Archiv für Januar 2013

Könnten Literaturlisten uns etwas verraten?

Da gibt es also nun einen „Unabhängigen Beauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch“ oder so (ach nein, es ist einer „für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“, sorry). Und der stellt uns, wie nett, Informationen bereit. Nun, ich gebe ja zu, dass ich da etwas voreingenommen sein könnte, was die Frage der Unabhängigkeit betrifft, und, ehrlich gesagt, auch was die Frage der wissenschaftlichen Kompetenz betrifft. Und was macht man halt als Wissenschaftler, wenn man gewisse Zweifel an der Kompetenz eines Beitrags hat? Man wirft erstmal einen Blick auf die Literaturliste.

Immerhin, es gibt eine. Immerhin 100 Einträge. Viel? Nicht wirklich. Da hat ja die Bibliothek von Pais, ganz ohne Steuerknete geschaffen, schon mehr zu bieten.

Hinzu kommt: kein einziger Fachartikel aus einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Die sind alle englisch? Nein, ganz so ist das auf diesem Gebiet nicht, da gibt es schon ein paar gute Sachen auch auf deutsch, beispielsweise die klassische und viel zitierte BKA-Studie von Baurmann 1983, die sich allerdings nicht in der Literaturliste findet.

Oder Rutschky, Wolff, Handbuch sexueller Mißbrauch von 1994. Unter den 17 bei „Herausgeber und Autoren“ aufgezählten finden sich 14 mal ein Dr. davor und 7 mal zusätzlich ein Prof., was immer diese Abkürzungen bedeuten mögen. Auch nichts für die Literaturliste.

Aber das ginge ja auch gar nicht. Denn das sind ja alles böse Täterlobbyisten, die Ursula Enders unter dem Titel „Die Täterlobby formiert sich“ schon 1995 entlarvt hat.

Wer für erwähnenswert gehalten wird

Diese Arbeit hat natürlich einen weitaus größeren wissenschaftlichen Wert, und sie ist Teil eines fundmentalen Kinderschutzepos, der in seiner aktuellen Auflage seinen verdienten Platz als ein Grundlagen-Fachbuch eingenommen hat: „Enders, U. (Hg.) (2010): Zart war ich, bitter war‘s. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen“. Ich habe zufällig die Ausgabe von 1995 vor mir, mit einer auch sehr beeindruckenden Liste von „AUTORINNEN“. Von den 14 Autorinnen hatten immerhin beeindruckende 9 ein Diplom. Sowas wie Dr. oder Prof. fand sich zwar gar nicht – aber das liegt sicher daran, dass die Prof. und Dr. alle Täterlobbyisten sind.

Die Kompetenz kann man nebenbei bemerkt auch am Inhalt vergleichen. Da ist zum Beispiel die Analyse von Kinderbildern. In beiden Büchern wurde u.a. ein und dasselbe Kinderbild analysiert. In Rutschky & Wolf 1994 untersuchte Hartmut Böhm ein Bild aus Enders 1990 und stellte folgende Diagnose: „Es wurde bei Bild 2 eine verfälschende Ergänzung vorgenommen, die die bei Raack diskutierte Sinngebung erst konstituiert“. Hm, da ist doch mal interessant, wie die Ausgabe Enders 1995 darauf reagiert. Oh, da steht ja was unter dem Bild: „Um den Gesamteindruck des Bildes zu erhalten, wurden vom Verlag die Pastellfarben mit Bleistift nachgezogen.“ Erwischt würde ich sagen.

Was findet sich in der Literaturliste eigentlich noch so? Oh, Ursula Enders noch weitere dreimal. Und Zartbitter e.V. kam auch als Verein nochmal vor. Hm, ob man man nachsieht, ob es noch weitere Autoren von Enders 1995 in die Literaturliste geschafft haben? Dirk Bange – lt. Enders 1995 Hauptamtlicher Mitarbeiter bei Zartbitter Köln – schaffte es vier mal. J.M. Fegert gleich sechs mal. Vermutlich ein weltbekannter Spezialist für Rechtsfragen, bei drei von vier Quellen zu „Rechtliche Themen“. Gisela Braun hat es auch noch mal geschafft.

Und da ist ja noch Marion Mebes, Mitbegründerin von Wildwasser Berlin, die es auch noch dreimal schaffte. Aber nicht nur das – sie ist auch noch Herausgeberin. Erst gründete sie den Verlag „Donna Vita“, der auch noch mal in die Literaturliste geschafft hat, dann „Mebes und Noack“. Und der hat es stolze vierzehn mal in die Literaturliste geschafft.

