Archiv für Juli 2012

Zu den Grundlagen der Moral

War eigentlich nur eine einfache Antwort im GLF, aber nach dem Abschicken schien sie mir doch wert, es separat zu veröffentlichen – einfach weil einige allgemeine Gedanken zum Sinn und Unsinn der üblichen Moralvorstellungen, die ich beim Schreiben hatte, mir als mehr wert erscheinen als ein einfaches Forumsposting. Also, Zitat:

Was haltet ihr von bestimmten Moralvostellungen wie Ächtung oder Abneigung von Homosexualität oder die Ächtung/Abneigung vom Ausleben von perversen Sexualpraktiken wie Zoophilie, Sadomasochismus, Urophilie und Koprophilie?

Immer ehrlich und treu sein.
Nicht fluchen und Kinder gewissermaßen autoritär erziehen mit bestrafen und wenn es sein muss Ohrfeigen verteilen und Hintern versohlen?

Es gibt eine einfache Moraltheorie: Man solle so handeln, dass man, unter Einbeziehung aller Risiken, Langzeit- und Nebenwirkungen seine eigenen Interessen am besten durchsetzen kann. Die könnte man „rationale Moral“ nennen.

Das heißt zuallererst, nicht einfach zu tun wozu man gerade Lust hat. Denn man sollte eben die verschiedensten Nebenwirkungen mit einbeziehen. Das ist eine höchst komplizierte Angelegenheit. Weswegen man das in der Praxis nur mit Hilfe von einfachen, bewährten Näherungsregeln realisierbar ist.

Also beispielsweise „du solltst nicht lügen“ statt der komplexeren Abwägung, die hinter „wer einmal lügt, …“ steht, oder die Goldene Regel statt „wie man in den Wald hineinruft, …“. Hinzu kommt, dass es bei der Einschätzung der Folgen recht typische menschliche Fehler gibt, vor allem auch Unterschätzungen. Sprichwörter wie „man trifft jeden im Leben zweimal“ weisen (mit dem Mittel der paradoxen Überspitzung) darauf hin: Den konkreten Menschen, um des es gerade geht, trifft man kaum ein zweites Mal – aber, wenn man sich generell nicht darum kümmert, ob man die Leute ein zweites Mal trifft, wird man sehr wohl auf die Nase fallen.

Da man für das „ansonsten, mach was du willst“ danach eigentlich keine Extraregel braucht, sind die Regeln natürlich welche, die uns unter gewissen Umständen verbieten, etwas zu tun, was wir eingentlich manchmal schon wollen.

Und da man, wenn man das, worum es geht, nicht wirklich ganz doll will, wenig Sinn macht, die genauen Umstände herauszufinden, wann es ok ist und wann nicht, begnügt man sich in solchen uninteressanten Fragen oft einfach mit der noch gröberen „mach sowas nicht“-Regel, anstatt die Umstände, wann man es machen darf und wann nicht, genauestens auszuklamüsern.

Hinzu kommt weiterhin, dass man, wenn man anderen Moral beibringt, auch nicht immer Lust hat, die Details auseinanderzunehmen, insbesondere dann, wenn es um Verhalten des anderen geht, was man selbst nicht mag. Dann ist man noch viel mehr geneigt, die Moral zu vereinfachen zu einem klaren „sowas macht man nicht“.

Und noch verquerer wird die Situation, wenn Demokratie ins Spiel kommt, und eine anonyme Masse von Leuten für oder gegen ein Gesetz ist, was ein fragliches Verhalten verbietet oder erlaubt. Die große Masse kümmert sich in Wirklichkeit recht wenig darum, man folgt als Politiker diffusen Stimmungen der potentiellen Wähler. Was dann als Gesetz rauskommt, hat noch viel weniger als die sowieso schon diffuse Moral.

Und so kommt es, ganz natürlich, zu einem Satz von Moralregeln, die recht pauschal sind, und in der Form, in der sie vorgetragen werden, nicht wirklich eine Rechtfertigung haben, zu einer offiziellen Moral einer Gemeinschaft, die, wegen ihres eher zufälligen Charakters, stark von der aktuellen Gemeinschaft abhängt.

Einem Menschen, der in so einer Welt lebt, bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als selbst zu überlegen, wie er seine Interessen durchsetzt. Dabei muss er natürlich die Risiken und Nebenwirkungen berücksichtigen, auch die, die durch die Verbreitung moralischer Regeln selbst in der Gesellschaft hervorgerufen werden. Also man berücksichtige das Risiko, dass das was man tut auffliegt, und die Folgen (Verachtung der Gesellschaft oder gar Knast).

Solche Abschätzungen sind Teil des normalen Lebens, man kommt sowieso nicht um so etwas herum, weil man immer ein Risiko hat, dass was schiefgeht, wie beispielsweise ein Unfall oder wer weiß was. Etwas prinzipiell anderes ist Erwischtwerden bei einem Verstoß gegen offizielle Moral auch nicht.

Soviel zum philosophischen Hintergrund. Allerdings, auch die offizielle Moral wird, nach obiger Betrachtung, all das enthalten, was man wirklich auch selbst einhalten sollte, oder zumindest mit Ausnahme seltener Ausnahmesituationen wie beim Kampf ums Überleben in einem Rettungsboot. Andererseits auch eine Vielzahl von Verboten, die ohne guten Grund alles mögliche verbieten, was jeweils nur eine kleine Minderheit will.

Die Gefahr von unbegründeten Abweichungen von der rationalen Moral ist sicherlich bei Themen besonders groß, die einerseits dem Einzelnen sehr wichtig sind, wo andererseits die Wünsche der Menschen sich besonders stark unterscheiden. Und das ist wohl, mit ziemlicher Sicherheit, vor allem die Sexualität.

Ein zweites Gebiet, wo dies kritisch sein könnte, ist die Frage des Umgangs mit Schwächeren: Inwiefern sollte man ihre Wünsche akzeptieren, oder, wenn man nun einmal stärker ist, sich doch darüber hinwegsetzen? Auch in dieser Frage ist moralisches Chaos voraussagbar.

Und das insbesondere dann, wenn es sich um Kinder handelt, also Menschen, die voraussagbar in Zukunft stärker werden als heute.

Damit haben wir auch einige Kriterien, nach denen wir grob vorgehen können, wenn wir die Frage betrachten, weche Teile der offiziellen Moral ok sind, also auch Teil der rationalen Moral sind, und welche davon willkürliche Abweichungen von der rationalen Moral sind.

Grob gesagt, man vergesse alles, was offizielle Sexualmoral ist. Ansonsten vergesse man alles, was den moralischen Umgang mit Kindern betrifft. Den Rest sollte man ernst nehmen und genauer durchdenken, bevor man sich entschließt, dagegen zu verstoßen.

Wobei, das mit dem genauer durchdenken gilt natürlich generell. Es schadet ja generell nicht, wenn man der offiziellen Moral, so irrational sie auch sein mag, eine gewisse Berechtigung zubilligt, also beispielsweise die Beweislast bei denen sieht, die gegen sie verstoßen wollen.

Das Wort „Beweislast“ sehe ich als moralische Verpflichtung, das Für und Wider genauer abzuwägen als der durchschnittliche Bürger, der die fragliche moralische Verpflichtung offensichtich billigt. „Beweisen“ im logisch-mathematischen Sinn kann man natürlich nichts. Sich deutlich intensiver mit den Sachfragen zu beschäftigen – also mit der Ausgangsfrage, welche Risiken, Langzeit- und Nebenwirkungen eine Handlung hat, auseinanderzusetzen als der Durchschnittsbürger – ist hingegen ausreichend.