Was tun?

Die Frage hat ja bekanntlich schon Lenin gestellt. Ich hoffe allerdings, dass meine Antworten langfristig weniger Tote zur Folge haben als die von Lenin. Die Ausgangslage ist allerdings ähnlich: Lenins Truppe war ziemlich klein und kaum ernst zu nehmen, und die Lage der heutigen Anarchisten sieht keineswegs besser aus.

Trotzdem, zur Frage: Was tun? Als Anarchist gehöre ich zu einer verschwindend kleinen und verhassten Minderheit, als Boylover erst recht. Ok, zu dieser Schnittmenge zu gehören ist mein spezielles Problem, welches die meisten Leser wohl nicht teilen werden. Trotzdem, das Problem besteht für beide Gruppen von Lesern auch so.

Da ist vor allem die erhebliche Übermacht des Staates. Er hat inzwischen zu viele Leute schon aus rein finanziellen Gründen auf seiner Seite: All die Staatsbürokraten, die ihr Geld vom Staat bekommen. Und die ganz Reichen, die Monopole, die den Staat brauchen, um ihre Monopolmacht vor freier Konkurrenz zu schützen. Aber auch die ganz Armen, denen er Stütze zahlt: Auch wenn die die Bürokratie hassen, sie haben Angst was wird wenn die Staatsknete ganz wegfallen würde. Dass sie dann auf einem freien Markt ziemlich problemlos Arbeit kriegen dürften wissen sie ja nicht.

Es scheint chancenlos zu sein. Reformen? Welcher Reformer auch immer vorschlägt, den Staat einzuschränken, trifft auf eine riesige Lobby von Staatsbürokraten, die sich die idiotischsten Argumente ausdenken warum sie unbedingt ihre Arbeitsplätze behalten müssen. Mit voller wissenschaftlicher Unterstützung, schließlich sind die Uniprofessoren ja auch Staatsangestellte. Die etwas intellektuelleren TV-Sender sind auch alle staatlich (was den Staat nicht hindert, den Proll dafür zahlen zu lassen – eine der vielen staatlichen Umverteilungen von unten nach oben). Und was ich vom Rest der Massenmedien heutzutage halte, kann der geneigte Leser sich vorstellen – schon wegen der so beeindruckend neutralen und sachlichen Berichterstattung über diejenigen, die meine sexuellen Neigungen teilen.

Also keine Chance? Nun, ich bin ein kleines bisschen optimistischer. Ich denke, die Idee eines libertären Netzwerks könnte helfen. Der wichtigste Punkt ist, dass so ein Netzwerk auch heute schon programmiert und gestartet werden kann. Und dann kommt es darauf an, dass möglichst viele teilnehmen.

Aber dafür finden sich genug Gründe. Ich denke da vor allem erstmal an illegale Märkte. Die könnten das Netzwerk verwenden, um Beziehungen zwischen Anbietern und Nutzern aufzubauen und Reputation zu gewinnen. Natürlich ein ganz böser Missbrauch dieser Netzwerk-Idee, von dem ich mich hiermit auf das Schärfste distanzieren möchte. Aber manchmal können böse Menschen aus egoistischen Gründen ja auch was gutes tun, in diesem Fall, am Netzwerk teilzunehmen und damit die libertäre Bewegung zu stärken.

Ja, ich bin nunmal so zynisch, dass es mir ziemlich egal ist, dass so ein Netzwerk von verbrecherischen Grasverkäufern missbraucht werden kann, um ihre tödliche Ware zu verkaufen, und mich schreckt nicht einmal die Vorstellung, dass irgendwelche Perversen das Netzwerk missbrauchen könnten, um Musikvideos oder gar Fotos behaarter alter nackter Weiber zu verbreiten. Hauptsache das Netzwerk wächst. Das Schöne an ihm ist ja, dass man sich dort aussuchen kann, mit wem man es zu tun haben will. Ich muss mich also nicht mit Leuten abgeben, die dort Fotos von nackten Weibern (wie eklig) tauschen wollen. Sollen sie doch, solange sie mich damit in Ruhe lassen.

Und wenn man erstmal drin ist, lernt man schnell, dass es in vieler Hinsicht ganz gut ohne Staat geht. Und so könnte die libertäre Richtung schnell an Einfluss gewinnen.

Nur, damit ist natürlich der Staat noch lange nicht abgeschafft. Die Bürokraten kriegen immer noch ihre Staatsknete, und wollen mehr davon. Es muss also noch einiges dazukommen. Was?

Ich denke, vor allem auch ein moralischer Umschwung. Ich kann mir vorstellen, dass das Netzwerk von selbst einen solchen Umschwung herbeibringt, dadurch, dass es dem Einzelnen ermöglicht, eine Reputation als ehrlicher Mann unabhängig von staatlicher Justiz aufzubauen. Selbst wenn er mal, wegen was auch immer, im Knast landen sollte, solange er sein Wort nicht gebrochen hat, ändert das nichts daran, dass man ihm vertrauen kann. Der Wortbrüchige hingegen ist das Letzte, einfach schon deshalb weil man ihm nicht vertrauen kann. Man wird also schnell den ehrlichen Kriminellen dem verlogenen Polizeispitzel vorziehen. Eine natürliche, weil rationale, Moral.

Aber so ein moralischer Umschwung ist das, was gebraucht wird, um dem Staat den Rest zu geben. Es muss unmoralisch werden, Steuern zu zahlen, und moralisch, Steuern zu hinterziehen. Denn Steuern zahlen ist, wie Schutzgeld zahlen, eine, wenn auch unfreiwillige, finanzielle Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Hier ist der, der sich verweigert, der sein Geld versteckt, der Mutige, der, dem es nachzueifern gilt. Es muss moralisch akzeptabel werden, den Staat zu betrügen, ihn um sein gestohlenes Geld zu bringen. Praktische Möglichkeiten, sein Geld zu verstecken, liefert dann ein netzwerk-internes Bankensystem. Und wenn die Gehaltszahlungen über dieses Bankensystem abgewickelt werden, muss sich der Staat was einfallen lassen, um an Steuern ranzukommen.

Und es muss hingegen verachtenswert werden, dem Staat zu dienen. Das betrifft natürlich vor allem die Bullen, aber nicht nur. Auch Lehrer gehören der Verachtung preisgegeben – sie dienen immerhin als Aufseher in einer staatlichen Zwangsanstalt, deren Hauptaufgabe Indoktrination ist (auch wenn dies natürlich nicht zugegeben wird). Aber auch all die Beamten, die die verschiedensten staatlichen Kontrollaufgaben ausführen. Sie alle sind Abschaum, schlimmer noch, Staatsbeamte. Es muss ihnen peinlich werden, nach ihrem Beruf gefragt zu werden. Sie müssen sich fragen, ob man ihnen dann noch bereit ist die Hand zu geben.

Womit wir zurück zu Lenin kommen. In den letzten Jahren des Zarismus herrschte eine Stimmung unter der Intelligenz und den höheren Schichten, in der es anstößig war, einem Gendarmen die Hand zu geben. Und damit stand der Zarismus, so denke ich zumindest, auf verlorenem Posten.


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