Also ca. 1/3 der Werke in der Literaturliste wurde entweder von Frau Mebes herausgegeben oder hat Koautoren von Frau Mebes als Autor. Muss wohl eine bedeutende Forscherin auf diesem Gebiet sein.

Welche Themen für wichtig gehalten werden

Allerdings, das war es gar nicht, weswegen ich mich daran gesetzt habe, diesen Artikel zu schreiben. Ich meine, dass das Geld für diese Kampagne rausgeschmissenes Geld ist, ist ja sowieso klar, und die Frage, in welche Richtung es rausgeschmissen wurde, ist zwar für die davon Getroffenen interessant, aber ansonsten sollten wir uns freuen, dass es weder an Al Qaida in Syrien noch an Verfassungsschutzspitzel zur NSU-Finanzierung gespendet wurde.

Was mir als erstes auffiel, und mir eigentlich mehr Sorgen macht, ist ein anderer Punkt. Eine solche Literaturliste könnte uns ja nicht nur verraten, welche Anschauungen die Missbrauchs-Beauftragten vertreten, oder von welchem Autorenkreis sie unabhängig sind, sondern auch für welche Themen sie sich überhaupt interessieren.

Als ich mich mal wieder dafür interessierte, was denn die Wissenschaft zur Frage des sexuellen Missbrauchs neues gefunden hat, fiel mir auf, dass es deutlich weniger Arbeiten gibt, in denen sexueller Missbrauch isoliert betrachtet wird. Er wird immer häufiger im Zusammenhang mit vielen anderen Misshandlungsformen betrachtet – körperliche Misshandlung, verbale und emotionale Misshandlung, Vernachlässigung, Gewalt in der Familie. Sexuelle Misshandlungen sind dabei eine wichtige, aber keineswegs mehr die wichtigste oder gar einzige Misshandlungsform, deren Folgen man untersucht. Es wird immer klarer, dass viele Opfer unter verschiedenen Misshandlungsformen leiden müssen, und das es nicht so sehr die konkrete Form der Misshandlung ist, sondern das dauernde Ausgeliefertsein, das Fehlen von Sicherheit gerade dort, wo das Kind sie besonders braucht – zu Hause.

Und diese Verschiebung in Richtung hin zu anderen Misshandlungsformen in der Familie ist natürlich auch eine Verschiebung weg von der vom Kind gewollten pädophilen Beziehung, hin zum vom Kind nicht gewollten Sex, insbesondere in der Familie – zu Formen der sexuellen Misshandlung, die mit den anderen Misshandlungsformen so viele Gemeinsamkeiten haben, dass es verständlich ist, dass sie alle dieselben traumatisierenden Folgen haben – etwas vom Kind nicht gewolltes, dem es ausgeliefert ist, und was sich ständig wiederholen kann.

Soviel dazu wofür sich die Wissenschaft heute interessiert. Aber was interessiert den Beauftragten für Fragen des Missbrauchs? Ganz was anderes.

Was steht statt dessen im Mittelpunkt des Interesses? Gehen wir mal kurz durch, was unter Punkt 1 – Fachbücher – so alles angegeben wird:

1.1 Grundlagen – gerade mal 4 Bücher, 50% Zartbitter-Anteil (Enders und Bange)

1.2 Jungen – 2 Quellen, 50% Zartbitter-Anteil (Bange)

1.3 Täterinnen – 2 Quellen, 50% Zartbitter-Anteil (1 x Donna Vita)

1.4 Sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen – 4 Quellen, 50% Zartbitter-Anteil (Bange, 1x Mebes und Noack)

1.5 Sexueller Missbrauch in Institutionen – 9 Quellen, 33% Zartbitter-Anteil (Enders, 2x Fegert)

1.6 Interkultureller Kontext – 2 Quellen, 100% Zartbitter-Anteil (2x Mebes & Noack)

1.7 Beratung und Therapie – 9 Quellen

1.8 Selbsthilfe / Literatur von Betroffenen – 7 Quellen

1.9 Besonderer Förderbedarf – 3 Quellen

1.10 Rechtliche Themen – 4 Quellen, 75% Zartbitter-Anteil (3x Fegert)

Die schlimmsten Formen des sexuellen Missbrauchs – sexuelle Gewalt von Vätern an ihren Kindern, besonders Töchtern, die Inzest zu nennen Verharmlosung ist weil dieses Wort ja auch einvernehmlichen Sex bezeichnen kann – spielen irgendwie überhaupt keine Rolle.

