Archiv für Januar 2012

Die Selbstimmunisierung der Missbrauchsideologie

Wenn Beziehungen zwischen Boylovern und Jungs so positiv sind, wie ich sie schildere, warum gibt es so viele Berichte von Opfern, aber so wenige, die Sex mit Erwachsenen in ihrer Kindheit positiv schildern? Dieses Argument kommt in Diskussionen öfter mal.

Wo sind die positiven Berichte der Kinder?

Finden tut man sie durchaus, beispielsweise in der in in dieser Arbeit zitierten Literatur, aber selten sind sie durchaus. Aber dafür gibt es verschiedene objektive Gründe. Einmal würde man dadurch seine pädophilen Freunde gefährden. Selbst wenn wegen Verjährung kein Knast mehr drohen würde, das soziale Leben des bloßgestellten Freundes wäre ruiniert.

Hinzu kommen sogar direkte Verfolgungen wegen Veröffentlichungen solcher Berichte durch die Justiz, bei denen diese als Kinderpornographie verunglimpft werden. Selbst wenn im Falle des Stefan-Textes diese Verfolgung in der fünften Instanz mit einem Freispruch endete, blieben die Veröffentlicher doch auf den Anwaltskosten sitzen.

Und in den etablierteren Medien wäre ein positiver Bericht sowieso nicht zu veröffentlichen.

Oder doch? Es findet sich eine Ausnahme – ein Artikel von Joseph Haslinger in der Welt. Aber diese Ausnahme ist im wahrsten Sinne des Wortes eine, die die Regel bestätigt. Denn wirklich positiv werden die sexuellen Handlungen keineswegs bewertet:

Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. …
Die Kinder sind zu schützen, keine Frage. …
Ich wurde von diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt …
Das Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und Pädosexualität muss es sein, heutige Fälle aufzudecken und künftige zu verhindern.

Auch ist der Autor, Josef Haslinger, kein Nobody, sondern ein etablierter Schriftsteller. Und trotzdem, selbst dieser eher neutrale als positive Bericht wurde mit einer Vorrede bedacht, in der sich die Redaktion vom Text selbst recht eindeutig distanziert:

Dieser Text ist eine Grenzüberschreitung. Er hat auch in der Redaktion Diskussionen ausgelöst. Weil er provoziert und Gefühle verletzen könnte. Wir drucken ihn als Dokument. Der Schriftsteller Josef Haslinger erzählt von seiner Jugend mit pädophilen Priestern …

Da fragt man sich, welche Grenzen überschritten, wessen Gefühle verletzt werden könnten durch einen autobiographischen Bericht eines Opfers von sexuellem Missbrauch durch pädophile Priester. Etwa die dieser Priester? Kaum, denn so schlecht kommen die nicht weg: „Die Pädophilen waren in dieser Sphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit“. Nun, welche Grenzen wurden wohl mit solchen Sätzen überschritten?

Die Frage, ob ein wirklich positiver Bericht veröffentlicht worden wäre, erübrigt sich wohl.

Aber dieser Bericht erlaubt es, noch etwas weit Interessanteres aufzuzeigen, nämlich die Art und Weise, wie auf solche, nun, sagen wir, nicht-negativen Berichte reagiert wird. Die Welt brachte zwei ausführliche Antworten darauf. Gerhard Amendt titelte „Die abnormen Argumente der Pädophilie-Versteher“, und Liane Dirks „Die Macht der Missbrauchten ist eine Ohnmachtsfantasie“.

Haslinger hat immerhin noch in einem Leserbrief auf Amendt antworten können, und in der Stuttgarter Zeitung konnte er noch deutlicher werden: „Ich muss nicht das ewige Opfer sein. Und schon gar nicht will man diesen Status von einem ferndiagnostischen Kurpfuscher zugesprochen bekommen.“

Dass dies eine angemessene Antwort ist, werden wir weiter unten sehen. Aber muss man dazu überhaupt noch mehr schreiben? Ich denke schon, dass es sich lohnt, denn die Argumentationsweise der beiden Kritiker Haslingers ist selbst höchst interessant und wert, genauer analysiert zu werden.

Wie reagiert man auf positive Berichte?

Auch wenn Haslingers Bericht eher neutral als positiv ist – vom Standpunkt des Dogma aus gesehen ist er tatsächlich ein Tabubruch. Denn die pädophilen Priester, mit denen er als Klosterschüler einige sexuelle Erlebnisse hatte, wurden nicht als perverse Monster dargestellt. Es finden sich Sätze wie „Die Pädophilen waren in dieser Sphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit“.

Wie reagiert man nun auf so etwas? Nun, eigentlich gibt ja die Forderung aus der Missbrauchsszene, man solle den Kindern glauben. Nur ist davon seltsamerweise nichts zu merken, wenn die Berichte der Kinder nicht zum Dogma passen. Im Gegenteil:

Missbrauch ist deshalb so dramatisch, weil missbrauchte Kinder mit dem Täter mitfühlen, Josef Haslinger führt dieses psychologische Phänomen in seinem Artikel aufs Beste vor. (Dirks)

Wer die Pädophilen in der Sphäre von klösterlicher Gewalt als eine Oase der Zärtlichkeit benennt, wie Josef Haslinger das tut, der enthüllt nicht nur das ganze Elend des damaligen Kindes, sondern ebenso das des gegenwärtigen Erwachsenen. Er scheint zeitlebens unfähig, sich gegen seine Missbraucher aufzulehnen. … Es fällt ihm schwer, trotz der heutigen Stärke als Erwachsener seine Erfahrungen angemessen zu bedenken. (Amendt)

Mit anderen Worten, Haslinger ist lediglich ein geschädigtes Psychowrack, dessen eigene Meinung, wie die eines Geisteskranken, völlig irrelevant ist und ignoriert werden kann.

Haslinger ist nun, allerdings, weder Patient von Dirks noch von Amendt. Er hat keinen von beiden um psychologische Hilfe gebeten. Es gibt auch nicht den geringsten Grund zur Annahme, dass sie auch nur irgendwelche Informationen über Haslinger selbst zur Verfügung haben, die über seinen Text hinausgehen. Ihre Argumentationsbasis ist dieselbe wie unsere – ein öffentlich zugänglicher Zeitungsartikel von Haslinger, auf den sie antworten.

Natürlich wäre es im Prinzip möglich, dass der Artikel selbst genügend Anlass gibt, an der geistigen Gesundheit von Haslinger zu zweifeln. Nun, ich nehme das Urteil vorweg – er tut es nicht. Im Gegenteil. Es ist eine gut durchdachte Position. Eine Position, der ich zwar selbst in mehreren Punkten nicht zustimme. Was mich allerdings nicht davon abhält, sie als Position in allen Punkten ernst zu nehmen.

Es sind eher die Antwortartikel, die (allerdings nur rhetorisch) gewisse Zweifel an der geistigen Gesundheit ihrer Autoren aufkommen lassen. Immerhin, wie wir sehen werden, stellen sie Thesen über Haslinger auf, die nicht nur Haslinger selbst, sondern jeder aufmerksame Leser des Artikels, auf den sie antworten, als offensichtlich im Widerspruch zu Haslingers eigenem Text erkennen kann. Und da sie nicht einmal behaupten, dies wären Schlussfolgerungen aus anderen Informationsquellen über Haslingers Kindheit oder seine heutige geistige Gesundheit, kann auch jeder Leser diese Widersprüche als Verfälschungen und Verleumdungen identifizieren und entsprechend bewerten.

Normalerweise wird man so etwas entweder als extreme Dummheit klassifizieren, oder als Notlösung eines Angeklagten, der sachlich nichts zu entgegnen hat, aber sich halt irgendwie rechtfertigen muss. Aber weder Professoren noch Schriftstellerinnen sind typischerweise dumm, und beide haben völlig freiwillig und unbedrängt auf den Artikel geantwortet. Und somit drängt sich, als eine weitere Erklärungsmöglichkeit, Zweifel an der geistigen Gesundheit der Autoren förmlich auf.

Bei jedem anderen Thema wäre es wohl auch die plausibelste Erklärung. Bei diesem Thema jedoch scheinen andere Erklärungen erforderlich. Genauer, andere Befürchtungen. Denn im Vergleich zu ihnen wäre es geradezu eine Erleichterung, sollte sich herausstellen, dass lediglich ein emeritierter Professor, eine Schriftstellerin, und ein Redakteur gleichzeitig den Verstand verloren haben, und sich dies nur rein zufällig darin zeigt, dass sie auf denselben Artikel blödsinnige Antworten schreiben und der Redakteur beide durchgehen lässt.

Aber sehen wir uns erstmal die Widersprüche selbst an:

Im Sog der falschen Erinnerung

So die Überschrift einer Version von Amendts Artikel. Sie sagt schon mal viel. Insbesondere ist sie eine explizite Ablehnung der Kinderschützer-These, man solle dem Kind glauben. Die gilt offenbar nur, wenn das, was das ehemalige Kind erzählt, politisch korrekt ist.

