Archiv für Oktober 2010

Die effizienteste Form der Bestrafung

Im Jungsforum hatte ich eine Diskussion mit Stewie (ich hab mich dort Danil genannt, Sascha klappte irgendwie nicht). In der ging es um das von mir bevorzugte Modell einer libertären Gesellschaft ( siehe hier). In dieser gibt es insbesondere eine schwarze Liste, die Informationen über Wortbrüchige veröffentlicht.

Das Amüsante bei Stewie war, dass er nicht mal selbst wusste, was er dem Modell vorwerfen sollte. Einerseits warf argumentierte er, in dem Modell gäbe es ja keinerlei Bestrafung, also könnte jeder (insbesondere pöse kapitalistische Banken, die er gerne staatlich kontrolliert sehen will – und sowas nennt sich Anarchist) betrügen. Und auf der anderen Seite war die schwarze Liste plötzlich „brutale Repression“.

Nunja, ich gebe ja gerne zu, dass es nicht besonders nett zu den Wortbrüchigen ist, sie auf eine schwarze Liste zu setzen. Nur ist das allerdings nicht mehr als eine Information über Fakten. Immerhin setzt ein Eintrag dort einiges voraus: Erst einmal ein freiwillig gegebenes Versprechen. Dann das vorherige Einverständnis, dass ein Bruch des Versprechens auf die Liste kommen darf. Und dann brauchen auch noch die, die als Schiedsrichter darüber befinden dürfen, ob man auch wirklich wortbrüchig wurde, das vorherige Einverständnis, dass er sie als faire Schiedsrichter akzeptiert. Wer also nicht freiwillig bei dem Spiel mitmacht, kommt nie auf die Liste.

Ja gut, ein kleines bisschen Nötigung spielt schon eine Rolle. Wer ein Versprechen abgibt, aber nicht dazu bereit ist, beim Bruch auf die Liste zu kommen, oder nur seine allerbesten Freunde als Schiedsrichter akzeptiert, wird möglicherweise von vielen Anderen nicht als allzu vertrauenswürdig angesehen. Nunja, man hat allerdings, denke ich, kein Menschenrecht, als vertrauenswürdig angesehen zu werden. Das muss man sich schon selbst erarbeiten.

Wie auch immer, erläutern wollte ich eine ganz andere Idee. Oder genauer gesagt, keine Idee sondern etablierte ökonomische Theorie. Es gibt nämlich, rein vom Standpunkt der Kosten aus gesehen, Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Strafen.

Da ist einmal die teure Art der Bestrafung: Entweder Haftstrafen oder Körperstrafen. Der Verurteilte wird geschädigt. Der Rest der Gesellschaft auch. Insbesondere bei Haftstrafen muss der Rest der Gesellschaft das Gefängnis bezahlen, die Wärter, und was noch alles dazugehört. Selbst Todesstrafe ist nicht kostenlos – der Henker muss ja auch was bezahlt bekommen.

Dann die die gesellschaftlich neutrale Art der Bestrafung: Geldstrafe oder Arbeitsleistungen. Der Verurteilte zahlt die Strafe, oder leistet die Arbeit, jemand anders bekommt das Geld oder die geleistete Arbeit. Einer verliert, einer bekommt was, beides ist in etwa gleichwertig, also ist die Bestrafung selbst gesamtgesellschaftlich neutral.

Und dann gibt es noch eine Art von Strafe, bei der es noch besser aussieht – bei der die Gesellschaft sogar gewinnt. Die Verurteilung durch Verbreitung von Information.

Sicher, auch hierbei wird der Verurteilte geschädigt. Allerdings nur indirekt: Die anderen verändern ihr Verhalten ihm gegenüber, weil sie etwas über ihn erfahren haben, was für ihn nicht besonders günstig ist. Das schädigt ihn. Aber den anderen nützt es, und dies normalerweise mehr als es dem Verurteilten schadet.

