Archiv für Mai 2012

Ein Kandidat für den Ignobel-Preis

Ich nominiere hierfür

Urban, Dieter und Joachim Fiebig
Pädosexuelle Viktimisierung und pädosexuelle Straffälligkeit. Ein „harter“ empirischer Hypothesentest.
SISS–Schriftenreihe des Instituts für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart, No. 1/2011
(http://www.uni-stuttgart.de/soz/institut/forschung/2011.SISS.1.pdf)

Im Abstrakt wird behauptet:

Auch kann gezeigt werden, dass die Untergruppe derjenigen pädosexuell viktimisierten Personen, die sich in ihrer Kindheit in besonderer Weise aggressiv verhalten haben, im Erwachsenenalter nur mit einem reduzierten Risiko pädosexuell delinquent geworden sind.

In der Arbeit selbst geht es unter anderem um die Hypothese

H3: Personen, welche die Folgen ihrer pädosexuellen Viktimisierung über aggressives Verhalten zu kompensieren versuchen, reduzieren ihr Risiko, im Erwachsenenalter pädosexuell delinquent zu werden.

Schon der Titel suggeriert, sie wäre einem harten empirischen Test unterzogen worden. Die Autoren behaupten:

Zudem konnte gezeigt werden, dass unter den Befragten, die pädosexuell viktimisiert worden waren, ein offen aggressives Verhalten in den Lebensphasen nach der Opfererfahrung (in Kindheit und Jugend) die Chance einer pädosexuellen Delinquenz im Erwachsenenalter reduzieren kann.

oder, kurz darauf:

Denn, wie wir nachweisen konnten, haben diejenigen Straftäter, die infolge einer pädosexuellen Viktimisierung mit aggressivem Verhalten in ihrer Kindheit bzw. Jugend reagierten, eine verringerte Chance, im Erwachsenenalter ein pädosexuelles Delikt zu begehen.

Hm. Ein interessant klingendes Resultat. Um sowas nachweisen zu können, muss man schon einiges draufhaben. Zum Beispiel, wie findet man in einer Untersuchung die Leute heraus, die „infolge einer pädosexuellen Viktimisierung mit aggressivem Verhalten in ihrer Kindheit bzw. Jugend reagierten“?

Keine Bange, in der Viktimologie ist nichts einfacher als das:

Zur Messung von aggressivem Verhalten nach der pädosexuellen Viktimisierung wurden die Angaben der Befragten zu Erfahrungen mit verschiedenen Gewaltformen benutzt, die sich auf Lebensabschnitte nach dem erlebten Missbrauch beziehen. Aus diesen Angaben wurde ein Index gebildet, der sich auf drei Anwendungen leichter Gewalt und vier Anwendungen schwerer Gewalt bezieht. Dieser Index (AGG) wurde mittels Mediansplit dichotomisiert, so dass er nunmehr angibt, ob Personen nach ihrer pädosexuellen Viktimisierung überdurchschnittlich (AGG=1) oder unterdurchschnittlich (AGG=0) verschiedenste Formen aggressiven Verhaltens gezeigt haben bzw. darüber retrospektiv berichten konnten.

Häh? Jemand hat irgendwann nach dem Zeitpunkt eines sexuellen Erlebnisses aggressives Verhalten gezeigt – und das reicht den Autoren auch schon um zu sagen, dass er „infolge einer pädosexuellen Viktimisierung mit aggressivem Verhalten in ihrer Kindheit bzw. Jugend reagierte“. Oje. Also da muss ich schon sagen – um wenigstens den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken, hätte man zumindest fragen sollen, ob dieselben Personen nicht auch vorher schon aggressives Verhalten gezeigt haben.

Aber es kommt noch sehr viel abenteuerlicher.

Ich meine, wie findet man denn nun heraus, dass diejenigen, die „infolge“ des Missbrauchs gewalttätig werden, eine verringerte Chance haben, ein pädosexuelles Delikt zu begehen? Da muss man ja wohl irgendwie mit Leuten vergleichen, die keine pädosexuellen Delikte begangen haben, aber bei denen ansonsten (soweit erreichbar) alles gleich ist. So was nennt man in der normalen Wissenschaft „Kontrollgruppe“.

Oh, und eine „Kontrollgruppe“ gibt es hier tatsächlich auch. Allerdings sind das keine Leute, die keine Straftaten begangen haben – es sind Gewalttäter:

Als Kontrollgruppen, deren soziale Konstruktionsprinzipien und deren soziodemographischen Mitgliederprofile ähnlich denjenigen der Untersuchungsgruppe sind (vgl. dazu Abschnitt 3), wurden von uns die beiden Gruppen der „nicht sexuell delinquenten GewaltStraftäter“ (N=157) und der „adultsexuell delinquenten Straftäter“ (N=67) ausgewählt.