Worum geht es denn dann? Offentsichtlich um eine Ausweitung der Hysterie. Statt die Sexhysterie zurückzufahren und sich auf sexuelle Gewalt und Misshandlung in der Familie zu konzentrieren, und sich mehr um die vernachlässigten anderen Formen von Kindesmisshandlung zu kümmern, konzentriert man sich auf den Sex, und gerade auf die Formen des Sex, die viel häufiger gewollt und harmlos sind: Jungen, von denen schon lange bekannt ist, dass sie Sex viel positiver sehen als Mädchen, Frauen als Täterinnen – da kriegt ja selbst die Volksseele mit, dass es Quatsch ist, und dass die meisten „missbrauchten“ Jungs sich freuen, wenn sie von den Frauen rangelassen werden.

Und die Sexspiele von Kindern untereinander. Das ist natürlich wichtig – kann ja nicht sein, dass die Leute es gut finden, wenn Jungs untereinander alle möglichen Sexspiele machen, und der Boylover dann verwundert fragen kann, warum es so eine Katastrophe sein soll, wenn einer der Mitspieler über 14 ist. Nein, auch Sex unter Kindern muss immer Missbrauch sein – schließlich wird ja immer eins von ihnen älter sein als die anderen.

Und dann geht es gegen Institutionen – einmal wohl Kulturkampf gegen die kath. Kirche, in der Tradition von Bismarck und Goebbels, oder auch alternative Schulformen wie Odenwaldschule, sicher aber auch mehr staatliche Kontrolle über Sport- und Freizeitvereine.

Warum mir diese Ausweitung Sorgen macht? Weil es meiner Voraussage entspricht, was passiert, wenn es weiter in Richtung Totalitarismus geht. Denn der Pädophile ist zwar fast der ideale Feind – aber eben nur fast. Das ideale Feindbild in einem totalitären System ist eines, bei dem jeder jederzeit verdächtig ist, der Feind zu sein, und somit jeder jeden Augenblick verhaftet werden kann, ohne dass es auch nur irgendeine Form von Solidarität durch seine Freunde oder Angehörigen gibt. Der Pädophile ist da fast ideal – es gibt ihn überall, in jeder Rasse, jeder Nation, jeder Schicht, jeder Religion, jeder politischen Partei.

Nur eben nicht in jedem Alter und jedem Geschlecht. Er ist männlich und erwachsen. Und das reicht eben nicht. Deswegen braucht man Frauen als Täterinnen und Kinder als Täter.

Über die Tragik der Verhandlungsmoralisten

Dieser Artikel entstand als Reaktion auf einen Artikel von Gunter Schmidt, „Über die Tragik pädophiler Männer“, Z. Sexualforsch. 12, 133-139, 1999 (siehe itp-arcados oder Pais), der sowohl im deutschen Original wie auch in einer englischen Übersetzung in den Archives of Sexual Behavior eine wichtige Rolle in der Diskussion gespielt hat. Wichtig genug, dass ich eine Analyse für nützlich hielt, hat mich der Stil, wie er schon in der Verwendung des Begriffs „Tragik“ im Titel zutage tritt, dazu provoziert, dieser Analyse die Form einer Parodie auf den Text selbst zu geben:

Die Debatte ist alles andere als hitzig. Der Grat, auf dem die Beteiligten sich meist überaus vorsichtig bewegen, ist schmal, der Grat zwischen dem politischem Ende aufgrund von Verleumdungen, Interessenvertreter Pädophiler zu sein, und dem moralischen Ende aufgrund der Verteidigung verlogener Legitimierungen der Verfolgung Pädophiler. Fast jeder kippt auf der einen oder anderen Seite in den Abgrund. Die Neigung zum Schweigen und Scheinheiligkeit ist groß. Die Argumente der Pädophilen werden totgeschwiegen, wieder und wieder. In der Regel verschweigt man die offensichtlichen Einwände mit beeindruckender Lautstärke, addressiert an geneigte Ohren, die Einwänden gegenüber längst hochgeklappt sind.

Faschisten wie Verhandlungsmoralisten, um von Anfang an meine Feindbilder in dieser Debatte kenntlich zu machen, verzerren gleichermaßen die Realität der argumentativen Situation, kolonisieren den Diskurs. Unser Ziel sollte sein, die Argumente Pädophiler wenigstens einmal unverfälscht anzuhören, sie überhaupt wieder im Diskurs zuzulassen. Eine Voraussetzung dafür scheint mir zu sein, die Argumentation der Verhandlungsmoralisten zu entwirren, was nur möglich erscheint, wenn man die offiziellen Medien verlässt und so überhaupt erst die von beiden Seiten verschwiegenen und verfälschten Argumente der dritten Seite, der Pädophilen, mit ins Spiel bringen kann.