Wieso das? Das kann man sich am besten an einem Beispiel klarmachen. Der Kassierer der Bank hat betrogen, der Chef der Bank erfährt davon, und die natürliche Reaktion ist, dass er den Kassierer entlässt. Das Geld der Bank dürfte nun etwas sicherer sein, zumindest ist dies anzunehmen. Der Chef profitiert also. Der entlassene Kassierer ist geschädigt. Wie komme ich allerdings dazu, zu behaupten, der Nutzen für den Chef wäre größer als der Schaden für den Kassierer?

Nun, ich nehme rein hypothetisch an, der Kassierer wolle den Job doch noch behalten. Wie kann er das erreichen? Indem er weniger Lohn akzeptiert. Wieviel weniger? Eine gute Frage. Im Prinzip könnte in dieser Situation die „Lohnhöhe“, zu der der Chef bereit wäre, den Kassierer weiter zu beschäftigen, sogar negativ sein.

Aber auf jeden Fall können wir ziemlich sicher sein, dass der Lohn, den der Kassierer erhalten könnte, ihn nicht befriedigen würde. Er wird es vorziehen, einen neuen Job zu suchen.

Gut. Aber damit können wir die Gesamtveränderung künstlich in zwei Teile unterteilen: Einmal die Änderung vom Ausgangspunkt – dem normalen Kassiererlohn – zum niedrigeren Lohn. Dies ist eine reine Umverteilung. Der Chef der Bank erhält genau das Geld zusätzlich, was der Kassierer weniger kriegt, und sonst ändert sich gar nichts. Insgesamt also neutral.

Und der zweite Schritt ist einvernehmlich: Der Kassierer kündigt und sucht sich eine neue Arbeit. Eine Veräderung, mit der alle einverstanden sind. Der Chef, sonst hätte er mehr Lohn bieten müssen. Der Kassierer, sonst würde er nicht kündigen. Und eine Veränderung mit der alle Betroffenen einverstanden sind ist eine Verbesserung. Neutral plus Verbesserung ist Verbesserung. Also kommt die Gesellschaft insgesamt besser weg.

Heutzutage werden Betrüger eingesperrt. Erhebliche Kosten für die Gesellschaft. Im libertären Modell verbreitet die schwarze Liste Information. Ein Nutzen für die Gesellschaft. Der Umgang mit Betrügern wird nicht nur libertärer (jeder entscheidet selbst, wie riskant es ist, einem Betrüger zu glauben, dass er sich gebessert hat), er wird auch noch deutlich billiger für die Gesellschaft insgesamt.

Was tun?

Die Frage hat ja bekanntlich schon Lenin gestellt. Ich hoffe allerdings, dass meine Antworten langfristig weniger Tote zur Folge haben als die von Lenin. Die Ausgangslage ist allerdings ähnlich: Lenins Truppe war ziemlich klein und kaum ernst zu nehmen, und die Lage der heutigen Anarchisten sieht keineswegs besser aus.

Trotzdem, zur Frage: Was tun? Als Anarchist gehöre ich zu einer verschwindend kleinen und verhassten Minderheit, als Boylover erst recht. Ok, zu dieser Schnittmenge zu gehören ist mein spezielles Problem, welches die meisten Leser wohl nicht teilen werden. Trotzdem, das Problem besteht für beide Gruppen von Lesern auch so.

Da ist vor allem die erhebliche Übermacht des Staates. Er hat inzwischen zu viele Leute schon aus rein finanziellen Gründen auf seiner Seite: All die Staatsbürokraten, die ihr Geld vom Staat bekommen. Und die ganz Reichen, die Monopole, die den Staat brauchen, um ihre Monopolmacht vor freier Konkurrenz zu schützen. Aber auch die ganz Armen, denen er Stütze zahlt: Auch wenn die die Bürokratie hassen, sie haben Angst was wird wenn die Staatsknete ganz wegfallen würde. Dass sie dann auf einem freien Markt ziemlich problemlos Arbeit kriegen dürften wissen sie ja nicht.