Ironischerweise kommt die Phrase „falsche Erinnerungen“ ja aus einer ganz anderen Ecke – einer Gegenbewegung gegen die Missbrauchshysterie, entstanden als Reaktion auf eine Welle ritueller satanistischer Missbrauchsfälle, die die Kindergärten (nicht nur) der USA heimsuchte, deren durch keinerlei Sachbeweise getrübte Anschuldingen so pervers und unglaubwürdig waren, dass jeder, der noch etwas gesunden Menschenverstand übrig hatte, schnell zu dem Schluss kam, dass hier fanatische Psychotherapeuten hilflosen Kindergartenkindern diese perversen „falschen Erinnerungen“ eingeredet hatten.

Im Fall Haslinger ist die Erinnerung des „Opfers“ politisch nicht korrekt. Und somit ist Haslingers Erinnerung falsch. Das ist das Wichtigste, was Amendt uns mitteilen will – schließlich ist es die Überschrift.

Wer jetzt allerdings erwartet, dass Amendt uns Fakten präsentiert, die zeigen, dass Haslingers Bericht über seine Kindheitserlebnisse sachlich falsch sein muss (wie es die Opponenten der satanistischen Missbrauchshysterie getan haben), wird enttäuscht. Amendt behauptet nicht einmal, auch nur ein Bit mehr Information über Haslinger zu besitzen als jeder andere Leser von Haslingers Artikel. Und es geht auch gar nicht um irgendwelche Fakten. Haslingers Erinnerung ist falsch, nicht weil irgendetwas sachlich falsch ist, sondern weil er die falschen Gefühle hat:

[Josef Haslinger] scheint zeitlebens unfähig, sich gegen seine Missbraucher aufzulehnen. …

Es fällt ihm schwer, trotz der heutigen Stärke als Erwachsener seine Erfahrungen angemessen zu bedenken. Solche Angemessenheit ließ Gefühle des Zorns, der Rache, der grenzenlosen Enttäuschung erwarten, die selbst vor Vernichtungsfantasien angesichts von Erniedrigung und lebenslanger Glückseinschränkung nicht zurückschrecken.

Diese Gefühle scheinen ihm aber nicht möglich zu sein. (Amendt)

Wer allerdings nach dieser Charakterisierung Haslingers Text liest, wird sich verwundert die Augen reiben: Er findet nämlich eine ausführliche Beschreibung von Haslingers Auflehnung gegen die priesterlichen Peiniger seiner Kindheit vor. Er liest, dass Haslinger, der mit 12 noch selbst Priester werden wollte, mit der Kirche gebrochen hat, und 15 Jahre später, um der Kirche das heimzuzahlen, was ihm als Kind angetan wurde, eine drastische Kurzgeschichte mit einer oralen Vergewaltigung durch einen Priester veröffentlicht hat. Dies zu einer Zeit, als Missbrauch durch Priester noch keineswegs solch ein Modethema war wie heute. Er war also gewissermaßen sogar ein Vorkämpfer (was wohl ein Grund gewesen sein dürfte, dass er überhaupt publiziert wurde). Wenn das keine Auflehnung ist, was dann?

Und was motiviert Amendt, diese Auflehnung, und den Bericht Haslingers darüber, nicht nur einfach zu verschweigen, sondern obige, elementar durch den Text selbst widerlegte These aufzustellen, Haslinger wäre zeitlebens zu solcher Auflehnung unfähig?

Die einfachste und plausibelste Antwort ist: Es ist das Missbrauchsdogma. Dieses Dogma schreibt vor, welche Gefühle ein Kind zu haben hat, wenn es um Sex mit Erwachsenen geht. Und wenn ein Kind andere Gefühle hat, dann ist dies keine Tatsache, die das Dogma widerlegen könnte, sondern Ausdruck eines schweren, durch den Missbrauch erzeugten, psychischen Schadens, der „Identifikation mit dem Aggressor“.

Ein einfaches, logisch unwiderlegbares Schema. Es ist völlig egal, was diejenigen, die als Kinder Sex mit Erwachsenen hatten, über ihre eigenen Erlebnisse denken: Entweder sie denken so, wie das Dogma es vorschreibt, und stützen so das Dogma. Oder sie denken anders, und zeigen dadurch, dass sie psychisch schwer geschädigt wurden. Und stützen so auch das Dogma. Sehr praktisch und höchst wichtig für ideologische Dogmen, aber genau deswegen natürlich auch völlig unwissenschaftlich (nicht empirisch falsifizierbar).

Doch auch wenn das Dogma logisch unangreifbar erscheint – in der Praxis kann die logisch unwiderlegbare Behauptung, der Häretiker leide an einer „Identifikation mit dem Aggressor“, so extrem unplausibel sein, dass das Dogma trotzdem in Gefahr gerät.

Und genau dies ist hier passiert. Würde Haslinger an einer „Identifikation mit dem Aggressor“ leiden, wäre er – faktisch laut Definition – nicht fähig gewesen, das zu tun, was er getan hat: Mit der Kirche zu brechen, und, um sich an der Kirche zu rächen, eine Erzählung über einen schweren sexuellen Missbrauch durch Priester zu veröffentlichen.

Um mit den empirischen Fakten des Falls Haslinger kompatibel zu sein, bräuchte man eine neue Variante der psychischen Krankheit namens „Identifikation mit dem Aggressor“, eine latente Variante, die zeitweise völlig verschwinden kann, so dass der Betroffene an der fordersten Front im Kampf gegen die Aggressoren steht, um dann plötzlich und unerwartet wieder auszubrechen. Wissenschaftlichen Wert hätte so etwas natürlich kaum, aber das wird nicht einmal probiert.

Oder, und das ist die Variante, die von beiden Kritikern gewählt wurde, man versucht, so gut es geht, die gefährlichen Fakten zu ignorieren, totzuschweigen, vergessen zu machen. Haslingers über mehrere Absätze beschriebene Auflehnung ist dann kein interessanter Einzelfall, der dem einfachen Schema der „Identifikation mit dem Aggressor“ zu widersprechen scheint und daher genauer betrachtet zu werden verdient – das wäre er lediglich für Wissenschaftler, oder, allgemeiner, für Wahrheitssucher.

Nein, Haslingers Auflehnung darf auf keinen Fall genauer betrachtet werden. Es ist nicht einmal ausreichend, sie einfach zu ignorieren. Sie muss aktiv vergessen gemacht werden.

Und dies tut man, indem man in einem Antwortartikel das Dogma explizit wiederholt, als wenn es diesen Widerspruch gar nicht gäbe. Schließlich werden die wenigsten Leser die alte Zeitung noch mal vorholen und die Artikel vergleichen, wie ich es getan habe. Und wenn man das nicht tut, bleibt normalerweise das letzte Wort hängen.

Und so gehen beide Kritiker mit keinem Wort auf das ein, was für die These von der „Identifikation mit dem Aggressor“ problematisch ist – Haslingers in mehreren Absätzen beschriebene Auflehnung gegen die Kirche als junger Erwachsener, seine heutige Beziehung dazu, und die Gründe, die er dafür anführt.

Aber beide wiederholen explizit das Dogma, unterstellen Haslinger die vorgeschriebene „Identifikation mit dem Aggressor“, nicht nur als wäre nichts zu finden, was dem widerspricht, sondern als wäre der Artikel sogar noch eine Unterstützung dafür:

… Missbrauch ist deshalb so dramatisch, weil missbrauchte Kinder mit dem Täter mitfühlen, Josef Haslinger führt dieses psychologische Phänomen in seinem Artikel aufs Beste vor. (Dirks)

Wer die Pädophilen in der Sphäre von klösterlicher Gewalt als eine Oase der Zärtlichkeit benennt, wie Josef Haslinger das tut, der enthüllt nicht nur das ganze Elend des damaligen Kindes, sondern ebenso das des gegenwärtigen Erwachsenen. Er scheint zeitlebens unfähig, sich gegen seine Missbraucher aufzulehnen. (Amendt)

Die Behauptung von Haslingers Unfähigkeit zur Auflehnung, trotz der expliziten Beschreibung dieser Auflehnung im Text, ist jedoch nicht der einzige Widerspruch.

Die Macht der Missbrauchten ist eine Ohnmachtsfantasie

So der Titel des Artikels von Liane Dirks – als hätten sich beide Kritiker verabredet, die gröbsten Verfälschungen als Überschriften zu verwenden.

Beginnen wir einfach mal mit dem sachlichen Hintergrund der Machtfrage in Boylove-Beziehungen, so wie er von Haslinger beschrieben wurde:

Aber von da an habe ich natürlich gewusst, dass ich mit meinen Erlebnissen diejenigen, die sie verursachten, erpressen konnte; dass ich ein Mittel der Gegenwehr in der Hand hielt. Und ich habe auch gesehen, wie einfach das ist. Man redet darüber, und der Mann zieht den Kürzeren. (Haslinger)

Aber schon bevor er das wusste, war Haslinger kein hilfloses Opfer:

Es hat eine Weile gedauert, bis mein Religionslehrer sich die intime Annäherung traute. Als er merkte, dass ich es zuließ, suchte er nach Gelegenheiten, das Spielchen zu wiederholen und, wenn möglich, ein wenig auszuweiten. Ich ging mehrere Etappen der Ausweitung dieser Spielchen mit.

