Zeichen und Wunder

Es gab mal eine Zeit, vor der Verdammnung der RBT-Metaanalyse durch den US-Kongress 1998, in der ich die wissenschaftliche Literatur zum Thema „sexueller Kindesmissbrauch“ ziemlich intensiv verfolgt habe.

Das habe ich dann aufgegeben. Was soll man von einer im wesentlichen staatlich finanzierten Wissenschaft erwarten, wenn das höchste Machtorgan der größten Wissenschaftsmacht eine wissenschaftliche Studie nach Art des Obersten Sowjets (also ohne eine einzige Gegenstimme – der einzige Unterschied zur Stalinzeit waren einige wenige Stimmenthaltungen) verdammt, und die APA – die Wissenschaftsorganisation, in deren Journal die Arbeit publiziert worden war – offiziell verspricht (und in der Resolution dafür gelobt wird), bei der Publikation wissenschaftlicher Artikel in Zukunft auch deren „soziale, legale und politische Folgen zu evaluieren“ – oder, mit anderen Worten, wenn eine Wahrheit politisch nicht genehm ist, fällt sie durch die Evaluierung und wird nicht mehr publiziert?

Aber vielleicht war dies voreilig. Es scheint, dass die Wissenschaft sich wehrt.

Das beginnt damit, dass die vom Kongress Verdammten immerhin in der Lage waren, sich wissenschaftlich zitierfähig zu verteidigen: Rind, B., Tromovitch, P. and Bauserman, R. (2000) A chronology and refutation of the attacks and a discussion of threats to the integrity of science. Sexuality & Culture 4:2, pp. 1-62.

Außerdem haben sie nicht klein beigegeben, sondern publizieren weiterhin, und, viel wichtiger, sie können das auch: Archives of Sexual Behavior, Vol. 30, No. 4, 2001, Arch Sex Behav (2007) 36:101–106, Arch Sex Behav (2008) 37:481–484, Arch Sex Behav (2009) 38:328. Rind darf dabei positiv (Archives of Sexual Behavior, Vol. 31, No. 6, December 2002, pp. 543–554 (2002)) ein Buch von Jenkins besprechen, dass den augenblicklichen Zustand als „moralische Panik“ charakterisiert und mit früheren moralischen Paniken vergleicht. (Die „Archives of Sexual Behavior“ sind nebenbei bemerkt nicht irgendwas, sondern zumindest eines der prestigeträchtigsten Journale auf diesem Gebiet.)

Die „verdammte“ Arbeit selbst wird von anderen fleißig zitiert. Und, in einer Antwort auf eine Kritik von ihnen, weisen die kritisierten Wissenschaftler zwar die Kritik selbst zurück, aber auf geradezu demonstrativ freundliche Art: „The contribution of Rind and Tromovitch to this debate is thus encouraging and we acknowledge their thoughtful commentary.“ (Arch Sex Behav (2007) 36:107–109), also „der Beitrag von Rind und Tromovitch zu dieser Debatte ist somit ermutigend und wir erkennen ihren ideenreichen Kommentar an“. Klar, Wissenschaftler sind höfliche Menschen, auch und gerade im Streit, aber das hört sich fast schon an, als wolle man sich vom möglichen Verdacht, man habe auch nur irgendwelche Sympathien für die Kongressresolution, abgrenzen.

Dann vergleicht Malon in Arch Sex Behav (2010) 39:637–652 die Kindesmissbrauchshysterie offen mit dem Kampf gegen die Onanie.

Und dann der eigentliche Anlass für diesen Artikel: David Riegel. Der Grund, dass er ohne Angst sagen kann, was Fakt ist, ist leider keiner, der Hoffnung macht, dass er dies noch sehr lange tun kann: „On the other hand, the present author, who is closing in on his ninth decade, is not thus constrained.“ (Arch Sex Behav (2010) 39:1027–1028). Mit über 80 hat man keine beruflichen Repressionen mehr zu befürchten.

Aber, was er geschafft hat, zu veröffentlichen, ist wichtig. Es ist nunmal eine Sache, einfach nur ein paar Wahrheiten zu sagen, und eine ganz andere, diese in einem wissenschaftlichen Journal zitierfähig zu publizieren. Aber nun gibt es halt, in „Riegel, David L., ’The Role of Androphilia in the Psychosexual Development of Boys’, International Journal of Sexual Health, 23:1, 2 – 13 (2011)“, ein paar Wahrheiten, die den Missbrauchshysterikern nicht schmecken werden.

Und, noch dazu, Open Access. (Leider selten, und wenn Journale das den Autoren anbieten, dann fordern sie dafür vom Autor (oder seinem Institut) erstmal ein paar Tausender. IMO eine Unverschämtheit – die Leute zahlen die Steuern, mit denen die Wissenschaftler bezahlt werden, und deren Ergebnisse sind nicht öffentlich zugänglich, und man muss Phantasiepreise zahlen, um sie runterzuladen.)

Der Artikel selbst ist einfach super. Klar, ich weiß selbst schon vieles davon. Aber die eigene Meinung faktisch 1:1 in einem wissenschaftlichen Artikel wiederzufinden ist angenehm.

Nein, ich selbst glaube nicht an Autoritäten, auch nicht an die der Wissenschaft – aber es gibt nunmal genug Leute, denen solche Autoritätsaspekte wichtig sind, und somit ist es einfach mal ein Fakt unseres Lebens als Herdentiere, dass Wahrheiten, die in wissenschaftlichen Journalen publiziert sind, eine größere Chance haben, von den Leuten akzeptiert zu werden.

Und gerade für Außenseitermeinungen ist dies wichtig. Gerade auch weil die wissenschaftliche peer-review ziemlich eindeutig den Mainstream bevorzugt, zeugt es durchaus von guter Qualität, wenn es eine Außenseiterposition schafft, publiziert zu werden.

Aber so sehr Außenseiter ist diese Position in der Wissenschaft vermutlich gar nicht. Die meisten ziehen ja einfach vor, zu schweigen, wo klar ist, dass die Wahrheit politisch nicht korrekt ist. Man hat ja Familie und will die Karriere nicht gefährden.

Auch dies übrigens ein Punkt, der explizit im Artikel beschrieben und belegt wird: Der Krieg der Pseudowissenschaft der Viktimologie (nach einer treffenden Bemerkung von Money eine „Wissenschaft nur bezüglich der Etymologie ihres Namens“) gegen die Wahrheit, und ihre Auswirkungen.

Den Artikel gibt es auch in Deutsch, in pdf hier zum Runterladen. Wer englisch kann, kann sich auch direkt auf boyandro.info umsehen.


0 Antworten auf „Zeichen und Wunder“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun + acht =