Werden Firmen in einer libertären Gesellschaft größer als heute?

Eine Befürchtung ist, dass in einer freien Marktwirtschaft, ohne staatliche Regulierung, insbesondere ohne Einschränkung von Firmenzusammenlegungen durch den Staat (Kartellamt), die Firmen noch größer werden als heute.

Nun, ich glaube das nicht. Hier die Gründe:

1. Es ist heutzutage steuerlich extrem vorteilhaft, Gewinne nicht an die Aktionäre auszuschütten, sondern zu investieren. Der einfache Grund: Steuern. Die Gewinnausschüttung wird vom Staat kräftig besteuert, Reinvestitionen hingegen weitaus weniger, wenn überhaupt. Die Folge: Die Firmen wachsen. Steuerbegünstigt gewissermaßen.

2. Da gibt es den sogenannten Verbraucherschutz: Ein Trick der ganz großen Firmen, neue Konkurrenten auszuschalten. Denn man überlege nur einmal was neue Firmen machen: Sie bieten normalerweise (um auf dem Markt erstmal Fuß zu fassen) Billigprodukte an. Müssen sie auch, weil sie neu sind, unerfahren, die Qualität stimmt noch nicht. Und außerdem haben sie ja noch keinen etablierten Markennamen.

Wie kann man solche Konkurrenz im Keim ersticken? Na klar, durch staatliche Mindestandforderungen an Qualitätsstandards. Welche? Natürlich die Standards, die die heutigen Marktführer gerade so erfüllen. Damit es für einen Neuling extrem schwierig wird, sie schnell zu erreichen. Und so passiert es halt.

Wenn man einfach bloß die Verbraucher schützen wollte, bräuchte man so nicht vorzugehen. Es würden staatliche Qualitätssiegel völlig ausreichend sein: Der Verbraucher wäre informiert, welche Waren der Staat für hinreichend gut hält. Der Verbraucher könnte frei entscheiden, ob er der staatlichen Empfehlung folgt oder statt dessen das billige Produkt des Neulings kauft.

Den Vorteil hätte der Verbraucher: Einmal billigere Angebote der Neueinsteiger, und andererseits mehr Konkurrenz auch auf dem Qualitätsmarkt – den ewig bleiben die Neueinsteiger ja nicht neu. Und mehr Firmen im Konkurrenzkampf bedeutet im Endeffekt auch kleinere Firmen – man muss sich den Markt ja teilen.

3. Es gibt zum Ausschalten von Neueinsteigern noch andere Mittel. Insbesondere ist da das Verbot von Dumpingpreisen zu nennen. Dumpingpreise sind genau das, was Neueinsteiger machen. Sie produzieren, am Anfang noch schlecht, und haben noch gar keine Marktanteile. Die Anlaufphase ist sowieso verlustbehaftet, und daher sind Dumpingpreise ein wichtiges Mittel um schlimmeres zu verhindern: Man kann schon in der Anlaufphase voll produzieren. Außerdem erobert man Marktanteile und macht den Namen bekannt.

4. Und dann gibt es ja noch die Bürokratie. Jede Art von staatlicher Regulierung der Wirtschaft erfordert bürokratischen Aufwand bei allen Firmen. Nur ist der Aufwand verschieden: Je größer die Firma, desto weniger fällt die staatliche Bürokratie ins Gewicht. Denn wie läuft Bürokratie normalerweise: Jede Firma ist verpflichtet, regelmäßig irgendwelche Berichte zu liefern. Die müssen in einer größeren Firma keineswegs unbeding viel größer sein. Es gibt bei sowas zumindest einen konstanten Anteil: Gewisse Formulare müssen einmal pro Zeitraum und Firma ausgefüllt werden, man braucht Leute, die wissen, wie das zu machen ist, oder es zumindest einmal lernen müssen. Dieser konstante Anteil ist desto unerheblicher je größer die Firma ist, für kleine Firmen ist dies ein erheblicher Aufwand. Dann mag es auch noch einen Anteil an Pflichtschreibkram geben der proportional zur Produktion ist. Aber auch hier hat die größere Firma Effizienzvorteile, weil in ihr Arbeitsteilung möglich ist – den Papierkram erledigen Spezialisten. In der kleinen Firma hingegen muss der Chef das Zeug selber machen. Die Regel ist also einfach: Je mehr Büokratie, desto besser für die ganz großen Firmen.

Besonders pervers ist es, wenn die Firma Arbeit für den Staat machen muss. Also beim Steuerneintreiben und Pflichtversicherungsbeitragseintreiben die Arbeit für den Staat machen muss.

5. Man vergesse nicht die Nützlichkeit und Wichtigkeit staatlicher Lobbyarbeit. Die ist was ganz spezielles für die ganz Großen. Und es springt ja auch einiges raus für die ganz Großen, wie staatliche Rettungsmaßnahmen wenn eine ganz große Firma droht pleite zu gehen. „Too big to fail“ heißt es über diesen speziellen politischen Wettbewerbsvorteil der ganz Großen. Aber es gibt auch sonst genügend zu gewinnen, wenn man groß genug ist, im Lobbyismusgeschäft mitzumischen. Zum Beispiel neue staatliche Regulierungen, die der Konkurrenz höhere Kosten aufbürden als der eigenen.

Und all die Politikerreden über den Mittelstand? Guter Witz. Klar, man gewinnt keine Wahlen wenn man offen sagt, dass man vor allem für die ganz Großen da ist. Aber das war es auch schon.