Die Sprache – „traute“, „zuließ“, „wenn möglich“ – sagt klar genug wer die Kontrolle hatte. Und „mehrere Etappen“ hat natürlich auch die Bedeutung „nicht alle Etappen“. Dass der Junge schon die Kontrolle hatte, als ihm die Erpressbarkeit des Pädophilen noch gar nicht bewusst war, ist übrigens weder Ausnahme noch Zufall – auch deer egoistischste Pädophile muss schließlich damit rechnen, dass er Junge es schon weiß, und selbst wenn nicht, es höchstwahrscheinlich später erfahren wird.

Wie gehen Missbrauchsfanatiker mit diesem einfachen objektiven Fakt um, der so diametral ihre Thesen vom machtgeilen Pädophilen, der Sex mit Kindern sucht, weil diese keine Macht haben, widersprechen?

Amendt übergeht das Problem mit Schweigen, verwendet lediglich hemmungslos Charakterisierungen, die in der realen Machtkonstellation pädophiler Beziehungen, wie sie von Haslinger beschrieben wurde, einfach keinen Sinn ergeben: Der Pädophile selbst ist „angreifend“, es ist die Rede von „kindliche[r] Ohnmacht“ und von der „sexuellen Unterwerfung von Kindern“, und die völlig gesellschaftskonforme „Auflehnung“ gegen priesterliche Pädophile, die heutzutage sogar noch eine finanzielle Entschädigung verspricht, ist eine „tapfere Leistung“. Ole.

Dirks geht direkter darauf ein. Aber ihre Theorie bietet nichts, was auch nur einer einfachen Konfrontation mit dem Original standhalten könnte:

[die Kinder] reden sich ein, sie hätten in Wahrheit Macht gehabt. Sie wären es, die den anderen in der Hand hatten. Aber das ist keine Macht. Diejenigen, die sich einreden, sie hätten den Täter in der Hand gehabt, sind ja gerade diejenigen, die sich nicht gewehrt haben. Es ist eine der vielen Rationalisierungen. Und man muss es sagen: Es ist eine ganz typische. Es ist eine Fantasie, eine Ohnmachtsfantasie. „Wenn ich könnte, würde ich“, lautet sie. (Dirks)

Man vergleiche mit Haslinger: „Und ich habe auch gesehen, wie einfach das ist. Man redet darüber, und der Mann zieht den Kürzeren.“ Das soll eine Ohnmachtsphantasie sein? Na hallo. Nein, das ist die offensichtliche Schlussfolgerung aus dem, was in einem realen Fall passiert ist. Und das damals schon – in einer Form, die heute als „Vertuschung“ verteufelt wird, aber nichts weiter als eine etwas zivilisiertere Form der Unterdrückung Pädophiler war.

Klar, auch Haslinger hat diese Macht nicht angewendet. Musste er ja auch nicht. Denn dem Pädophilen ist ja diese Machtkonstellation sehr bewusst. Und er vermeidet daher, schon aus reinem Eigennutz, aus seinem eigenen Sicherheitsbedürfnis heraus, alles, was den Jungen dazu motivieren könnte, diese Macht gegen ihn zu verwenden.

Nein, die Logik der Macht ist eine andere: Je größer die Macht, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass der Machthaber die Machtmittel irgendwann einsetzen muss. Die Existenz von Macht zu verleugnen, weil das Machtmittel nicht eingesetzt wird, ist bestenfalls ein Denkfehler.

Was motiviert die Jungs zum Mitmachen?

Auch in dieser Frage gibt Haslinger Antworten, die überhaupt nicht ins Missbrauchsschema passen. Amendt kennt eigentlich nur die kindliche Sehnsucht nach Zärtlichkeit:

Die Instrumentalisierung der kindlichen Sehnsucht nach elternähnlicher Wärme …

… die zugefügte Sexualisierung, den Vertrauensbruch und die Ausnutzung seiner kindlichen Sehnsucht nach Zärtlichkeit … (Ament)

Irgendwelche sexuellen Motive haben Kinder einfach nicht. Selbst einfache sexuelle Neugier – also nichts weiter als natürlicher Bestandteil der natürlichen Neugier auf alles was es gibt auf der Welt – kommt lediglich als „Sexualisierung“ vor.

„Sexualisierung“ ist eine psychische Schädigung, die durch sexuellen Missbrauch erst hervorgerufen wird, die sich darin äußert, dass das Kind auch nur irgendwelche eigenen sexuellen Interessen entwickelt. Etwas ganz Schlimmes, schließlich sind Kinder völlig asexuell. Für Kinder, die noch nicht schwer geschädigt sind, ist Sexualität (zumindest mit Erwachsenen) unerwünscht, und ihr wird Widerstand entgegengesetzt:

Wer als Erwachsener die eigene Verführung zu unerwünschter Sexualität im Rückblick noch immer aus dieser Perspektive erlebt, … Die Art, in der er als Kind manipulativ überlistet und sein Widerstand gegen Sexualität mit seinem Lehrer und Vorbild außer Kraft gesetzt wurde … (Amendt)

Mit der von Haslinger beschriebenen Realität hat dies allerdings wenig zu tun. Nach einer Erwähnung „seiner kindlichen Sehnsucht nach Zärtlichkeit“ sucht man in Haslingers Text jedenfalls vergeblich. Dort wird lediglich neutral und objektiv festgestellt, dass die Pädophilen zärtlich waren. Von der Theorie, dass dahinter eine Strategie der Ausnutzung irgendeiner Sehnsucht nach Zärtlichkeit stehen würde, hält Haslinger kaum etwas:

Sie hätten das gar nicht nötig, weil es Kinder gibt, die sich mit Neugier darauf einlassen.

Und über die eigenen Motive macht Haslinger auch hinreichend deutliche und verallgemeinerbare Aussagen:

Ein Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man das endlich einmal sehen.

Von Widerstand ist nicht die Rede:

Ich habe mich nicht gerade angeboten, dazu war ich zu schüchtern

oder, mit anderen Worten, wäre er nicht zu schüchtern gewesen, hätte er sich sogar angeboten. Wo wurde da „sein Widerstand gegen Sexualität … außer Kraft gesetzt“? Dies bleibt Amendts Geheimnis.

Wir können hier einen weiteren Punkt der Missbrauchsideologie identifizieren: Es geht nicht nur darum, dass verleugnet wird, dass Jungs eigene sexuelle Wünsche haben. Nicht einmal die offensichtlich vorhandene sexuelle Neugier der Jungs – etwas, was sogar mit der Hypothese völliger Asexualität der Jungs kompatibel wäre – kann zugegeben werden. Die klaren und deutlichen Hinweise auf die sexuelle Neugier als Motiv für die Beteiligung der Jungs an sexuellen Handlungen mit Erwachsenen werden einfach ignoriert. Im Gegenteil, es wird ohne jeden Anhaltspunkt – sogar im Widerspruch zum Text – Unerwünschtheit und Widerstand unterstellt.

Die sexuelle Neugier ist auch für Dirks nicht existent. Sie beklagt, dass

… wir es nicht schaffen, Kindern ein freies, sie in ihrer Entwicklung bestärkendes Erziehungssystem zu bieten, in dem sie auch ihre Sexualität liebevoll entdecken können und zwar dort, wo sie hingehört: unter ihresgleichen.

Also frei, aber bitte schön, gefälligst ohne jedes Interesse an einem erwachsenen Penis, der ejakuliert. Und, wie alles, was nicht ins Schema passt, wird das Interesse am ejakulierenden Penis einfach verschwiegen. Dirks bietet immerhin eine andere Variante an – nicht das Bedürfnis nach Zärtlichkeit, sondern das nach Anerkennung, in Kombination mit der Unterstellung, dass diese nur im Tausch zu bekommen war. Eine Unterstellung, für die sich in Haslingers Text keinerlei Grundlage findet:

Die meisten Opfer von Kindesmissbrauch sind dringend auf Zuwendung angewiesen und greifen deshalb nach jedem Strohhalm, nehmen jede Form der Beachtung als eine Art von Liebe hin: „Endlich werde ich bemerkt, es gibt mich, ich bin kein Nichts.“ Weil das so ist, gehen sie den Pakt mit dem Täter ein: „Du beachtest mich, ich ahne, dass nicht ganz richtig ist, was du machst, es tut mir vielleicht auch weh, aber ich verrate dich nicht, dafür beachtest du mich weiterhin.“ …

Sich einzigartig zu fühlen, erkannt und gefördert, dafür muss man, um es einmal klar und hart zu sagen, nicht den Hintern hinhalten. …

Im Falle Haslingers wäre Freiheit gewesen, die Gedichte des Pfarrers hören und lesen zu dürfen, ohne ihn dafür befriedigen zu müssen. Es ist traurig, dass genau das schon gar nicht mehr gedacht wird. (Dirks)

Zuerst einmal – nein. Niemand ist in seiner Freiheit eingeschränkt, wenn er meine Gedichte nicht hören oder lesen darf. Es ist, im Gegenteil, meine Freiheit, meine Gedichte nur einem kleinen, von mir ausgewählten Kreis vorzulesen. Das kann der Kreis derer sein, die Eintritt für eine Lesung bezahlt haben, aber im Prinzip kann die Bezahlung auch in Form einer sexuellen Dienstleistung erfolgen.