Meinem Versuch, die Argumentation der Verhandlungsmoralisten zu entwirren, möchte ich meine Definition des Verhandlungsmoralisten vorausschicken, damit deutlich wird, wovon ich rede. Verhandlungsmoralisten sind Leute, deren politische Ziele eigentlich auf sexuelle Freiheit gerichtet sind. Sie selbst sind sehr heterogen in Bezug auf das, was sie selbst an sexuellen Freiheiten begehren – es gibt unter ihnen Homosexuelle wie Heterosexuelle, Sadisten wie Masochisten, Frauen wie Männer, Prostituierte wie Freier, Pornodarsteller wie Pornogucker, Monogamisten wie Polygamisten. Dennoch besteht ein prinzipieller Unterschied zum Verteidiger allgemeiner sexueller Freiheit: Sie beteiligen sich am öffentlichen, oder genauer offiziellen, Kinderschutzdiskurs. Und dies ist ein Diskurs, bei dem die eine Seite, die ich der Einfachheit halber „die Pädophilen“ nennen werde, nicht, wie in idealen oder wissenschaftlichen Diskursen üblich, ihre Argumente öffentlich, in den Mainstream-Medien, vortragen und vertreten können. Und dieser Machtmissbrauch gefährdet die Wahrheitsfindung im Diskurs, droht den Diskurs zu überfahren.

Damit sind wir unversehens beim politischen Diskurs angelangt, besser bei den politischen Diskursen, denn es gibt mindestens zwei, und auch die sind strikt auseinanderzuhalten. Ihre Verfechter haben nicht viel miteinander im Sinn. Der erste dieser Diskurse ist der traditionelle, ich nenne ihn den faschistischen. Er ist dumpf, affektgeladen, nivellierend, vorurteilsfreudig und antiaufklärerisch. Kinderschänder dienen als Untermenschen, die mit allen verfügbaren Mitteln identifiziert und unschädlich gemacht werden müssen, wozu eine totalitäre Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft notwendig ist. Der Kampf gegen Kinderschänder ist dabei nur ein Ausgangspunkt für den Kampf gegen sexuelle Freiheit überhaupt. So wird Kinderschutz in Richtung Jugendschutz ausgeweitet und der Kampf gegen Kinderpornographie und Kinderprostitution zu einem Kampf gegen Pornographie und Prostitution, zuerst von Jugendlichen, und dann generell.

Das Ungeschlachte dieses Diskurses verführt leicht dazu, politische Überlegungen zum Thema prinzipiell als „von gestern“ abzutun und den zweiten politischen Diskurs zu übersehen, der die politische Diskussion heute vermutlich schon sehr viel stärker beeinflußt und verschärft als das laute Getöse der Stammtischmoralisten. Dieser Diskurs basiert auf der Akzeptanz des breiten gesellschaftlichen Vorurteils gegen pädophile Beziehungen. Mit Pädophilen überhaupt zu diskutieren, die Argumente der Pädophilen auch nur anzuhören, wird als politischer Selbstmord betrachtet und verworfen. Es ist ein unaufgeklärter aber aufgeklärt tuender politischer Diskurs, der gerade auch in linken Gruppen virulent ist, die früher eher zurückhaltend bei der Beteiligung an der Hetze gegen die Pädophilen waren: Ich meine den Konsensdiskurs, der die Selbstverteidigung der Befürworter sexueller Freiheit vor dem Vorwurf, Pädophilie zu unterstützen, heute dominiert.

Die traditionelle Sexualmoral, die Akte (also: vorehelichen, außerehelichen, gleichgeschlechtlichen, Oral-, Verhütungsverkehr usw.) unabhängig vom Alter der Beteiligten als „schlecht“ bewertete, verschwindet, sie kann als abgeschafft gelten. Ersetzt wird sie durch eine Moral der Altersapartheid, d.h., als sexuell erlaubt gilt alles, was zwei (oder auch mal mehr) gleichaltrige Partner miteinander ausmachen und wollen. Bewertet werden nicht mehr sexuelle Akte, sondern die Überschreitung der Altersgrenzen. Man kann deshalb von einer Altersapartheidsmoral sprechen.

Während fast alle sexuellen Besonderheiten, z. B. der Sadomasochismus, im Schutze der Intimate Citizenship gelassener beurteilt werden als noch vor 20 Jahren und den Status eines sexuellen Lebensstils statt einer sexuellen Verfehlung erhalten haben, geraten Befürworter sexueller Freiheit und eines Selbstbestimmungsdiskurses im Gegensatz dazu immer stärker unter Druck, weil sie auch gegen die einzige Kastenschranke, die in der modernen Welt Menschen mit vollen Bürgerrechten von Menschen mit deutlich geringeren Rechten (einen Erwachsenen mit den Rechten eines Kindes würde man als Leibeigenen qualifizieren) unterscheidet, anzweifeln. Sie werden heute, als Folge eines unaufgeklärten, demokratischen politischen Diskurses, der, wie gesagt, gerade die Linken erreicht und beeinflußt, als Pädolobbyisten verleumdet und schärfer verfolgt als früher.