Es scheint chancenlos zu sein. Reformen? Welcher Reformer auch immer vorschlägt, den Staat einzuschränken, trifft auf eine riesige Lobby von Staatsbürokraten, die sich die idiotischsten Argumente ausdenken warum sie unbedingt ihre Arbeitsplätze behalten müssen. Mit voller wissenschaftlicher Unterstützung, schließlich sind die Uniprofessoren ja auch Staatsangestellte. Die etwas intellektuelleren TV-Sender sind auch alle staatlich (was den Staat nicht hindert, den Proll dafür zahlen zu lassen – eine der vielen staatlichen Umverteilungen von unten nach oben). Und was ich vom Rest der Massenmedien heutzutage halte, kann der geneigte Leser sich vorstellen – schon wegen der so beeindruckend neutralen und sachlichen Berichterstattung über diejenigen, die meine sexuellen Neigungen teilen.

Also keine Chance? Nun, ich bin ein kleines bisschen optimistischer. Ich denke, die Idee eines libertären Netzwerks könnte helfen. Der wichtigste Punkt ist, dass so ein Netzwerk auch heute schon programmiert und gestartet werden kann. Und dann kommt es darauf an, dass möglichst viele teilnehmen.

Aber dafür finden sich genug Gründe. Ich denke da vor allem erstmal an illegale Märkte. Die könnten das Netzwerk verwenden, um Beziehungen zwischen Anbietern und Nutzern aufzubauen und Reputation zu gewinnen. Natürlich ein ganz böser Missbrauch dieser Netzwerk-Idee, von dem ich mich hiermit auf das Schärfste distanzieren möchte. Aber manchmal können böse Menschen aus egoistischen Gründen ja auch was gutes tun, in diesem Fall, am Netzwerk teilzunehmen und damit die libertäre Bewegung zu stärken.

Ja, ich bin nunmal so zynisch, dass es mir ziemlich egal ist, dass so ein Netzwerk von verbrecherischen Grasverkäufern missbraucht werden kann, um ihre tödliche Ware zu verkaufen, und mich schreckt nicht einmal die Vorstellung, dass irgendwelche Perversen das Netzwerk missbrauchen könnten, um Musikvideos oder gar Fotos behaarter alter nackter Weiber zu verbreiten. Hauptsache das Netzwerk wächst. Das Schöne an ihm ist ja, dass man sich dort aussuchen kann, mit wem man es zu tun haben will. Ich muss mich also nicht mit Leuten abgeben, die dort Fotos von nackten Weibern (wie eklig) tauschen wollen. Sollen sie doch, solange sie mich damit in Ruhe lassen.

Und wenn man erstmal drin ist, lernt man schnell, dass es in vieler Hinsicht ganz gut ohne Staat geht. Und so könnte die libertäre Richtung schnell an Einfluss gewinnen.

Nur, damit ist natürlich der Staat noch lange nicht abgeschafft. Die Bürokraten kriegen immer noch ihre Staatsknete, und wollen mehr davon. Es muss also noch einiges dazukommen. Was?

Ich denke, vor allem auch ein moralischer Umschwung. Ich kann mir vorstellen, dass das Netzwerk von selbst einen solchen Umschwung herbeibringt, dadurch, dass es dem Einzelnen ermöglicht, eine Reputation als ehrlicher Mann unabhängig von staatlicher Justiz aufzubauen. Selbst wenn er mal, wegen was auch immer, im Knast landen sollte, solange er sein Wort nicht gebrochen hat, ändert das nichts daran, dass man ihm vertrauen kann. Der Wortbrüchige hingegen ist das Letzte, einfach schon deshalb weil man ihm nicht vertrauen kann. Man wird also schnell den ehrlichen Kriminellen dem verlogenen Polizeispitzel vorziehen. Eine natürliche, weil rationale, Moral.