Aber von der typisch antikapitalistischen Verteufelung jeglicher freiwilliger Austauschbeziehungen, insbesondere auf sexuellem Gebiet, einmal abgesehen, ist es reine Unterstellung, zwischen den Gedichten und dem Sex eine direkte Tauschbeziehung, mit Gedichtlesungen als Bezahlung für Sex, zu behaupten.

Sicher, jede positive zwischenmenschliche Beziehung funktioniert langfristig nur dadurch, dass beide oft genug etwas tun, was der andere möchte. In einer reinen Tauschbeziehung funktioniert das auf der Basis einer expliziten Absprache – ich mache das, du machst dafür das. In einer Freundschaft läuft dies jedoch nicht mehr so direkt – du tust dem anderen etwas Gutes, weil du ihn magst, auch ohne direkte Erwiderung. Und du bekommt irgendwann etwas zurück, weil auch der Freund dich mag. Eine Beziehung, in der Gedichte eine Rolle spielen, ist üblicherweise zumindest eine Freundschaft, auf der man das Niveau des primitiven Tausches überwunden hat. Und eine pädophile Beziehung ist oft sogar mehr als eine Freundschaft, nämlich eine, wenn auch oft nur einseitige, Liebesbeziehung.

Schon eine Freundschaft auf eine primitive Austauschbeziehung zu reduzieren ist jedoch nichts weiter als eine primitive Verleumdung.

Und Dirks antikapitalistische Traurigkeit ist daher unnötig: Der Wunsch nach Sex mag Motiv zum Schreiben von Gedichten sein, das Vorlesen eine Form der Werbung. Möglicherweise war Haslinger von den Gedichten beeindruckt, und dies hatte möglicherweise einen Einfluss auf seine Bereitschaft, den Pfarrer zu befriedigen. Und möglicherweise hat Haslingers positive Reaktion auf sexuelle Vorschläge die Verliebtheit des Pfarrers verstärkt und ihn zu neuen Gedichten motiviert.

Das ist aber auch schon alles. Die Vorstellung, der Pfarrer hätte Sex explizit zur Bedingung für das Vorlesen von Gedichten gemacht, ist einfach nur lächerlich. Haslinger konnte die Gedichte des Pfarrers zweifellos lesen, ohne ihn zu befriedigen.

Ob Haslinger den dichtenden Priester nun befriedigt hat oder nicht, ist irrelevant und sollte Haslingers Privatsphäre bleiben. Und auch ob die Gedichte für diese Entscheidung irgendeine Rolle gespielt haben kann offenbleiben. Nur, dass er ihn dafür nicht hat befriedigen müssen, ist für jeden Pädophilen so offensichtlich, dass es einfach keiner Erwähnung bedarf.

Was hat sexuell nun eigentlich stattgefunden?

Kommen wir nun zu einer anderen Frage. Sie ist ein bisschen subtiler, weil Haslinger selbst in seinem Text keine eindeutigen Aussagen macht. Trotzdem, hinreichend klare, wenn auch indirekte, Hinweise gibt es genug.

Die Frage ist, welche konkreten sexuellen Handlungen Haslinger selbst in seinen pädosexuellen Beziehungen erlebt hat.

Diese Frage ist allein schon deshalb interessant, weil es Unterschiede gibt zwischen den rein sexuellen Wünschen von Schwulen und Boylovern. Diesen Unterschied kann man am einfachsten in folgender Regel zusammenfassen: Je jünger die Jungs sind, die sexuell begehrt werden, desto weniger penisorientiert, und desto mehr zärtlichkeitsorientiert, sind die rein sexuellen Wünsche.

Grob gesagt, bei Päderasten – Boylovern die auf Jungs in oder nach der Pubertät stehen – spielt der Wunsch nach Analsex durchaus eine wesentliche Rolle. Bei Boylovern, die auf Jungs vor der Pubertät stehen, ist das Interesse an Analsex weitaus geringer. Beispielsweise bei mir: Ich würde niemals einem Jungen Analsex vorschlagen, ganz einfach weil dies nichts ist, was für mich sexuell interessant ist. Nein, nicht weil es eklig ist (nicht mein Problem), nicht weil es unmoralisch ist (ist es nicht), sondern einfach weil es in meinen sexuellen Phantasien keine Rolle spielt. Und bei denen, die auf noch Jüngere stehen, reicht bereits einfaches Streicheln des Kindes – ohne dessen Geschlechtsteile auch nur zu berühren – zur eigenen sexuellen Befriedigung aus.

Das ist natürlich nichts, was mit der Missbrauchsideologie kompatibel wäre. Die hat klare Vorstellungen: Der sexuelle Wunsch des pädophilen Sexmonsters ist der Koitus, wenn das Opfer ein Mädchen ist, und Analsex wenn das Opfer ein Junge ist. Und das völlig unabhängig vom Alter des Jungen.

Haslinger selbst gibt keine allzu konkreten Informationen über die sexuellen Handlungen, die stattgefunden haben. Trotzdem, Hinweise gibt es durchaus genug:

Ich war zwölf Jahre alt, als erstmals ein Priester, mein damaliger Religionslehrer, sich für meinen kleinen Penis interessierte und dabei ganz offensichtlich in Erregung geriet. … Als er merkte, dass ich es zuließ, suchte er nach Gelegenheiten, das Spielchen zu wiederholen und, wenn möglich, ein wenig auszuweiten. Ich ging mehrere Etappen der Ausweitung dieser Spielchen mit. … Ein Penis, der ejakuliert. Wenn man zwölf Jahre alt ist, will man das endlich einmal sehen.

„Mehrere“ bedeutet natürlich auch „nicht alle“. Was nicht dabei war, kann man aus den Kommentaren zu seiner literarischen Darstellung einer oralen Vergewaltigung zumindest erraten:

Das formulierte ich wohl zu einer Zeit, als ich schon Pornofilme kannte. Gerade diese Szene weicht am weitesten von der Realität ab.

Ich sag mal, hier passt alles mit dem zusammen, was Boylover typischerweise sexuell mit Jungs machen. Da ist das Interesse am Penis des Jungen. Da ist offenbar die gemeinsame Masturbation. Die Zärtlichkeit wird woanders auch erwähnt. Eine Penetration des Jungen – oral oder anal – spielt hingegen keine Rolle. Da ist lediglich der Fakt, dass es Etappen der Ausweitungen des Spielchens gab, die Haslinger nicht mitgegangen ist.

Das ist genau das, was auch in meinen Beziehungen mit Jungs ablief. Das für mich interessanteste Sexualobjekt ist der Penis des Jungen. Analsex schlage ich gar nicht erst vor, weil es nicht nicht zu meinen sexuellen Interessen gehört – sowas müsste ein Junge schon selbst vorschlagen. (Was übrigens durchaus vorkommt.)

Und daher halte ich es für wahrscheinlich, dass Haslinger von den pädophilen Priestern nicht penetriert wurde. Zumindest gibt sein Text keinen Anlass zu der Vermutung, er sei es.

Dirks hingegen nimmt dies als selbstverständlich an. Mit offensichlicher Referenz zu Haslingers Beschreibung eines der Pädophilen („Einer der drei schrieb Gedichte. Ich kann heute noch eines seiner Gedichte auswendig.“) schreibt sie:

Ein- und derselbe Mensch kann Gedichte schreiben und einfühlsam sein und gleichzeitig Kinder penetrieren.

Was im Kontext der realen Information, die Haslinger gegeben hat, nichts weiter ist als eine Verleumdung des (glücklicherweise durch diese Verleumdung nicht geschädigten) dichtenden Pädophilen.

Die Penetrationsfixierung von Dirks kommt auch an anderer Stelle zum Ausdruck:

„Du beachtest mich, ich ahne, dass nicht ganz richtig ist, was du machst, es tut mir vielleicht auch weh, aber ich verrate dich nicht, dafür beachtest du mich weiterhin.“

Die Sexspiele, die zwischen Männern und Jungs stattfinden, tun nicht weh. Wenn etwas weh tun sollte, dann wird das abgebrochen. Und selbst wenn weder das eigene sexuelle Bedürfnis (welches die Lust des Partners wünscht) noch die Moral des Pädophilen ausreichen, dies zu bewirken, tut es das elementare Sicherheitsinteresse angesichts der realen Machtverhältnisse.

Soweit die expliziten Widersprüche. Fassen wir zusammen:

  • Haslingers eigene Auflehnung gegen die Kirche wird totgeschwiegen, statt dessen behauptet, er sei zu Auflehnung unfähig.
  • Haslingers Beschreibung der realen Machtverhältnisse wird totgeschwiegen, statt dessen behauptet, dies sei eine Ohnmachtsphantasie.
  • Haslingers Beschreibung sexueller Neugier als eigenes Motiv wird totgeschwiegen, statt dessen ohne Grundlage im Text ein Wunsch nach Zärtlichkeit, Tausch von Anerkennung und Aufmerksamkeit gegen Sex, Unerwünschtheit von und Widerstand gegen Sex unterstellt.
  • Obwohl Haslingers Text einige Hinweise gibt, dass kein Analsex stattfand, wird suggeriert, er sei penetriert worden.