Die zentrale Frage ist: Zerstört das Pädophilieverbot das Konzept der Selbstbestimmungsmoral unausweichlich? Das ist keine Frage bei sonstigen Verboten von gewolltem Sex, wie Verboten von Homosexualität, Ehebruch oder einvernehmlichen SM-Spielen, deren Konflikt mit einer Selbstbestimmungsmoral nicht zu verheimlichen ist. Wir müssen das Problem also zuspitzen: Kann es überhaupt verheimlicht werden, das ein Verbot von von Kindern selbst gewollten sexuellen Spielen mit Erwachsenen die Selbstbestimmungsmoral zerstört?

Dies bejahen die Verhandlungsmoralisten, und sie argumentieren in etwa so: „Wegen des Machtungleichgewichts von Erwachsenem und Kind kann es gar keine gleichberechtigten Verhandlungen zwischen Erwachsenen und Kindern geben, und wenn wir Kinder selbstgewollten Sex mit Erwachsenen verbieten, schützen wir sie in Wirklichkeit nur davor, in Verhandlungen mit Erwachsenen überredet oder manipuliert zu werden.“ Diese Botschaft hört man in vielen Versionen. In zahlreichen Gesprächen mit Verhandlungsmoralisten hatte ich selten Zweifel an der subjektiven Wahrheit dieser Aussage, auch deshalb nicht, weil viele Verhandlungsmoralisten auf sexuelle Varianten stehen (BDSM, Prostitution, unsichere Sexpraktiken), die in der Tat komplexere Absprachen und Risikoabwägungen voraussetzen, und bei denen die Unkenntnis von Risiken in der Tat die Gefahr birgt, dass man bei solchen Verhandlungen übers Ohr gehauen wird. Doch ich bin skeptischer als Gunter Schmidt, ob man die Selbstbestimmungsmoral, die alle Handlungen billigt, die von allen Beteiligten gewollt sind, mit einer Verhandlungsmoral identifizieren kann, die die Partner als in einem Konflikt stehend betrachtet, der durch Verhandlungen gelöst werden muss. In einer Arbeit „Über die Tragik pädophiler Männer“ identifiziert Schmidt (1999) die Selbstbestimmungsmoral mit einer Verhandlungsmoral. Ich glaube, daß Schmidt zu dieser Verwechselung kommen kann, weil er bei seinen Analysen zu sehr auf mögliche Probleme in Verhandlungen schaut und dabei die Tatsache, dass die meisten von Kindern gewollten sexuellen Handlungen oberflächliche Spielereien sind, die keine Risiken mit sich bringen, zu deren Abschätzung Kinder nicht imstande wären, ausblendet oder zuwenig berücksichtigt.

Ich will dies an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ein Verhandlungsmoralist möchte für seine Argumentation ein Beispiel konstruieren, in dem eine an sich einvernehmliches Geschehen doch nach der Verhandlungsmoral moralisch verwerflich erscheint. Dazu denkt er sich einen Pädophilen aus, der einen 10-jährigen Jungen aus der Nachbarschaft seine elektrische Eisenbahn zeigt, dabei behauptet, sein Rücken sei verspannt, und den Jungen fragt, ob er ihn nicht mal massieren könnte, womit der Junge einverstanden ist. Als der Mann ihn danach fragt, ob auch er massiert werden wolle, lehnt der Junge ab. Er spielt noch eine Weile mit der Eisenbahn, dann verabschiedet er sich und geht nach Hause. Da auf der Handlungsebene das Nein des Jungen akzeptiert wurde, kann der Verhandlungsmoralist vorgeben, dass dies den vielen Berichten über einvernehmliche Beziehungen mit Kindern im wesenlichen entsprechen würde. Allerdings verwendet der Pädophile in der Konstruktion mit der Lüge vom verspannten Rücken, und der Verheimlichung des sexuellen Genusses durch die Massage durchaus moralisch verurteilbare Manipulationstechniken, so dass eine Verurteilung dieses Beispiels als nicht der Verhandlungsmoral entsprechend möglich erscheint.