Obwohl man natürlich auch all die bereits etablierten Handwerker und sonstigen Mittelständler mit staatlicher Überregulierung vor Konkurrenz schützen kann.

Und das Kartellamt? Nun, das unterstützt lediglich einige Große im Kampf gegen andere Große, meist gegen solche, die besser sind und deshalb größer zu werden drohen.

Ich frage mich nur eins – wie wollen die Großen eigentlich überleben, wenn sie nicht mehr vom Staat geschützt werden? Wenn jeder der Lust hat eine Firma aufmachen kann, ohne irgendwelche unnötige Bürokratie?


3 Antworten auf „Werden Firmen in einer libertären Gesellschaft größer als heute?“


  1. 1 sabathu 05. Oktober 2010 um 12:40 Uhr

    Du gehst bei deinen Überlegung nicht explizit auf einen wichtigen Punkt ein: geistiges Eigentum. Gerade hier gehen die Meinungen innerhalb der diversen libertären Sekten doch sehr weit auseinander. Ayn Rand fand z.B. Patente, Copyright und ähnliche Dinge uneingeschränkt toll. Andere bejahten es nur mit Einschränkungen (Friedman, Rothbard) und andere sind wieder ganz dagegen (Kinsella). Geistiges Eigentum spielt eine zentrale Rolle für zahlreiche Industriesparten. Und je nach Position, die man einnimmt, fällt die Antwort dann anders aus.
    Die Softwarebranche lebt vom geistigen Eigentum – nicht nur was das Copyright angeht. Die Verfahren, wie man etwas effizient macht, sind in der Regel öffentlich bekannt. Und wenn sie nicht bekannt sind, lassen sie sich mit etwas Fleißarbeit nachträglich aus dem fertigen Produkt extrahieren. Solche Plagiate, die oftmals besser als das Orginal sind und zudem weitaus weniger Entwicklungszeit kosten, werden momentan durch das Patentrecht verhindert. Ohne diesen Schutz geistigen Eigentums würde es diesem Bereich vermutlich tatsächlich nie Firmen mit einer solchen Macht wie Microsoft oder Oracle geben. (Aber vielleicht hätten wir auch weniger von den tollen Algorithmen wie mp3, H.264 und Co., die Jahre zur Erforschung benötigten, aber innerhalb kürzester Zeit „geklaut“ und für die eigenen Zwecke angepasst sind)
    In anderen Bereichen sind Patente weniger zentral, da die ganzen Labore, Maschinen und Co. so speziell und teuer sind, dass es die Konkurrenz allein aus diesem Grund schwer hat. In diesen Bereichen sind riesige Firmen mit entsprechendem Kapital schlichtweg notwendig.

  2. 2 mackay 05. Oktober 2010 um 17:29 Uhr

    Ja, gut bemerkt.

    Meine Haltung zum Copyright ist relativ klar: Copyright ist unnoetig. Ich bin dafuer bereit, in Kauf zu nehmen, dass es weniger Trivialliteratur, Trivialmusik etc. gibt – also all das, was man heutzutage nur des Geldes wegen produziert. Fuer die Gesamtgesellschaft ist weniger Schund eher besser – die Qualitaet wird hoeher, einfach weil die meisten von denen, die wirklich gute Sachen schreiben, auch ein inneres Beduerfnis dazu haben. Also notfalls halbtags Geld verdienen (zum Ueberleben reichts) und dann in der Freizeit arbeiten.

    Patente halte ich letzten Endes eher fuer hinderlich als fuer vorteilhaft. In Bereichen wo es vor allem um grosse Firmen geht, wird die Forschung selbst problemlos ueber Kartelle finanziert. Und wenn dann Nichtmitglieder das Geheimnis rauskriegen, umso besser, mehr Konkurrenz.

    Ansonsten war das Thema allerdings der Einfluss von sowas auf die Groesse. Und da denke ich, dass die kleinen Firmen vom Wegfall von Patenten und Copyright profitieren werden. Erstmal sind sowieso die kuenstlichen Monopole weg, die damit geschaffen werden. Und zweitens ist Patentrecht eine Rechtsunsicherheit fuer jeden, der den Aufwand scheut, nachzusehen, ob irgendwas patentiert ist – und das betrifft vor allem die Kleinen, die keine Extra Leute dafuer einstellen koennen.

    Die Antwort, ob der Wirtschaft insgesamt mehr geschadet oder genutzt wird, kann mehrdeutig sein. Aber dass dadurch die Kleinen gewinnen scheint mir ziemlich eindeutig.

  3. 3 wessi 11. Oktober 2010 um 17:37 Uhr

    Copyright? Screw copyright! Da studieren die AkademikerInnen an der Uni und die Popstars an der Musikschule auf Kostern der Allgemeinheit und dann goennern sie uns „working stiffs“ (US-slang, woertl: arbeitende Leichen = Proletariat) nicht den Niesbrauch ihrer Werke. IMHO muessen private downloads und Kopien erlaubt sein! Jeder gewiefte Autor kriegt ueber GEMA und andere Verwertungsvereine sowieso eine Pauschale fuer solche Urheberrechts“brueche“. Vor langer Zeit musste man deshalb DM 5.- GEMA-Gebuehr fuer jedes neu gekaufte Tonbandgeraet zahlen. Von mir aus soll man das jetzt fuer jeden neuen Computer abkassieren, davon die AutorenInnen enschaedigen und die downloader in Ruhe lassen.

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