Aber so ein moralischer Umschwung ist das, was gebraucht wird, um dem Staat den Rest zu geben. Es muss unmoralisch werden, Steuern zu zahlen, und moralisch, Steuern zu hinterziehen. Denn Steuern zahlen ist, wie Schutzgeld zahlen, eine, wenn auch unfreiwillige, finanzielle Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Hier ist der, der sich verweigert, der sein Geld versteckt, der Mutige, der, dem es nachzueifern gilt. Es muss moralisch akzeptabel werden, den Staat zu betrügen, ihn um sein gestohlenes Geld zu bringen. Praktische Möglichkeiten, sein Geld zu verstecken, liefert dann ein netzwerk-internes Bankensystem. Und wenn die Gehaltszahlungen über dieses Bankensystem abgewickelt werden, muss sich der Staat was einfallen lassen, um an Steuern ranzukommen.

Und es muss hingegen verachtenswert werden, dem Staat zu dienen. Das betrifft natürlich vor allem die Bullen, aber nicht nur. Auch Lehrer gehören der Verachtung preisgegeben – sie dienen immerhin als Aufseher in einer staatlichen Zwangsanstalt, deren Hauptaufgabe Indoktrination ist (auch wenn dies natürlich nicht zugegeben wird). Aber auch all die Beamten, die die verschiedensten staatlichen Kontrollaufgaben ausführen. Sie alle sind Abschaum, schlimmer noch, Staatsbeamte. Es muss ihnen peinlich werden, nach ihrem Beruf gefragt zu werden. Sie müssen sich fragen, ob man ihnen dann noch bereit ist die Hand zu geben.

Womit wir zurück zu Lenin kommen. In den letzten Jahren des Zarismus herrschte eine Stimmung unter der Intelligenz und den höheren Schichten, in der es anstößig war, einem Gendarmen die Hand zu geben. Und damit stand der Zarismus, so denke ich zumindest, auf verlorenem Posten.

Werden Firmen in einer libertären Gesellschaft größer als heute?

Eine Befürchtung ist, dass in einer freien Marktwirtschaft, ohne staatliche Regulierung, insbesondere ohne Einschränkung von Firmenzusammenlegungen durch den Staat (Kartellamt), die Firmen noch größer werden als heute.

Nun, ich glaube das nicht. Hier die Gründe:

1. Es ist heutzutage steuerlich extrem vorteilhaft, Gewinne nicht an die Aktionäre auszuschütten, sondern zu investieren. Der einfache Grund: Steuern. Die Gewinnausschüttung wird vom Staat kräftig besteuert, Reinvestitionen hingegen weitaus weniger, wenn überhaupt. Die Folge: Die Firmen wachsen. Steuerbegünstigt gewissermaßen.

2. Da gibt es den sogenannten Verbraucherschutz: Ein Trick der ganz großen Firmen, neue Konkurrenten auszuschalten. Denn man überlege nur einmal was neue Firmen machen: Sie bieten normalerweise (um auf dem Markt erstmal Fuß zu fassen) Billigprodukte an. Müssen sie auch, weil sie neu sind, unerfahren, die Qualität stimmt noch nicht. Und außerdem haben sie ja noch keinen etablierten Markennamen.

Wie kann man solche Konkurrenz im Keim ersticken? Na klar, durch staatliche Mindestandforderungen an Qualitätsstandards. Welche? Natürlich die Standards, die die heutigen Marktführer gerade so erfüllen. Damit es für einen Neuling extrem schwierig wird, sie schnell zu erreichen. Und so passiert es halt.

Wenn man einfach bloß die Verbraucher schützen wollte, bräuchte man so nicht vorzugehen. Es würden staatliche Qualitätssiegel völlig ausreichend sein: Der Verbraucher wäre informiert, welche Waren der Staat für hinreichend gut hält. Der Verbraucher könnte frei entscheiden, ob er der staatlichen Empfehlung folgt oder statt dessen das billige Produkt des Neulings kauft.

Den Vorteil hätte der Verbraucher: Einmal billigere Angebote der Neueinsteiger, und andererseits mehr Konkurrenz auch auf dem Qualitätsmarkt – den ewig bleiben die Neueinsteiger ja nicht neu. Und mehr Firmen im Konkurrenzkampf bedeutet im Endeffekt auch kleinere Firmen – man muss sich den Markt ja teilen.