In diesem Beispiel ist noch nichts gegen die Prinzipien fairer Diskussion geschehen. Auf der Ebene des Beispiels ist das scheinbar ein plausibles Geschehen, wie es bei vielen Pädophilen auch im realen Leben vorkommen könnte, die sich ja bewusst sind, was sie mit einem ehrlichen Eingeständnis, dass sie Sex wollen, riskieren, und die daher bei solch harmlosen, oberflächlichen Kontakten natürlich oft gegen das moralische Ideal absoluter Ehrlichkeit verstoßen. Die Frage, ob man dem geliebten Jungen gegenüber angesichts der heutigen Verfolgungssituation seine Pädophilie offen zugeben oder besser verheimlichen sollte, ist ein moralisches Problem, welches viele Pädophile bewegt.

Doch wenn wir den sozialen Kontext betrachten, die Bedeutung dieses Beispiels für die Argumentation einbeziehen, so erkennen wir rasch, dass der Verhandlungsmoralist und der Selbstbestimmungsmoralist sich in verschiedenen Diskursszenarien bewegen. Das heißt, dass das, worüber sie scheinbar diskutieren, für beide ganz verschiedene Bedeutung hat, das Ganze also gar kein Diskurs sein kann. Man muss die gleichen Fragen betrachten, um einen Diskurs führen zu können. Der Selbstbestimmungsmoralist sieht im Beispiel ein moralisches Dilemma, welchem ein Pädophiler ausgesetzt ist, weil er gesellschaftlich verfolgt wird, wenn er in Bezug auf seine Pädophilie ehrlich ist, welches jedoch die Selbstbestimmung des Jungen nicht beeinträchtigt. Der Verhandlungsmoralist sucht hingegen einen Grund, dem Pädophilen einen Verstoß gegen die Verhandlungsmoral zu unterstellen, um so eine generelle Ablehnung pädophiler Beziehungen auf Basis der Verhandlungsmoral zu rechtfertigen und damit Attacken, er sei ein Pädolobbyist, abzuwehren. Ein Faschist, der in einem Kinderschützerforum vom Verhandlungsmoralisten gefragt wird, ob dies ein legitimer Grund ist, pädophile Beziehungen zu verurteilen, weiß, dass sich hier jemand vor dem Vorwurf, Pädolobbyist zu sein, verteidigen will. Für den Selbstbestimmungsmoralisten aber ist ein moralisches Dilemma nur ein moralisches Dilemma, das Verschweigen der eigenen pädophilen Neigung nur eine bedauernswerte Notwendigkeit des Selbstschutzes, den er aus dem alltäglichen Leben kennt, der aber die Selbstbestimmung des Jungen wenn überhaupt dann nur unwesentlich beeinträchtigt hat. Kurz: Das Problem des Diskurses zwischen Verhandlungsmoralisten und Selbstbestimmungsmoralisten liegt in der Disparität der politischen Ziele. In Gesprächen mit Verhandlungsmoralisten ist dies immer wieder erfahrbar und auch einsichtig zu machen. Und auch die vielen Beispiele, die man in Diskussionen über informierten Konsens findet, belegen diese Disparität. Nur wenn man die Ebene der sozialen Selbstverteidigung vor der Anschuldigung, Teil einer Pädophilenlobby zu sein, wegläßt, vermag man eine sinnvolle, offene Diskussion oder wenigstens das Fehlen primitiver Verleumdungen zu entdecken.

Um die Disparität der Argumentationsziele kann nur der Verhandlungsmoralist wissen, nur er könnte sie überwinden, wenn er sagte, was er wirklich will – und zweifellos käme die Ablehnung durch den Selbstbestimmungsmoralisten dann früher und ausdrücklich. Es gehört zur Verfahrenheit der Situation, daß der Verhandlungsmoralist die Disparität der politischen Ziele aufrechterhalten muß, damit das Stück weiterläuft. Er wird also eher dafür sorgen, daß sie nicht aufgehoben wird; er ist auf die Täuschung angewiesen. So betrachtet ist ein politisches Bündnis zwischen Verhandlungsmoralisten und Selbstbestimmungsmoralisten für mich schwer vorstellbar. Es gibt zweifellos Ausnahmen, z.B. Pädophile, die schon wissen, was gemeint ist, die wichtige politische Interessen Pädophiler auch ohne offene Pädopropaganda erreichen wollen, und die neugierig darauf sind, wie Nichtpädophile politisch mit ihnen zusammen agieren und was sie mit ihnen erreichen können.

