Der Wunsch nach Freiheit

Was macht die Boylover eigentlich für Jungs so attraktiv?

Der eine oder andere Boylover mag diese Frage völlig abstrus finden, weil er, trotz sehnlichstem Wunsch danach, gar keine Kontakte mit Jungs hat, und all seine Versuche, solche zu etablieren, in totalen Fiaskos geendet haben. Aber ich denke, die Mehrheit derjenigen, die Kontakte mit Jungs haben oder hatten, wissen, wie einfach so etwas zumindest im Prinzip geht.

Wo immer das geht, spielen Jungs gerne mit Männern, quatschen auch gerne mit ihnen, und kommen, wenn die soziale Umgebung dies gestattet, auch gerne zu ihnen nach Hause. Was wollen sie da? Was haben sie dort verloren? Es ist eigentlich ganz einfach – sie wollen halt den Mann als Freund haben. Warum auch immer. Das wird immer von den verschiedenen Wünschen der Jungs abhängen, genau wie auch von den verschiedensten persönlichen Qualitäten des Boylovers – Qualitäten, die unter Boylovern genauso verschieden sind wie unter anderen Leuten auch.

Aber es gibt ein Bedürfnis, welches so ziemlich alle Jungs teilen: Der Wunsch nach Freiheit, der Wunsch, das tun zu können, was sie selbst wollen. Diesem Wunsch können sie die meiste Zeit ihres Lebens nicht folgen – in der Schule haben sie Lehrern zu gehorchen, und zu Hause haben, zumindest normalerweise, die Eltern das Sagen. Um ihren eigenen Willen durchzusetzen, müssen Jungs kämpfen.

Und das tun sie auch. Wer als Erwachsener mit Jungs zu tun hat, egal in welcher Art, weiß es: Man wird ausgetestet. Jeder normale Junge versucht, sich soviel Freiheit wie möglich zu erkämpfen, indem er einfach ausprobiert, wie der Erwachsene darauf reagiert. Was toleriert er, was nicht? Wie weit kann man gehen? Wie schlimm ist es, wenn er sauer wird?

Boylover verhalten sich in dieser Hinsicht anders als die meisten anderen Menschen. Sie sind glücklich, dass die Jungs bei ihnen sind. Und außerdem wollen sie selbst die Jungs als Freunde haben. Und Freundschaft bedeutet Gleichwertigkeit. Selbst wenn die Beziehung offiziell keine gleichberechtigte ist, wenn der Boylover also Lehrer, Erzieher, Betreuer oder Vater ist, ist diese gesellschaftliche Rolle für ihn eher eine Belastung als sein Wunsch. Die Rolle, die er anstrebt, ist eine andere: Die des Freundes.

Damit ist aber auch klar, dass der Junge sich in dieser Freundschaft weitaus mehr erlauben kann, weitaus mehr Freiheit hat, als in der üblichen Vater-Sohn oder Lehrer-Schüler Beziehung. Und dies ist Jungs eben sehr wichtig.

Aber weil es ihnen so wichtig ist, testen sie auch in der Freundschaft aus, wie weit sie gehen können, bevor der Freund ernsthaft sauer ist. Dessen kann man als Boylover ziemlich sicher sein: Die Jungs werden herausfinden, wo seine Toleranz zu Ende ist, wo er zu schimpfen beginnt, und wo er wirklich sauer wird.

Und so stellt sich mit der Zeit ein Gleichgewicht ein. Ein Machtgleichgewicht – was der Boylover einmal hat einreißen lassen, kann er kaum, nur unter erheblichem Stress, wieder umkehren. Denn die Jungs wissen ja schon, dass dies eigentlich möglich ist.

Und wo auch immer die Grenzen sind – sie sind meist deutlich weiter als bei anderen Männern. Und das ist etwas, was auch den durchschnittlichen Boylover für Jungs attraktiv macht.

Dass Jungs bei Boylovern vieles dürfen, was sie woanders nicht dürfen, haben inzwischen sogar schon ihre Feinde herausgefunden. Sie stellen es dar als eine raffinierte, hinterhältige Taktik: Die Jungs dürfen alles mögliche tun, was sie woanders nicht dürfen, und müssen dafür mit unerwünschtem Sex bezahlen.

Das hat allerdings wenig mit der Realität zu tun. Denn diesen Unterschied in den Beziehungen gibt es auch bei Boylovern, die viel zu viel Angst haben, Jungs überhaupt sexuelle Angebote zu machen. Aber auch sie haben Jungs gerne als Freunde, und auch bei ihnen finden die Jungs schnell heraus, dass sie sich – deswegen – weitaus mehr herausnehmen können als bei anderen.