3. Es gibt zum Ausschalten von Neueinsteigern noch andere Mittel. Insbesondere ist da das Verbot von Dumpingpreisen zu nennen. Dumpingpreise sind genau das, was Neueinsteiger machen. Sie produzieren, am Anfang noch schlecht, und haben noch gar keine Marktanteile. Die Anlaufphase ist sowieso verlustbehaftet, und daher sind Dumpingpreise ein wichtiges Mittel um schlimmeres zu verhindern: Man kann schon in der Anlaufphase voll produzieren. Außerdem erobert man Marktanteile und macht den Namen bekannt.

4. Und dann gibt es ja noch die Bürokratie. Jede Art von staatlicher Regulierung der Wirtschaft erfordert bürokratischen Aufwand bei allen Firmen. Nur ist der Aufwand verschieden: Je größer die Firma, desto weniger fällt die staatliche Bürokratie ins Gewicht. Denn wie läuft Bürokratie normalerweise: Jede Firma ist verpflichtet, regelmäßig irgendwelche Berichte zu liefern. Die müssen in einer größeren Firma keineswegs unbeding viel größer sein. Es gibt bei sowas zumindest einen konstanten Anteil: Gewisse Formulare müssen einmal pro Zeitraum und Firma ausgefüllt werden, man braucht Leute, die wissen, wie das zu machen ist, oder es zumindest einmal lernen müssen. Dieser konstante Anteil ist desto unerheblicher je größer die Firma ist, für kleine Firmen ist dies ein erheblicher Aufwand. Dann mag es auch noch einen Anteil an Pflichtschreibkram geben der proportional zur Produktion ist. Aber auch hier hat die größere Firma Effizienzvorteile, weil in ihr Arbeitsteilung möglich ist – den Papierkram erledigen Spezialisten. In der kleinen Firma hingegen muss der Chef das Zeug selber machen. Die Regel ist also einfach: Je mehr Büokratie, desto besser für die ganz großen Firmen.

Besonders pervers ist es, wenn die Firma Arbeit für den Staat machen muss. Also beim Steuerneintreiben und Pflichtversicherungsbeitragseintreiben die Arbeit für den Staat machen muss.

5. Man vergesse nicht die Nützlichkeit und Wichtigkeit staatlicher Lobbyarbeit. Die ist was ganz spezielles für die ganz Großen. Und es springt ja auch einiges raus für die ganz Großen, wie staatliche Rettungsmaßnahmen wenn eine ganz große Firma droht pleite zu gehen. „Too big to fail“ heißt es über diesen speziellen politischen Wettbewerbsvorteil der ganz Großen. Aber es gibt auch sonst genügend zu gewinnen, wenn man groß genug ist, im Lobbyismusgeschäft mitzumischen. Zum Beispiel neue staatliche Regulierungen, die der Konkurrenz höhere Kosten aufbürden als der eigenen.

Und all die Politikerreden über den Mittelstand? Guter Witz. Klar, man gewinnt keine Wahlen wenn man offen sagt, dass man vor allem für die ganz Großen da ist. Aber das war es auch schon.

Obwohl man natürlich auch all die bereits etablierten Handwerker und sonstigen Mittelständler mit staatlicher Überregulierung vor Konkurrenz schützen kann.

Und das Kartellamt? Nun, das unterstützt lediglich einige Große im Kampf gegen andere Große, meist gegen solche, die besser sind und deshalb größer zu werden drohen.

Ich frage mich nur eins – wie wollen die Großen eigentlich überleben, wenn sie nicht mehr vom Staat geschützt werden? Wenn jeder der Lust hat eine Firma aufmachen kann, ohne irgendwelche unnötige Bürokratie?