Ich will hier nur kurz einfügen, dass interessanterweise auch Verhandlungsmoralisten mit der Existenz kindlicher Sexualität argumentieren. Diese Sexualität, so sagen sie, sei von den Pädophilen bedroht, die kindlichen Sex unter Gleichaltrigen unterbinden und ihnen eine total andersgeartete Erwachsenensexualität aufdrängen und damit die kindliche Natur beschneiden. Kinderschützer würden Kinder zur Verhandlungssexualität führen, indem sie Sexspiele unter Gleichaltrigen tolerieren, sie aber von Repressionen und Versagungen durch Pädophile befreien. Abgesehen davon, daß dies eine etwas lächerliche Auffassung von Sexualität mit unverkennbar apologetischer Funktion ist, die bei der Diskriminierung, der alle, die positiv zu Kindersexualität stehen, ausgesetzt sind, allerdings nachvollziehbar ist, ist das Bild von Kindersexualität, das dahinter aufscheint, von Interesse für die

Diskussion. Das Kind ist der kleine Erwachsene, der sexuell überhaupt nichts über seinen Körper und seine erotischen und sexuellen Möglichkeiten lernen muss, weil solches Wissen irgendwie von ganz alleine entsteht.

Es ist ein künstliches Bild von Kindersexualität, und die Verhandlungsmoralisten befinden sich mit diesem Bild in politisch machtvoller Gesellschaft. Einige Feministen haben es vertreten, die Kindersexualität als etwas völlig anderes als Erwachsenensexualität ansehen, sie werde weniger häufig und zielgerichtet praktiziert als beim Erwachsenen, aber etwas sehr zentrales sei von früh an

vorhanden: Eine ausschließliche sexuelle Neigung zu Gleichaltrigen. Sie denken in Begriffen des Aushandelns des Preises mit Prostituierten oder des Ehevertrags, nicht in Beziehungen oder Bedeutungen solcher Erlebnisse für das Lernen von Sexualität. Letztlich glauben sie, die Beschränkung von Kindersex auf unangeleitete Selbstexploration oder maximal auf Beziehungen im Rahmen einer engen Altersspanne könnten der freieren Entwicklung des Kindes eher förderlich sein. So sehen sie, jenseits von Zwang und Gewalt durch Verhöre, Trennungen und Knast, Verbote von Sex zwischen Menschen verschiedenen Alters gelassen, zwei mit verschiedener Sexualität Ausgestattete kommen eben nicht zusammen.

Ein solches, wie gesagt, lächerliches Bild von Sexualität gilt heute als antiquiert. Faschisten haben schon in den 70er-Jahren darauf hingewiesen, dass auch Sex unter Kindern als sexueller Missbrauch bekämpft werden muss. Homologe sexuelle Verhaltensweisen von Kindern untereinander sind nicht dasselbe, weil Kinder, die selbst schon Sex mit Erwachsenen hatten, dadurch selbst zu Missbrauchern geworden sind. Das Manipulieren der Genitalien ist beim noch nicht missbrauchten Kind etwas anderes als bei einem bereits missbrauchten Kind mit erotischen Phantasien und Vorstellungen.

Die Problematik verhaltensmoralischer Diskussion kann man, und darum ging es mir zunächst, jenseits des Verlogenheitsdiskurses erörtern, man muß die Verlogenheit nicht instrumentalisieren, um ein Unbehagen an der Argumentation der Verhaltensmoralisten quasi klinisch zu artikulieren und zu legitimieren. Wenn man die Ebenen der Selbstverteidigung und der Verlogenheit derart entzerrt hat, dann, so hoffe ich, kann die Diskussion über die Folgen, die antipädophile Hetze für Pädophile, Kinder, und die Gesellschaft als Ganze hat, wieder realistischer werden, d.h. wieder stärker der Realität der Gesellschaft entsprechen.

Auch diese Debatte ist flau und verstümmelt. Einige Beispiele: Internetaktivisten verweisen auf den Missbrauch der Kinderpornohysterie zur Etablierung von Zensur im Internet. Die Notwendigkeit der Bekämpfung von Kinderpornographie, kontern die Kritiker, mache politische Maßnahmen zur Überwachung des Internets notwendig, es sei insbesondere naiv bis fahrlässig zu glauben, man könne ohne Internetzensur den Kinderpornomarkt beseitigen.

Unbeschadet solcher Auseinandersetzungen und vieler Ungewißheiten sollte man sich, so glaube ich, über zwei Ziele verständigen können, sozusagen als politischer Minimalkonsens (und vielleicht sogar vereinbaren, sie durch weitere politische Aktionen zu stärken):

* (1) Zensurmaßnahmen und staatliche Kontrolle sind für die Gesellschaft, auch wenn sie durch breite Bevölkerungsmassen unterstützt werden, ein Risiko bleibender totalitärer Herrschaft, und zwar vermutlich desto stärker, je intimere Bereiche der Zensur unterworfen werden; je mehr dies alles mit Kinderschutz legitimiert wird und damit die Erziehung der Kinder verzerrt; je stärker sie in familiäre Beziehungen eingreift; je größer das Interesse an den zensierten Darstellungen ist; je desolater das politische Klima des Staates ist; je manipulativer die Meinung des Volkes von den Medien kontrolliert wird – und anderes mehr.