Für die Kontrollgruppe der Gewalt-Straftäter wurden nur solche Delinquenten berücksichtigt, die wegen Körperverletzung, Mord oder Totschlag (versucht oder verübt) verurteilt waren und bislang nicht pädosexuell oder adultsexuell delinquent gewesen sind. Nicht berücksichtigt wurden Nötigungs- oder Raubdelikte. Mithin befinden sich in dieser Kontrollgruppe allein solche Straftäter, die wegen der Anwendung direkter physischer Gewalt gegenüber anderen Personen verurteilt und inhaftiert waren.

Zur zweiten Kontrollgruppe gehören ausschließlich adultsexuell straffällig gewordene Personen. Zur adultsexuellen Delinquenz wurden u.a. die folgenden Sexualdelikte (aber nicht pädosexuelle Straftaten) gerechnet: sexuelle Nötigung bzw. Vergewaltigung oder sonstiger sexueller Missbrauch, Exhibitionismus, Sexualdelikte mit Körperverletzungen oder mit verübtem bzw. versuchtem Mord. Bei allen diesen Sexualdelikten mussten die Opfer zum Zeitpunkt der Tat 14 Jahre oder älter gewesen sein.

Also eigentlich ganz nette Leute, nicht? Immerhin sind sie keine Kinderficker.

Es wird nun Zeit, mal neutral zu formulieren, was man statistisch für eine Korrelation herausgefunden hat. Man hat zwei Gruppen von Straftätern – Gewalttäter, und gewaltfreie Sexualstraftäter. Man befragt sie, ob sie zu einem bestimmten Zeitraum in ihrer Jugend aggressive Verhaltensweisen gezeigt haben, und findet eine statistisch signifikante Korrelation: Die Gewalttäter haben mit höherer Wahrscheinlichkeit schon früher aggressives Verhalten gezeigt. Der Effekt ist sowohl bei sexuellen Gewalttätern als auch bei nichtsexuellen Gewalttätern signifikant.

Äh, wer hatte das gedacht? Verurteilte Gewalttäter waren schon vorher aggressiv?

Ja, aber mehr als die statistische Beobachtung, dass verurteilte Gewalttäter schon vorher aggressiv waren, habe ich der Studie nicht an empirischen Fakten entnehmen können, die die These der Autoren beweisen. Man genieße es noch mal:

Zudem konnte gezeigt werden, dass unter den Befragten, die pädosexuell viktimisiert worden waren, ein offen aggressives Verhalten in den Lebensphasen nach der Opfererfahrung (in Kindheit und Jugend) die Chance einer pädosexuellen Delinquenz im Erwachsenenalter reduzieren kann.

Das klingt nach einer sinnvollen Strategie für die Therapie missbrauchter Kinder: Man bringe ihnen bei, sich extrem aggressiv zu verhalten. Dann bringen sie ziemlich bald jemanden um, und sitzen ihr Leben lang im Knast, wo sie keine Kinder missbrauchen können.

Ähnliche statistische Untersuchungen konnte ich übrigens selbst während meines Knastaufenthalts machen. Auch mir war dort, ähnlich wie den Untersuchern, wichtig, die Pädophilen unter den Straftätern herauszufinden. Und dabei habe ich auch eine Menge interessanter Korrelationen beobachten können. Insbesondere auch, entsprechend den Resultaten dieser Arbeit, dass Pädophile weniger aggressiv
reagieren als andere Gruppen von Gefangenen, insbesondere im Vergleich zu wegen Gewalttaten einsitzenden Gefangenen.

Für die weitere Forschungsarbeit kann ich noch einige weitere solche Korrelationen anführen, die, nach meinen Beobachtungen unter Strafgefangenen, das „Risiko“ erhöhen, dass der betreffende Gefangene ein verachtenswerter Kinderficker ist: Höheres Alter (übrigens auch in Übereinstimmung mit einem anderen Resultat dieser Arbeit), höhere Bildung, intelligenteres Aussehen, zivilisierte Umgangsformen, Interesse an geistiger oder kultureller Tätigkeit (gemessen durch Teilnahme an Fernstudium, Gottesdiensten, Theatergruppen, und weiteren Angeboten für Gefangene).

Daraus ergeben sich sicherlich weitere sinnvolle Strategien zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs, die man schon in der Kindheit beginnen sollte. (Obwohl, das heutige Schulsystem ist ja schon auf einem guten Weg in diese Richtung – fast alle von mir genannten Gefahrenquellen für spätere pädosexuelle Verbrechen werden ja durch die Schule systematisch reduziert.)

Eigentlich sollte ich wohl jetzt ein Maschinengewehr nehmen, und die Autoren dieser Arbeit sowie die gesamte Redaktion der SISS–Schriftenreihe wegen des Missbrauchs wissenschaftlicher Methoden erschießen. Das würde sicherlich mein Risiko, nochmal pädosexuell rückfällig zu werden, radikal verringern, und auf diese Weise zum Kinderschutz beitragen.

Ich bin am Überlegen.