Als Beispiel mein erster Einsatz als Betreuer in einem Ferienlager. Der war lange bevor ich mich getraut habe, Jungen sexuelle Angebote zu machen. Die Jungs (9-11) mochten mich, ich sie, aber schon damals tanzten sie mir ziemlich auf der Nase rum und machten was sie wollten. Irgendwann hatten sie mich zur Weißglut gebracht, und ich brüllte einen mit voller Lautstärke an, er solle aufhören. Die Antwort werde ich nie vergessen: „Gibs auf, Sascha, du kannst ja gar nicht richtig böse sein“. Das war es auf den Punkt gebracht. Er hatte mich durchschaut, besser als ich mich selbst damals.

Dass Jungs Boylover auf diese Art erkennen und durchschauen können, ist, wie gesagt, kein Zufall. Es ist ihr Interesse an der eigenen Freiheit, ihr täglicher Kampf gegen Schikane und Unterdrückung, der sie geradezu dazu nötigt, auf feine Unterschiede zwischen den Erwachsenen zu achten. Je besser ein Junge die Erwachsenen durchschaut, desto mehr kann er sich erlauben.

Und das liegt nicht an irgendeiner bewussten Entscheidung des Boylovers, sondern viel tiefer, an seinen Gefühlen. Er ist einfach mal glücklich, wenn Jungs um ihn herum sind, und das ist er auch dann noch, wenn die Jungs nicht allzu gehorsam sind. Und deshalb kann er, wenn die gesellschaftlichen Konventionen es verlangen, zwar böse werden, aber eben nicht „richtig böse“.

Wieviel sich Jungs dann wirklich erlauben können, hängt natürlich auch von persönlichen Qualitäten des Boylovers ab. Unerfahrene oder charakterschwache Boylover können geradezu schikaniert werden. Erfahrene Boylover können sich hingegen durchsetzen, bevor ihre Grenzen erreicht sind. Aber auch sie werden ausgetestet, und auch bei ihnen wissen die Jungs: Sie können sich einiges erlauben, was woanders verboten ist, und sie können insbesondere auch einiges tun, was der Boylover nicht mag. Und selbst wenn der Boylover wirklich mal sauer ist, ist das auch nicht weiter schlimm, denn man verträgt sich schnell wieder.

Wie kommt nun eigentlich Sex in die Beziehung hinein? Nun, erst einmal auf eine ganz natürliche Weise, bei der der Boylover gar nichts tun muss: Es gibt ja auch gesellschaftliche Regeln gegen sexuelle Schimpfwörter und gegen andere Verhaltensweisen wie Rülpsen oder Pupsen. Und es gehört fast automatisch zum Austesten, dass man testet, wie sich der Boylover in dieser Hinsicht verhält. Also wird da mal gerülpst, da mal ein sexuelles Wort fallengelassen, da mal ein sexueller Witz erzählt, man lacht dazu und wartet die Reaktion ab. Der Boylover könnte mitlachen, seine eigenen Witze erzählen, einen empörten Erwachsenen parodieren, je nach Stil.

Die Jungen merken hier, dass sexualisierte Sprache und sexuelle Themen überhaupt kein Tabu sind. Das ist ein für Jungs durchaus wichtiger Unterschied: Wer sich mal in der Nähe eines Schulhofs oder eines Bolzplatzes aufgehalten hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass sexbezogene Wörter dort sehr verbreitet sind, während man von Erwachsenen, insbesondere Lehrern, erwartet, dass sie dagegen einschreiten. Dass der Boylover dies toleriert, wird also beim Austesten der Grenzen der freien Rede automatisch mit festgestellt.

Und nun soll, angeblich, der Boylover die Jungs unter Druck setzen, die angeblich gar nichts sexuelles wollen? Das passt einfach nicht zusammen. Sie wissen, wenn sie keine Lust haben, sagen sie nein und das wars. Denn das haben sie ausgetestet. Ob der Boylover das mag oder nicht, ist dabei nicht die Frage. Denn sie wissen, auch wenn er es nicht mag, wird er das tolerieren. Denn er toleriert ja sogar genug Sachen, die er erklärterweise nicht mag. Und selbst wenn er mal sauer ist, ist das nicht schlimm. Das haben sie bereits ausgetestet. Und eben auch weil das so ist, sind sie ja so gerne bei ihm.


2 Antworten auf „Der Wunsch nach Freiheit“


  1. 1 Jeroen von Bergen 03. Dezember 2011 um 22:01 Uhr

    Spitze geschrieben!
    Hätte es nicht besser machen können, und war sehr sehr erkennbar. Danke und viel Erfolg mit deiner Website.
    Gefällt mir Alles sehr!

    Tschüss aus Holland!

  2. 2 BEngelchen 21. Dezember 2011 um 23:12 Uhr

    Tja, was bleibt dazu zu sagen? Deckt sich vollends mit weit über einem Jahrzehnt Erfahrungen mit „meinen“ Jungs. Für eine ausgeprägte sexuelle Komponente bin ich zu „feige“. Dafür hänge ich zu sehr an meinen Jungs.

    Danke!

    BEngelchen

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