewißheiten sollte man sich, so glaube ich, über zwei Ziele verständigen können, sozusagen als politischer Minimalkonsens (und vielleicht sogar vereinbaren, sie durch weitere politische Aktionen zu stärken):

* (1) Zensurmaßnahmen und staatliche Kontrolle sind für die Gesellschaft, auch wenn sie durch breite Bevölkerungsmassen unterstützt werden, ein Risiko bleibender totalitärer Herrschaft, und zwar vermutlich desto stärker, je intimere Bereiche der Zensur unterworfen werden; je mehr dies alles mit Kinderschutz legitimiert wird und damit die Erziehung der Kinder verzerrt; je stärker sie in familiäre Beziehungen eingreift; je größer das Interesse an den zensierten Darstellungen ist; je desolater das politische Klima des Staates ist; je manipulativer die Meinung des Volkes von den Medien kontrolliert wird – und anderes mehr.

* (2) Es gibt viele nichtsexuell Freundschaften von Erwachsenen mit Kindern, die für das Kind sehr positiv sind, gleichwohl unter dem Pauschalverdacht gegen pädophile Beziehungen leiden. Nichtsexuelle Freundschaften und pädophile Beziehungen überschneiden sich nur partiell; was dem Pauschalverdacht suspekt erscheint, muß noch keine pädophile Beziehung sein. Dies gilt vermutlich für viele oberflächliche Freundschaften, Beziehungen im Rahmen von Verwandtschaft, Schule, Nachhilfe, Sportverein oder Hobby die zu persönlichen Freundschaften werden. Hier muss man fragen: Was haben wir aus unserer Gesellschaft gemacht, wenn wir glauben, Freundschaften zwischen Männern und Kindern seien generell verdächtig?

Wir sehen: Die Bewertung von Freundschaften Erwachsener mit Kindern muß wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden – um der Realität der Kinder gerecht zu werden, die solche Freundschaften brauchen, und die heute weit verbreitete Angst Erwachsener, durch zu freundschaftliches Verhalten gegenüber Kindern in den Verdacht der Pädophilie zu kommen, wieder zu reduzieren – eine Angst, die zu fatalen Folgen bis hin zu unterlassener Hilfeleistung für Kinder führen kann und außerdem zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird, weil natürgemäß Pädophilie noch am ehesten bereit sind, trotz dieser allgemeinen Angst eine Freundschaft mit einem Kind zu riskieren.

Doch unabhängig von solchen Überlegungen zur Schädigung der gesamten Gesellschaft durch die Missbrauchshysterie ist die Verhandlungsmoral ganz offenbar eine langfristig nicht ernstzunehmende Strategie, weil sie einer zentralen politischen Gefahr – der faschistoiden Hetze gegen die sexuelle Minderheit der Pädophilen – nicht entschieden genug entgegentritt. Das ist die Tragik der Vertragsmoralisten. Um die Konfrontation mit dem Faschismus zu vermeiden, behaupten sie einen großen Unterschied an Macht und Einfluß, an Kenntnis und Wissen, als Vorwand, pädophile Beziehungen abzulehnen. Aber die pauschale Unterstellung von Machtmissbrauch lediglich auf der Basis einer Machtdifferenz, die noch dazu im realen Leben, wo ein falsches Wort des Kindes den Pädophilen ins Gefängnis bringen kann, ein umgekehrtes Vorzeichen hat, und das Behaupten einer Gefährdung in einer Situation, wo lediglich Schädigungen durch sexuelle Gewalt und Nötigung erwiesen, aber die einzig bekannten negativen Folgen von gewolltem Sex Sekundärschäden durch die gesellschaftliche Verfolgung sind, machen antipädophile Argumentation unaufhebbar verlogen.

Tragisch ist diese Situation, weil die politische Orientierung des Vertragsmoralisten tief und strukturell bis in seine Identität hinein auf mehr sexuelle Freiheit gerichtet ist. Sexuelle Freiheit gehört für ihn zu einer modernen Gesellschaft, für Homosexuelle wie Transvestiten, Sadisten wie Masochisten, Pornografen wie Prostituierte, für alle, die die sexuelle Selbstbestimmung ihrer Partner akzeptieren und sexuell nichts tun, was ihre Partner nicht wollen. Doch eine grundsätzliche, konsequente Verteidigung sexueller Freiheit, die auch die Verteidigung einvernehmlicher pädophiler Beziehungen beinhalten müsste, scheint in der heutigen Gesellschaft, die von Verschärfungen der sexuellen Repression auf den verschiedensten Gebieten und einer faschistischen Jagd auf Pädophile gekennzeichnet ist, unmöglich, und die einzige Chance für eine Verteidigung bereits erkämpfter sexueller Freiheiten scheint es zu sein, der Verfolgung der Pädophilen unter einem scheinheiligen, verlogenen Vorwand zuzustimmen, um wenigstens die sexuelle Freiheit der Erwachsenen zu retten. Für diese Bürde, ihre eigentlichen Anschauungen nicht offen verbreiten zu können, und durchsichtige Rechtfertigungen für ihren Verrat verteidigen zu müssen, verdienen sie Mitleid, nicht Vorwürfe wegen Verlogenheit, Verständnis, nicht Verachtung.


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