Und dies alles in einer Situation, in der jeder den Originaltext nachlesen und die Widersprüche selbst feststellen kann. Doch es kommt noch mehr hinzu:

Falsche Gefühle

Dass Kinderschützer die Gefühle von Kindern nur dann ernst nehmen, wenn sie in ihre Ideologie passen, wurde schon erwähnt. Doch die Antworten illustrieren außerdem ganz gut, welche Gefühle die richtigen sind – Gefühle der Abstoßung und des Hasses:

So kann als Zärtlichkeit noch heute benannt werden, was für andere allein die abstoßende Zuwendung gegenüber einem Kind in perverser Sexualbefriedigung war. (Amendt)

Das Richtige und Angemessene ist Hass, bis hin zu Vernichtungsfantasien. Mitgefühl, Vergebung und Nachsicht hingegen sind falsch, sogar eine Gefahr:

Angemessenheit ließ Gefühle des Zorns, der Rache, der grenzenlosen Enttäuschung erwarten, die selbst vor Vernichtungsfantasien angesichts von Erniedrigung und lebenslanger Glückseinschränkung nicht zurückschrecken. … er schwebt in der Gefahr, ihn zu verteidigen oder Nachsicht für ihn vor seinen Richtern zu erbitten. (Amendt)

Missbrauch ist deshalb so dramatisch, weil missbrauchte Kinder mit dem Täter mitfühlen … (Dirks)

Ist es verwunderlich, dass eine solche Ideologie des Hasses unter Verbrechern, Nazis, Politikern und Polizisten besonders beliebt ist?

Haslinger als Geisteskranker

Man vergesse in diesem Zusammenhang nicht, dass, bei allem (oft genug nur vorgespielten) Mitgefühl mit psychisch Kranken, die Unterstellung einer psychischen Erkrankung beim Opponenten eine klassische Form der Beleidigung ist. „Idiot“ kenne ich als Beleidigung noch aus meiner Kindheit (während ich „Opfer“ als Beleidigung zum ersten mal 1998 hörte – die Reaktion der Jungs auf die Dutroux-Hysterie).

Sicherlich, beide Autoren dürften einen Vorwurf, sie hätten auf diese Weise Haslinger beleidigen wollten, vehement bestreiten. Und vielleicht wollten sie es in der Tat nicht, zumindest bei Dirks würde ich das auch nicht vermuten. Trotzdem ändert dies nichts an der Wirkung. Eher im Gegenteil: ein einfaches, als Beleidigung gemeintes und von allen so verstandenes „du bist ein Idiot“ ist harmlos im Vergleich zu einer ernst gemeinten Diagnose einer Geisteskrankheit durch einen Professor.

Insbesondere ändert sich auch nichts an der für die Erhaltung des Dogmas so wichtigen Abschreckung von Abweichlern: Wer möchte schon, als Antwort auf die Offenlegung intimster Details seines Privatlebens, öffentlich als geisteskrank bezeichnet werden, ohne das auf die Argumente, die man vorgebracht hat, auch nur ansatzweise inhaltlich eingegangen wird?

Noch dazu ein gefährlicher Geisteskranker

Mehr noch, die These von der „Identifikation mit dem Aggressor“ hat, außerdem, noch eine weitere aggressive, gegen den Abweichler gerichtete, Komponente:

Der lange zurückliegende Missbrauch gipfelte in einer lebenslang wirksamen Identifikation mit dem Angreifer. Sie haben das Böse der Aggressoren sich zu Eigen gemacht und sind damit dazu verdammt, diese sogar zu verteidigen. (Amendt)

Haslinger ist also nicht nur geisteskrank, sondern gemeingefährlich geisteskrank – er hat das Böse selbst in sich, es sich zu Eigen gemacht, ist verdammt dazu, es zu verteidigen.

Und die These, dass Missbrauch eine Art ansteckende Krankheit ist, ist ja auch noch nicht ausgestorben:

Wir wissen aus der langjährigen Arbeit, dass Täter oftmals selbst Opfer waren. (Dirks)

Auch für Dirks hat das Opfer also, im Endeffekt, das Böse selbst in sich.

Und damit klärt sich auf, wieso unsere beiden Kritiker keine Angst davor haben, dass ihre Leser sich den Originaltext noch einmal zum Vergleich vornehmen.

Denn was sollte man mit den Texten von Geisteskranken, die das Böse der Aggressoren in sich tragen, tun? Sie intensiv durcharbeiten, um herauszufinden, ob sie vielleicht doch recht haben? Und sich so der Gefahr aussetzen, vom Bösen selbst infiziert zu werden? Himmel bewahre.

Dass es Widersprüche gibt zwischen den Texten derer, die das Böse in sich tragen, und den Texten derer, die dieses Böse bekämpfen, ist ja wohl selbstverständlich. Wer würde anderes erwarten?

Die Orwellsche Wahrheit

Die geradezu erstaunliche Vielfalt von Behauptungen, deren Falschheit schon aus dem Text selbst folgt, auf den in den Artikeln geantwortet wird, und der jedem zur Lektüre offensteht, ist trotzdem noch ein paar weitere Überlegungen wert.

Denn es scheint, dass es nicht nur die Hoffnung ist, dass die Faulheit oder die Abschreckung durch die Identifikation Haslingers mit dem Bösen die Leser davon abhält, nochmal nachzulesen.

Ich vermute, die Situation ist schon weitaus schlimmer: Dass es bereits egal ist, wenn die Behauptungen der Missbrauchsideologen leicht als Lügen und Verleumdungen enttarnt werden könnten. Weil es auf die Wahrheit gar nicht mehr ankommt.

Worauf es ankommt, sind andere Fragen. In der klassischen, stalinistischen Variante ist es einfach die Information darüber, welches die aktuelle Linie der Partei ist, die jeder Parteisoldat bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen hat.

Was Haslinger erlebt hat, was er denkt, welche Argumente er vorbringt – das alles ist völlig irrelevant, einfach weil er ein Feind ist, einer, der das Böse in sich trägt. Wenn Amendt und Dirks ihm widersprechen, widersprechen sie gar nicht ihm – das ist unnötig. Sie haben eigene Ziele, und Haslingers Artikel ist lediglich eine Gelegenheit, sich für diese eigenen Ziele einzusetzen.

Aus dieser Perspektive betrachtet, werden die offensichtlichen Widersprüche zu Haslingers Text, und die geradezu primitive Wiederholung des Dogmas, gerade auch der Aspekte des Dogmas, die durch Haslingers Text am offensichtlichsten widerlegt werden, verständlich. Es sind gar keine Argumente gegen Haslinger. Es sind Glaubensbekenntnisse, Loyalitätserklärungen: Sie selbst stehen auf der Seite der Guten, verteidigen das Dogma auch dann, wenn weniger überzeugte, weniger konsequente Kämpfer gegen das Böse zu zweifeln beginnen.

In einer Orwellschen Welt ist ein Glaubensbekenntnis notwendig, wenn man sich zu Wort meldet.

Ein Glaubensbekenntnis ist aber kein Argument. Es ist nicht den Gesetzen der Logik unterworfen. Der treueste, überzeugteste Kämpfer ist schließlich der, der treu bleibt, auch wenn jede Logik dagegen spricht. Das ideale Glaubensbekenntnis widerspricht der Logik offen: „Alles spricht dagegen, aber ich glaube trotzdem'‘.

Meiner Meinung ist nur die Interpretation der „Kritiken“ als Glaubensbekenntnisse geeignet, die vielen offensichtlichen Widersprüche zu Haslingers Text und die Übereinstimmung beider Texte in dieser Hinsicht zu erklären. Alles andere erscheint implausibel: Schließlich wäre es ein höchst seltsamer Zufall, wenn zwei völlig verschiedene Menschen, beide hinreichend intelligent, partiell den Verstand verlieren. Und es nicht nur genau dieselbe Sachfrage ist, über die sie ihren Verstand verlieren, sondern sie außerdem noch auf ein und denselben Artikel Antworten schreiben, in denen sich diese Geisteskrankheit auf mehr oder weniger dieselbe Art und Weise äußert. Eindeutig zu viele Zufälle.

Mögliche Motive

Nur, die Frage bleibt: Was konkret motiviert unsere beiden Kritiker, sich hier zu Wort zu melden und das Missbrauchsdogma zu verteidigen?

Nun, diese Frage muss notgedrungen offenbleiben. Denn in einer von einem Dogma beherrschten Gesellschaft gibt es die verschiedensten Gründe, das Dogma zu verteidigen. Darunter finden sich der eigene Glaube an das Dogma genau wie die irrationale Angst, was wäre, wenn das Dogma falsch wäre, was zu einer instinktiven Ausblendung aller dem Dogma widersprechenden Fakten führt. Aber genauso findet sich das eigensüchtige Interesse, in dieser Gesellschaft Macht zu erringen, und die Angst, als Feind entlarvt und verfolgt zu werden. Aber es können auch Machtkämpfe innerhalb der Verteidiger des Dogmas ausgetragen werden, indem man formell den Feind angreift, in Wirklichkeit jedoch die eigene Variante des Dogmas gegen andere Varianten verteidigt.