Warum eine freie Gesellschaft bessere Menschen hervorbringt

Die Kommunisten denken, dass sie einen neuen Menschen brauchen, um damit eine bessere Gesellschaft aufbauen zu können. Die Staatskommunisten wollen sie dazu zwingen, so zu werden, in einer Diktatur des Proletariats. Wie die Anarchokommunisten den neuen Menschen erziehen wollen, ist mir nicht klar. Einig sind sie sich darüber, dass der Kapitalismus egoistische, rücksichtslose, selbstsüchtige Menschen erzeugt.

David D. Friedmann verdanke ich ein gutes Argument, dass es andersrum ist. Eine freie Gesellschaft erzeugt bessere Menschen.

Was ist die Idee des Arguments? In einer freien Gesellschaft bin ich frei, zu entscheiden, mit wem ich zusammen leben oder arbeiten oder mich vergnügen will. Und natürlich bevorzuge ich dabei nettere, auskömmlichere, hilfsbereitere, kurz, bessere Menschen als Partner.

Andererseits hängt man in der freien Gesellschaft stärker von freiwilliger Kooperation anderer ab als in einer Zwangsgesellschaft. Diese bekommt man aber halt nur, wenn man sich anständig verhält. Anständiges Verhalten wird also in einer freien Gesellschaft belohnt.

In einer unfreien nicht. Als Soldat werde ich mit den Soldaten zusammenarbeiten müssen, mit denen ich laut Befehl zusammenzuarbeiten habe. Das können erhebliche Arschlöcher sein. Und Arschloch zu sein kann sich dabei lohnen. Man kann andere fertigmachen und selbst aufsteigen. Wenn hingegen ein Arschloch mich fertigmacht, kann ich trotzdem nicht kündigen.

Ähnliche Probleme haben andere Zwangsgemeinschaften, heute insbesondere Schulen. Man wird einer Schule und Klasse zugeteilt und muss mit den Arschlöchern dort irgendwie auskommen. Arschloch zu sein lohnt sich: Man kann andere abzocken, Schläger werden von anderen Schülern notgedrungen respektiert.

Die heutige Gesellschaft strengt sich also besonders an, Arschlöcher großzuziehen: Man lässt sie in Verhältnissen aufwachsen, in denen es sich lohnt, Arschloch zu sein. Erst Schule, dann Wehrdienst. Erst die ausgewachsenen Arschlöcher werden in die (heute leider nur etwas größere) Freiheit entlassen, wo sie umlernen müssen, sich kooperativ zu verhalten, wenn sie sich nicht isolieren wollen.

Die Libertären hingegen brauchen sich keine Sorgen zu machen – die Moral der Leute wird in einer libertären Gesellschaft steigen, nicht sinken. Die Arschlöcher verarmen von alleine, einfach weil keiner was mit ihnen zu tun haben will. Aber vielleicht merken sie es ja rechtzeitig und bessern sich. Um aufzusteigen, bräuchten sie Bürokratien, wo man nach oben buckelt und nach unten treten kann. Die gibt es in einer libertären Gesellschaft weniger als heute: Staatliche Bürokratien entfallen schon mal, und die Firmen dürften deutlich kleiner werden. Warum, dass ist allerdings eine andere Frage, die ich ein andermal behandeln werde.

Meinungsfreiheit für Pädophile?

Zur Wendezeit, als ich das erste Mal in den Westen kam, war ich beeindruckt. Nein, nicht so sehr von den Läden – ich habe mir nie viel aus Klamotten und Luxus gemacht. Nein, von den Realitäten der Meinungsfreiheit damals. Ich fand schnell heraus, dass es sogar Journale von Pädophilen für Pädophile gibt. Journale, in denen die bestehende Gesetzgebung als Unrecht kritisiert wurde. Und es gab noch mehr – Gruppen von Pädophilen, deren Treffpunkt und Zeiten in solchen Journalen zu finden waren. Und sogar Organisationen von Pädophilen gab es.