* (2) Es gibt viele nichtsexuell Freundschaften von Erwachsenen mit Kindern, die für das Kind sehr positiv sind, gleichwohl unter dem Pauschalverdacht gegen pädophile Beziehungen leiden. Nichtsexuelle Freundschaften und pädophile Beziehungen überschneiden sich nur partiell; was dem Pauschalverdacht suspekt erscheint, muß noch keine pädophile Beziehung sein. Dies gilt vermutlich für viele oberflächliche Freundschaften, Beziehungen im Rahmen von Verwandtschaft, Schule, Nachhilfe, Sportverein oder Hobby die zu persönlichen Freundschaften werden. Hier muss man fragen: Was haben wir aus unserer Gesellschaft gemacht, wenn wir glauben, Freundschaften zwischen Männern und Kindern seien generell verdächtig?

Wir sehen: Die Bewertung von Freundschaften Erwachsener mit Kindern muß wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden – um der Realität der Kinder gerecht zu werden, die solche Freundschaften brauchen, und die heute weit verbreitete Angst Erwachsener, durch zu freundschaftliches Verhalten gegenüber Kindern in den Verdacht der Pädophilie zu kommen, wieder zu reduzieren – eine Angst, die zu fatalen Folgen bis hin zu unterlassener Hilfeleistung für Kinder führen kann und außerdem zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird, weil natürgemäß Pädophilie noch am ehesten bereit sind, trotz dieser allgemeinen Angst eine Freundschaft mit einem Kind zu riskieren.

Doch unabhängig von solchen Überlegungen zur Schädigung der gesamten Gesellschaft durch die Missbrauchshysterie ist die Verhandlungsmoral ganz offenbar eine langfristig nicht ernstzunehmende Strategie, weil sie einer zentralen politischen Gefahr – der faschistoiden Hetze gegen die sexuelle Minderheit der Pädophilen – nicht entschieden genug entgegentritt. Das ist die Tragik der Vertragsmoralisten. Um die Konfrontation mit dem Faschismus zu vermeiden, behaupten sie einen großen Unterschied an Macht und Einfluß, an Kenntnis und Wissen, als Vorwand, pädophile Beziehungen abzulehnen. Aber die pauschale Unterstellung von Machtmissbrauch lediglich auf der Basis einer Machtdifferenz, die noch dazu im realen Leben, wo ein falsches Wort des Kindes den Pädophilen ins Gefängnis bringen kann, ein umgekehrtes Vorzeichen hat, und das Behaupten einer Gefährdung in einer Situation, wo lediglich Schädigungen durch sexuelle Gewalt und Nötigung erwiesen, aber die einzig bekannten negativen Folgen von gewolltem Sex Sekundärschäden durch die gesellschaftliche Verfolgung sind, machen antipädophile Argumentation unaufhebbar verlogen.

Tragisch ist diese Situation, weil die politische Orientierung des Vertragsmoralisten tief und strukturell bis in seine Identität hinein auf mehr sexuelle Freiheit gerichtet ist. Sexuelle Freiheit gehört für ihn zu einer modernen Gesellschaft, für Homosexuelle wie Transvestiten, Sadisten wie Masochisten, Pornografen wie Prostituierte, für alle, die die sexuelle Selbstbestimmung ihrer Partner akzeptieren und sexuell nichts tun, was ihre Partner nicht wollen. Doch eine grundsätzliche, konsequente Verteidigung sexueller Freiheit, die auch die Verteidigung einvernehmlicher pädophiler Beziehungen beinhalten müsste, scheint in der heutigen Gesellschaft, die von Verschärfungen der sexuellen Repression auf den verschiedensten Gebieten und einer faschistischen Jagd auf Pädophile gekennzeichnet ist, unmöglich, und die einzige Chance für eine Verteidigung bereits erkämpfter sexueller Freiheiten scheint es zu sein, der Verfolgung der Pädophilen unter einem scheinheiligen, verlogenen Vorwand zuzustimmen, um wenigstens die sexuelle Freiheit der Erwachsenen zu retten. Für diese Bürde, ihre eigentlichen Anschauungen nicht offen verbreiten zu können, und durchsichtige Rechtfertigungen für ihren Verrat verteidigen zu müssen, verdienen sie Mitleid, nicht Vorwürfe wegen Verlogenheit, Verständnis, nicht Verachtung.