Was konkret für Dirks und Amendt zutrifft, wird ihr Geheimnis bleiben. Hier kann ich lediglich spekulieren.

Dirks zumindest geht inhaltlich kaum auf Haslinger ein, sie verteidigt hingegen inhaltlich eine durchaus etwas zivilisiertere Variante des Dogmas – eine Variante, in der missbrauchte Kinder die Möglichkeit haben, anonym Hilfe zu finden, ohne Anzeigepflichten, eine Variante, in der Sexspiele unter Gleichaltrigen legitim sind, und damit eine Variante, die in zwei ihrer zentralen Punkte heute auf der Verliererstraße ist – sowohl Anzeigepflichten als auch die Verfolgung von Sex unter Kindern sind immer weiter auf dem Vormarsch. Sich offen dagegen zu stellen wäre allerdings zu gefährlich, und so ist der Artikel Haslingers einfach eine gute Gelegenheit für sie, ihre moderatere Position zu verteidigen, aber trotzdem offiziell auf der Seite der Guten – also gegen Haslinger – zu stehen.

Amendt hingegen behauptet so vehement und demonstrativ, den Gefühlen Pädophiler nicht folgen zu können, dass mir persönlich plausibel erscheint, dass er ihnen in Wirklichkeit nur zu gut folgen kann:

Es ist das Wesen der pädophilen Perversion, dem wir mit unseren Gefühlen nicht folgen können. Denn das Perverse als Charakterstörung ist uns nicht eigen. Im Prinzip respektieren wir die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kindern.

Wenig plausibel. Ich kann jedenfalls den Gefühlen Heterosexueller oder Schwuler problemlos folgen – ich muss mir dazu lediglich vorstellen, dass sie dieselbe Attraktion für erwachsene Frauen oder Männer empfinden wie ich für Jungs. Auch wenn ich diese Gefühle nicht teilen kann, warum sollte ich ihnen nicht intellektuell folgen können? Und daher scheint mir persönlich plausibler, dass Amendt das umgekehrt genauso kann. Dass er also einfach nur lügt. Warum? Vielleicht, weil er in Wahrheit den Gefühlen Pädophiler sogar zu gut folgen kann? Aber das ist lediglich rein private Spekulation.

Worauf es ankommt, ist etwas anderes. Was auch immer die Motive sind – sie erfüllen ihre Funktion als Teil eines ideologischen Systems vom Orwellschen Typ. Eines Systems, bei dem es nicht mehr um Wahrheit geht. Ob es dem Leser möglich ist, zu erkennen, dass es sich rein sachlich um Lügen handelt, ist irrelevant – genauso irrelevant wie die Frage, ob die Anschuldigungen in den stalinistischen Schauprozessen glaubhaft waren oder nicht.

Die Funktion solcher Artikel ist eine andere: Sie beschreiben, welches die politisch korrekte Reaktion auf solche parteifeindlichen Meinungsäußerungen ist. Sowohl den Autoren als auch den Lesern ist klar, dass es gar nicht um die Frage geht, was wahr ist. Es geht lediglich darum, die Leser zu informieren, welches die aktuelle Linie der Partei ist, welche Position von allen Parteisoldaten bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden muss, und das unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt.

Sind wir schon soweit? Ich denke, noch nicht. Noch ist auch Haslingers Originaltext zugreifbar. Noch kann ich diesen Artikel hier veröffentlichen.

Aber wir nähern uns diesem Zustand eindeutig immer mehr. Die Leichtigkeit, mit der die Verfälschung hier erkennbar ist, hat durchaus schon etwas an sich, was fatal an die Absurdität der Beschuldigungen in stalinistischen Prozessen erinnert. Und die Darstellung von Haslinger als nicht nur durch „Identifikation mit dem Aggressor“ geschädigtes Opfer, sondern als Träger und Verteidiger des Bösen selbst, lässt Schlimmes für die Zukunft befürchten. Vielleicht noch keine Gulags. Aber es ist, wie beim Missbrauch der Psychiatrie in der Breshnew-Zeit, als Antisowjetismus ausreichend für eine Diagnose der Schizophrenie und das Wegsperren in einer psychiatrischen Klinik war, bereits der sachliche Inhalt einer politischen Meinung, der ausreicht, den Abweichler als geisteskrank zu disqualifizieren. Und noch dazu als gefährlichen Geisteskranken, der das Böse in sich trägt. Gefährliche Geisteskranke werden weggesperrt. Es bleibt also nur noch der kleine Schritt, auch die an dieser gefährlichen Geisteskrankheit Erkrankten wegzusperren.

Ich hoffe, ich irre mich hier.

Ich finde leider keinen sachlichen Grund, der diese Hoffnung stützen würde.

Der Kampf gegen Lolita City

Ende Oktober hat die Hacker-Gruppierung Anonymous einige Kinderpornoseiten attackiert, speziell eine Seite namens „Lolita City“. Eine Attacke, deren Darstellung in den Medien es mir wert erscheint, im Nachhinein etwas genauer ausgewertet zu werden.

Eigentlich, wenn es gegen die böse Kinderpornographie geht, kann man sich öffentlicher Unterstützung fast sicher sein. Und, ja, ein bisschen Medienecho kam auch. Die Huffington Post berichtete beispielsweise. Äh, wussten Sie, dass es so eine Zeitung gibt? Ich nicht. Ok, auch
bekanntere Medien beteiligten sich: Der Telegraph berichtete, und auf den Webseiten der BBC und des Wall Street Journal findet sich etwas. Auch der Guardian hatte darüber geschrieben, erinnere ich mich, kann aber den Artikel nicht mehr wiederfinden. In deutsch schrieb, neben Heise.de und NTV, auch die FAZ darüber. Allerdings auch nur nebenbei im Feuilleton.

Für eine Kombination zweier Themen, die jedes für sich genügend Schlagzeilen machen – einmal Anonymous, und dann auch noch Kinderpornos – ist das eigentlich eher ein Schweigen im Walde statt eines lebhaften Medienechos. Warum wohl?

Vielleicht liegt es daran, dass man die Verfolgung doch besser staatlichen Stellen überlassen möchte? „Es gab Kritik, was sei denn mit der Unschuldsvermutung, man dürfe die Justiz nicht in die eigene Hand nehmen, aber es war zu spät.“ schreibt die FAZ. Der Telegraph argumentiert gegen solche Attacken wegen dem Risiko, dass man damit einer polizeilichen Ermittlung in die Quere kommen könnte.

Was die Polizei unternimmt

Nur, was genau macht denn so die Polizei dagegen? Die Antwort finden wir in einem anderen Telegraph-Artikel über die „Hidden Wiki“:

“When I wrote about the Hidden Wiki before, I had already contacted the FBI and they knew of it,” said Mr Terban.
“They said that it was in the Tor network, and there wasn‘t much they could do.”

Das FBI kennt die Seiten also seit langem, und macht gar nichts, weil es eine Seite im Tor-Netzwerk ist. Da könne man nichts machen.

Was machen die Deutschen? Dasselbe. Golem.de schreibt:

Golem.de hat beim Bundeskriminalamt angefragt, welche Ermittlungen und Maßnahmen dort gegen Lolita City und Hard Candy laufen.

Eine Behördensprecherin erklärte Golem.de: „Der Sachverhalt ist dem Bundeskriminalamt bekannt. In enger Abstimmung mit unseren nationalen und internationalen Ansprechpartnern zur Bekämpfung der Kinderpornografie gehen wir allen in diesem Zusammenhang polizeilich relevanten Hinweisen – insbesondere im Hinblick auf möglicherweise durch eine zuständige Staatsanwaltschaft einzuleitende Ermittlungsverfahren – nach.“ Einzelheiten zum Sachstand oder Bewertungen des Sachverhalts könnten mit Rücksicht auf laufende Überprüfungen nicht mitgeteilt werden.

Bei einem der internationalen Ansprechpartner, den Briten, klingt das laut Telegraph wenigstens etwas gefährlicher:

The Child Exploitation and Online Protection Centre, British policing’s specialist agency for investigating child abuse, is aware of the Hidden Wiki and other darknets, and the challenges they pose.
“We cannot talk about specific sites for operational reasons. However we are aware that some child sex offenders are using these systems in an attempt to conceal their identity and activities,” a spokesman said.
“So called ‘hidden sites’ are not new and the system they use poses some challenges to law enforcement. We continue to use a variety of techniques to monitor online environments used by offenders so we can identify them and safeguard children.”

Auch die Briten sind also in dieser Hinsicht „challenged“. Aber immerhin tun sie etwas: Sie verwenden verschiedene Techniken, um diese Aktivitäten zu beobachten, um diese Kriminellen zu identifizieren.

Klingt ja recht gefährlich für die Bösen: Sie werden beobachtet. Klar, wann immer eine kriminelle Bande von der Polizei schon beobachtet wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dann zugegriffen wird.

Andererseits erlaubt es auch eine andere Interpretation: Genau wie die Amis kennen die Briten die Seiten schon lange, wissen, dass sie nichts machen können, und machen das, was sie können, und, wie jeder andere Kipogucker, auch dürfen, nämlich die dort zum Runterladen angebotenen Pornos runterladen und sie sich ansehen.