Ich erinnere mich noch ziemlich gut, wie tief mich dies beeindruckt hat. Der Gedanke allein, dass man in einer völlig legalen Zeitung etwas Illegales verteidigen konnte. So etwas war im Osten undenkbar gewesen. Dort durfte ja fast gar nichts in den Zeitungen stehen, mit Ausnahme von primitiver Propaganda. Und nun plötzlich war es möglich, in einer Zeitschrift illegale Handlungen zu veteidigen und die Bestrafung solcher Handlungen als Unrecht anzuprangern.

Es war dieses mich konkret betreffende Beispiel, welches mir den prinzipiellen Unterschied zwischen einem demokratischen Rechtsstaat und einem Polizeistaat verdeutlicht hat. Klar, im Nachhinein scheint das alles klar und selbstverständlich – Demokratie kann ja nur funktionieren, wenn an den bestehenden Gesetzen öffentlich gezweifelt werden kann. Und so fremd war mir der Gedanke ja auch gar nicht – ich hatte mir ja auch schon vorher meine Gedanken gemacht, und in meiner Sammlung von Erinnerungen gibt es einiges Illegales aus der Vorwendezeit: Umweltblätter vom Frühjahr 1989 und russische und lettische Perestroika-Literatur von Sommer 1989. Ich habe damals schon selbst für eine freie Presse gekämpft.

Und trotzdem war ich tief beeindruckt. Ich denke, der Punkt war, dass ich mich damals, zumindest im Unterbewusstsein, eigentlich nur für eine freie Presse für die Mehrheitsmeinung eingesetzt habe. Die Katastrophe der DDR-Presse war ja, dass die Mehrheitsmeinung nichts, aber auch gar nichts, mit der veröffentlichten Meinung zu tun hatte. Dass die Mehrheitsmeinung nun endlich auch in den Zeitungen und im Fernsehen dargestellt werden durfte und wurde, war ja ein riesiger Erfolg der Demokratiebewegung.

Mir ist erst durch die pädophilen Journale wirklich bewusst geworden, dass es wirkliche Meinungsfreiheit erst dann gibt, wenn auch Minderheiten ihre Meinung offen sagen können. Und dass es wirkliche Freiheit der Vereinigung erst dann gibt, wenn auch solche Minderheiten wie Pädophile Vereine bilden können.

Warum ich mich heute daran erinnere? Der Leser darf dreimal raten. Von den pädophilen Journalen ist heutzutage nichts übrig. Die Organisationen der Pädophilen sind faktisch zerschlagen. Was überlebt hat sind ein paar Freundeskreise aus alter Zeit, mehr nicht.

Mit anderen Worten, Pressefreiheit und Freiheit der Vereinigung stehen uns Pädophilen vielleicht noch formal, aber nicht mehr faktisch zur Verfügung. Die pädophilen Vereine sind schließlich nicht wegen Mangels an Pädophilen eingegangen, und die pädophilen Journale auch nicht am Mangel an Lesern. Sondern wir hatten einfach damals noch Freiheiten, die wir heute eben nicht mehr haben.

Wir haben heute wieder, wie zu DDR-Zeiten, eine Einheitsmeinung in den Medien. Nur ist es heute nicht mehr die des ZK der SED, sondern durchaus die der Mehrheit. Wir haben sogar lebhaften Streit in den Medien. Allerdings nicht mit den Pädophilen. Man streitet sich nur untereinander darüber, wie man mit solchen Untermenschen umgeht. Gleich Vergasen oder nur Schwanz ab? Lebenslang Knast oder lebenslang Klapsmühle?

Ohne das Internet wären wir heute wieder wo wir in der DDR waren, nur halt eben mit Mehrheitsmeinung an Stelle der ZK-Meinung.

Klar, auch im Internet ist die Lage nicht rosig. Viele unserer Seiten sind schon kaputtgemacht worden, viele unserer Foren geschlossen, viele Menschen wegen des Besitzes und Verbreitens von Bildern verhaftet und eingesperrt, und jeder Betreiber einer noch so unschuldigen pädophilen Seite fragt sich, wann er wieder einmal den Provider wechseln muss.

Trotzdem, im Internet gibt es sie doch noch, die zaghaften Überreste von Meinungsfreiheit für Minderheiten.