Zugunsten der Beamten nehmen wir mal an, dass sie die Bilder nicht runterladen, um sich darauf dann auf der Toilette einen runterzuholen (obwohl, vielleicht kommt ja daher die so weit verbreitete Behauptung, den Beamten würde beim Kipoauswerten so oft schlecht werden – dann müssen sie natürlich öfter mal schnell aufs Klo), sondern aus der durchaus nachvollziehbaren Idee heraus, dass man aus den Fotos und Videos vielleicht etwas über die Hersteller herausbekommen kann.

Wenn das so wäre, wäre damit allerdings eins besiegelt: Der Kampf gegen Kipo im Internet wäre einfach mal verloren. Es gäbe dann Seiten im Internet, gegen die die Regierungen einfach nichts machen können, weil niemand weiß, wo sie überhaupt rumstehen. Seiten, die trotzdem jedermann zugänglich sind, wo jeder seine Bildchen und Filmchen hochladen kann, und jeder alle dort hochgeladenen Kipos runterladen kann, mit Hunderten von Gigabytes an Kipo.

Welches dieser beiden doch sehr gegensätzlichen Bilder ist nun zutreffend? Das von der kleinen, hochgeheimen Bande, die in Panik ausbrechen müsste, wenn sie mitbekommt, dass ihre hochgeheime Seite auch von der Polizei beobachtet wird? Oder das von den Siegern im Kampf gegen die Zensur, denen klar ist, dass sich die Polizei auf dem Kiposerver auch bedient, die es aber genausowenig stört wie jede Zeitung, wenn sie auch von Gegnern gelesen wird?

Was könnte man statt dessen dagegen tun?

Um das herauszufinden, ist es ganz hilfreich, zu betrachten, was Anonymous gegen diese Seiten getan hat, und wie die Angegriffenen darauf reagiert haben.

Da wäre zuerst einmal die Frage, wie erfolgreich die Attacke insgesamt war. Zuerst einmal klingt es ja, wenn man die Überschriften liest, nach einer Katastrophe für Lolita City: „Anonymous Hacks Lolita City Alleged Porn Ring“, „Hacker group Anonymous takes down over 40 child porn sites“. Aber das sind, nunja, Überschriften von Mainstream-Zeitungen. Glaubt irgendjemand sowas noch?

Detaillierteres findet sich im Netz selbst, beispielsweise hier.

Aber kommen wir zum Inhalt. In der FAZ (die immerhin neutral „In den dunklen Gassen von Lolita City“ titelt), liest es sich beispielsweise so: „Der Höhepunkt der Aktion war allerdings der vergangene Dienstag, an dem eine Liste der Nutzernamen von Lolita City veröffentlicht wurde. Es dauerte nicht lange, bis eine weitere folgte – dieses Mal eine jener Nutzer, deren echte Namen und Daten man herausgefunden hatte. Sie wurden veröffentlicht, teilweise inklusive Adresse und Telefonnummer.“ Sachlich korrekt. Es erweckt allerdings den falschen Eindruck eines Zusammenhangs – als sei man über die Daten, die man auf Lolita City gefunden hat, an die wirklichen Nutzerdaten herangekommen.

Nur, so war es zumindest nur teilweise. Es gab zwei voneinander völlig unabhängige Attacken. Und wenn man sich diese beiden Attacken genauer ansieht, verlieren sie viel von ihrem Schrecken für die Kiposammler.

Die Nutzernamenliste von Lolita city

Natürlich ist es ein anerkennenswerter sportlicher Erfolg, dass man in Lolita City eindringen und die Nutzerliste rausholen konnte. Die Kiposammler bedanken sich, dass auf diese Art eine Schwachstelle in der Serversoftware erkannt und beseitigt werden konnte.

Mit den Daten selbst kann man allerdings wirklich keinen hinterm Ofen hervorlocken. Oder vielleicht doch? Man könnte ja versuchen, diese Nicks mit gleichen, woanders verwendeten Nicks zu identifizieren. Unter Nummer 694 finden wir beispielsweise den Nutzer „obama“ … Irgendwelche Hinweise darauf, dass sein Vorname Barack sei, fehlen zwar. Aber reicht es vielleicht trotzdem als hinreichender Anfangsverdacht für eine Hausdurchsuchung?

Sicherlich, die Jungs von Anonymous haben hier etwas geschafft, was sie eigentlich nicht hätten schaffen sollen, wäre es nach den Betreibern der Seite gegangen. Nur, gebracht hat ihnen das letzten Endes gar nichts. Insbesondere auch nichts, was zu holen für die Polizei überhaupt sinnvoll gewesen wäre. Denn viele Nutzernamen, und zumindest die der aktivsten Nutzer, kriegt man in den allermeisten Foren sehr viel einfacher mit – man meldet sich an und sieht sich um.

Der Anonymous-“Trojaner“

Aber wie kam man nun an echte Namen und Daten heran? Nun, dies gelang auf einem völlig unabhängigen Weg, der von Anonymous selbst hier beschrieben ist – mit Hilfe eines gefakten Tor-Button-Updates. Einen Link zum falschen Tor-Button hatte man auf die „Hard Candy“ Seite der „Hidden Wiki“ gestellt. Klar, wer auf so etwas reinfällt und gefakte Software installiert, der kann natürlich problemlos ausspioniert werden, und es bleibt dann kein Geheimnis mehr, wenn er Lolita City besucht.

190 Leute fielen darauf hinein.

Natürlich weiß ich auch, dass „Trojaner“ dafür nicht die richtige Bezeichnung ist, aber was die generellen Attackierungsmöglichkeiten betrifft, so läuft es doch darauf hinaus – Anonymous hat hier das gemacht, worum es in der Diskussion um den Bundestrojaner geht: Die Software auf dem Computer der betroffenen Sammler dadurch manipuliert, dass sie sie in eine Falle gelockt haben. Eine Falle, die vom Prinzip her nicht komplizierter ist als viele andere Möglichkeiten des Dummenfangs im Internet.

Auch hier dankt die Community der Kiposammler aufrichtig dem Anonymous-Kollektiv, durch diese Attacke noch einmal nachdrücklich auf diese Möglichkeit hingewiesen zu haben. Und dies auf eine doch verhältnismäßig ungefährliche Art und Weise getan zu haben: „Unter den Veröffentlichten allerdings fanden sich bislang auch mindestens zwei Leute, die mit Lolita City nichts zu tun hatten.“ Womit ein Auftauchen auf dieser Liste vor einem rechtstaatlichen Gericht keinerlei Beweiswert mehr haben kann. Zudem sind die Leute jetzt vorgewarnt, und haben nun zumindest ausreichend Zeit, ihre Computer zu säubern.

Der härteste Schlag: eine DDOS-Attacke

War noch was? Ja, es gab noch mehrere Denial of Service Attacken: Eine Menge Bots auf gehackten Computern senden massenweise automatische Abfragen an den attackierten Server, um den einfach zu überlasten.

Auch hierbei gab es einen gewissen sportlichen Erfolg. Stolz berichtet Anonymous: „After our last battle, we were successful in taking out a majority of Freedom Hosting 40+ CP sites for over 24 hours.“ Wow, man ist beeindruckt – ein paar Kiposeiten wurden für mehr als 24 Stunden so überlastet, dass man sie in der Zeit nicht mehr nutzen konnte.

Ein wahrlich harter Schlag gegen die Kipo-Mafia. Ich stelle mir die Gesichter der entsetzten Kiposammler vor – einen ganzen Tag ohne neue Kipos, lediglich mit den bisher schon runtergeladenen Gigabyte, zu überleben, das ist wahrlich ein harter Schlag für einen echten Sammler.

Wie man das Ganze zu einem Erfolg hochzureden versucht

Und so wird etwas verständlicher, warum diese Aktion von Anonymous kein größeres Medienecho gefunden hat: Die Blamage, dass die attackierten Server nach der Attacke in aller Ruhe weiterarbeiten können, ist dann doch zu extrem.

Und vor allem: Es gibt ja eben nichts, was man als Alternative vorschlagen könnte. „Warum tut denn die Polizei nichts dagegen“ hat nun einmal die einfache Antwort: Weil selbst Anonymous, die ohne alle rechtstaatlichen Einschränkungen operieren, nicht dagegen tun kann.

Also, wenn man überhaupt darüber berichtet, dann doch wenigstens so, dass das Ganze wenistens noch nach einem Erfolg von Anonymous aussieht. Die FAZ schreibt beispielsweise:

Lolita City wurde hart getroffen

Also unter „hart getroffen“ verstehe ich bei einem Kipo-Server was anderes. Wegen ein paar DDOS-Angriffen ein paar Tage down – geschenkt. Die Nutzerliste veröffentlicht – ja gut, nicht erwünscht, aber letzten Endes auch geschenkt. Schließlich muss man dort natürlich keine e-mail-Adresse beim Anmelden abgeben. Hart getroffen wurden möglicherweise die 190 Leute, die sich den Anonymous-Trojaner eingefangen hatten, aber daran sind sie selbst schuld, und nicht Lolita City. Die Popularität von Lolita City hat offenbar nicht darunter gelitten. Wie Anonymous selbst feststellen musste: „In addition we realized that
there were now 1626 total users on Lolita City db versus the 1589 total users in our dump of the user database on Tuesday.“

Noch amüsanter ist hingegen folgender Beitrag von NTV:

Der Provider spielte seine Sicherungskopien auf – dann trennte Anonymous mit einem finalen Angriff alle Verbindungen des Servers mit anderen Nutzern. Über 40 Internetseiten inklusive kinderpornografischem Material sollen so gelöscht worden sein.

Oje. Eine wahre Perle des investigativen Journalismus. Aus dem zeitlich begrenzten Dossen wird da plötzlich eine finale Attacke. Final war sie höchstens in dem Sinn, dass Anonymous danach aufgegeben hat. Und mit einem Trennen von Verbindungen scheint man magischerweise Daten löschen zu können. Und warum der Provider, falls beim „finalen“ Angriff nochmals alle Daten gelöscht worden wären, nicht einfach dieselben Sicherheitskopien noch mal raufspielen sollte, erschließt sich mir nicht so ganz. Ist vielleicht eine so anstrengende Arbeit, dass man die nur einmal schafft.

Aber NTV hat noch mehr Brüller auf Lager:

Es dauerte einen Tag, dann veröffentlichte Anonymous die Inhalte des gekaperten „Hidden Wiki“, einer Informationsseite für Pädophile aller Art.

Auf so eine Art der Attacke muss man erstmal kommen – das Veröffentlichen von Inhalten einer Informationsseite. Vermutlich unter Verletzung des Copyrights der Seitenbetreiber? Geht es noch?

Wie reagiert man eigentlich auf die Aufforderung, Kipo-Seiten runterzunehmen?

Kommen wir aber nochmal zur Frage zurück, welchen Charakter die Kipo-Seiten haben – geheime Seiten, die nur einer kleinen Gruppe von Insidern zugänglich sind, die Angst davor haben, dass die Polizei von diesen Seiten erfährt, oder, im Gegenteil, Seiten, deren Betreiber wie selbstverständlich davon ausgehen, dass auch die Polizei mitliest.

Die Beschreibung der Mittel, die den Hackern zur Verfügung standen, und deren letztendlicher Misserfolg deutet es eigentlich schon an:

Die Kiposammler haben gar keinen Grund, ängstlich zu sein. Anonymous hat getan, was möglich ist, gebracht hat es fast nichts. Solange es noch Reste rechtstaatlicher Beschränkungen der heutigen Polizei gibt, kann die Polizei auch nicht mehr tun, also nichts Gefährliches.

Wie um diese Machtverhältnisse noch einmal zu unterstreichen, stellte Anonymous vor dem Angriff auf den Provider Freedom Hosting noch ein Ultimatum. „Freedom Hosting weigerte sich, die Daten aus dem Netz zu nehmen, und wurde zum Ziel von Anonymous.“ beschreibt dies die FAZ, während NTV dies mit den Worten „Als das Unternehmen nach einer Aufforderung die Daten nicht löschte, erledigten das die Hacker selbst.“ beschrieb. Nach den obigen Stilblüten von NTV möchte man das allerdings doch noch einmal genauer nachprüfen, aber im Netz wird dies auch nicht anders beschrieben:

Following the initial attack, Anonymous members found out nearly all of the pornography had the Freedom Hosting digital fingerprint and thus issued the host a warning to remove the content from its server at 9 p.m. (CST) on October 14th. Freedom Hosting refused to comply and two and a half hours later, Anonymous completely shut down Freedom’s services with DDoS attacks

Tja, man lese und staune. Und stelle sich vor, die Polizei wäre auch so nett: Ein netter Beamter ruft an, und fordert den Kipo-Händler auf, seine Kipo-Seiten selbst vom Netz zu nehmen. Sonst würde man Maßnahmen ergreifen. Aber der denkt gar nicht daran und schickt den Beamten zum Teufel.

Aber genau darauf läuft es ja hinaus. Denn ob nun der Beamte selbst oder irgendein Bürger anruft, der jederzeit mit einer anonymen Anzeige die Polizei einschalten könnte, ist ja egal – die Unverschämtheit, so ein Ultimatum zu ignorieren, kann man sich nur leisten, wenn man sich sicher ist, dass einem auch die Polizei nichts tun kann.

Über die Berichterstattung unter den Bedingungen der Zensur

Der eine oder andere Leser wüsste jetzt sicherlich gerne die Links zur Hidden Wiki oder zu Lolita city. Sicherlich, wenn er pädophil ist, auch aus dem einfachen Grund, dass er dort Kipo sucht. Aber das ist keineswegs der einzige Grund. Auch für den Nichtpädophilen wäre es ein sehr viel klarerer Beweis, dass die Attacken von Anonymous vergeblich waren, wenn ich hier einfach einen Link auf die attackierten Seiten angeben könnte.

Die Links, die ich hier angebe, verweisen aber zum größten Teil auf Mainstream-Medien, also auf Quellen, die für ihre Verlogenheit notorisch sind. Medien, die gerade auch meiner Meinung nach extrem verlogen sind – was ich ja teilweise hier auch aufzeige.

Meine inhaltliche Argumentation könnte problemlos viel direkter sein. Ich argumentiere über den gesunden Menschenverstand, stelle die einen Zitate aus den Mainstream-Zeitungen anderen gegenüber um Widersprüche aufzuzeigen, wo es doch eigentlich viel einfacher ginge.

Anonymous attackiert Lolita City, das Ergebnis ist ein Misserfolg. Was wäre hier einfacher, als Sachbeweis, als ein direkter Link auf die attackierte Seite, der beweist, dass die Seite weiterhin existiert, und weiterhin das tut, was ihr Ziel ist, nämlich Kipo zu verbreiten?

Aber diesen einfachsten Sachbeweis kann ich hier nicht leisten. Denn dies wäre, nach deutschem Recht, Beihilfe zur Verbreitung von Kinderpornographie. Nichts läge mir, als Boylover, ferner als Beihilfe zur Verbreitung von Mädchenpornos (wie eklig) zu leisten, aber das würde Gerichte und Staatsanwaltschaft kaum interessieren. Ich könnte dafür problemlos ins Gefängnis wandern.

Dies schränkt mich sogar noch weiter ein. Auch ein Link auf die Hidden Wiki, der beweisen würde, dass auch diese von Anonymous attackierte Seite weiterhin frei zugänglich ist, ist mir nach deutschem Recht, zumindest scheint es so, verboten. Sicher enthält sie selbst keinerlei Kipo. Aber auf irgendeiner ihrer Unterseiten (wie in Wikis halt nicht ganz unerwartet), sollen sich ja Links zu den verschiedenen Kipo-Seiten finden. Also darf ich wohl auch diese Adresse nicht angeben.

Aber sind denn wirklich Links verboten, wenn sie lediglich auf Seiten verweisen, die solche Links enthalten? Ja, in Deutschland ist es (zumindest für die pädophilen Untermenschen) sogar noch schlimmer: Wenn man lediglich eine Seite verlinkt (sagen wir mal, Schutzalter-Blog), wo auf eine Seite verwiesen wird (sagen wir mal, Wikileaks), wo sich dann unter 3863 Links 6 kinderpornographische finden (wie es für geleakte Zensurlisten typisch sein dürfte), kann man deswegen nicht nur eine Hausdurchsuchung kriegen, sondern sogar noch wegen Beihilfe zur Verbreitung von Kinderpornographie in den Knast wandern. Nein, das ist kein Joke. Diese Realsatire auf deutsche Rechtsstaatlichkeit passierte in Pforzheim. Gut, ein bisschen Hoffnung besteht – noch ist dieses Skandalurteil nicht rechtskräftig.

Trotzdem, falls es rechtsgültig bleiben würde, dürfte ich noch nicht einmal auf eine Seite verlinken, die selbst auf die Hidden Wiki verlinkt. Nun, eine Tor-Adresse ist ja eine höchst kryptische Zeichenfolge, die nicht einfach so zufällig vorkommt. Daher dürfte eine Google-Suche nach dieser kryptischen Adresse, die ich Ihnen leider nicht mitteilen darf, eine recht genaue Zahl der Verlinkungen der Hidden Wiki liefern. Google findet dazu „About 28,800 results“. Sicherlich, allzu sehr kann man solchen Zahlen nicht vertrauen, heute früh waren es beispielsweise lediglich um die 24000. Also ergibt es sich, dass ich um die 28000 verschiedene Webseiten, die sich mit dem Thema Hidden Wiki auf die eine oder andere Seite befassen, und die möglicherweise weitere interessante Informationen enthalten, gar nicht verlinken dürfte.

Dies ist selbstverständlich verfassungswidrig. Denn all diese 28000 von Google gefundenen Seiten, wie auch die Hidden Wiki selbst, sind natürlich öffentlich zugängliche Quellen, aus denen sich jedermann informieren kann. Sicherlich, um auf die Hidden Wiki zuzugreifen, muss man Tor installiert haben. Aber Tor ist ja selbst problemlos öffentlich zugänglich. Und damit ist auch die Hidden Wiki eine öffentlich zugängliche Informationsquelle.

Aber wen interessiert schon das Grundgesetz, wenn man auf Pädohatz ist?