Haben Boylover in der Demokratie eine Chance?

Im Prinzip ja – allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass heute lebende Boylover eine solche demokratische Gesellschaft noch erleben können. Allerdings ist es inhaltlich durchaus drin. Einen extremen Meinungsumschwung der Gesellschaft, von Gefängnisstrafen hin zur Akzeptanz sogar in der Position von Bürgermeistern, haben die Schwulen schließlich auch geschafft.

Und die Boylover sind mit dem Mainstream im Prinzip sogar noch deutlich kompatibler als die Schwulen: Schließlich gibt es Gesellschaften, in denen Sex zwischen Männern und Jungen sogar mehr oder weniger allgemeine Pflicht war, Teil der Erziehung der Jungen: Von den alten Griechen bis zu Südseevölkern, bei denen man überzeugt war, dass Jungen, um zu richtigen Männern zu werden, unbedingt Sperma schlucken bzw. in den Hintern bekommen müssen. Etwas, was es so für Sex zwischen gleichaltrigen Männern nie gab – die wurden lediglich in vielen Kulturen akzeptiert. Außerdem gibt es die interessante Beobachtung, dass Männer kulturunabhängig mit älteren Jungen rumhängen, was dafür spricht, dass die gegenseitige Zuneigung zwischen Männern und Jungs was genetisch vorgegebenes ist. Mit der menschlichen Natur ist eine Gesellschaft, die Boylove akzeptiert, also kompatibel, man braucht keinen „neuen Menschen“ dafür wie kommunistische Utopien, nur anders erzogene.

Die Frage der prinzipiellen Realisierbarkeit ist die eine, ob uns das heute was hilft eine andere. Kulturen ändern sich nicht besonders schnell, Hexenverfolgungen können etwas länger dauern als uns lieb sein kann. Also, haben wir überhaupt eine Chance?

Wenn es um die rein argumentative Seite ginge, hätten wir eine.gute Chance. Die Kinderschutzideologie selbst ist ja höchst schwachsinnig, die wissenschaftlichen Resultate zeigen ziemlich klar, dass Schäden aus einvernehmlichen Kontakten zwischen Männern und Jungs nicht mehr empirische Grundlage haben als die bösen Folgen der Onanie, an die man vor hundert Jahren mal geglaubt hat.

Aber geht es in einer Demokratie überhaupt darum? Im Ideal schon. Es gab da mal Philosophen, die meinten, in einer Demokratie sollte man nicht nur alle Meinungen zulassen, sondern sogar für Positionen, die niemand vertreten will, einen „Advokaten des Teufels“ einführen, der versucht, selbst solche Positionen so gut wie möglich zu verteidigen.

Aber von solchen Idealen ist die heutige Demokratie weit entfernt. Zumindest in den klassischen Medien geht es eher andersherum: Statt Advokaten des Teufels zu arrangieren, wird die Vertretung gewisser Positionen ganz pauschal faktisch verboten. Man dürfe solchen Positionen „keine Plattform geben“.

Als eine pauschale Regel kann ich eigentlich nur eines empfehlen: Wo immer die Darstellung einer Position mit solchen Mitteln verhindert wird, ist an der Position, die mit solchen Mitteln verteidigt wird, eine ganze Menge faul. Die verbotene Position ist nicht unbedingt richtig – was schon alleine die vielen Verbote verschiedenster Religionen durch die jeweils herrschende Religion beweisen – aber eine richtige Position braucht keine Angst vor einer argumentativen Diskussion mit Kontrahenten zu haben.

Ich denke also nicht gleich unbedingt, dass Auschwitz ein Erholungsheim war, nur weil die Auschwitzlüge verboten ist. Aber ich vermute durchaus, dass an der Mainstream-Geschichtsschreibung über die Nazizeit irgendwas faul sein dürfte. Was genau weiß ich nicht (vielleicht die Thesen von Suworow dass Hitler einem Angriff Stalins nur knapp zuvorkam, vielleicht aber auch ganz was anderes). Es ist mir auch nicht wichtig, da ich die Nazis selbst dann radikal ablehnen würde, wenn Auschwitz wirklich ein Erholungsheim gewesen wäre. Trotzdem ist mir die Standard-Geschichtsschreibung über die Nazizeit schon allein aufgrund des Verbots der Auschwitzlüge weitaus suspekter als, sagen wir, dieselbe Standard-Geschichtsschreibung über Kaiser Wilhelm.

Aber genug der Abschweifung. Fakt ist, dass es keinerlei objektive Darstellung der Position Pädophiler in den klassischen Medien gibt.

Die eigentliche Gefahr sehe ich dabei in der moralischen Hysterie. Eine ziemlich allgemeine Gefahr, die nicht nur das Thema Pädophilie betrifft: Wenn eine Diskussion soweit pervertiert ist, dass eine Seite zum Schweigen gebracht wurde, kann die andere Seite nicht nur immer extremer werden, sondern hat eine natürliche Tendenz dazu. Denn es gibt immer Leute, die sich profilieren wollen. Dazu muss man von dem, was alle sagen, irgendwie abweichen. Aber dies in der verbotenen Richtung zu tun ist gefährlich. Also exponiert man sich in der Mainstream-Richtung, nur eben noch extremer.

Eine besonders gefährliche Art, extremer zu werden, ist, nicht nur gegen die eigentlich Bösen zu hetzen, sondern auch gegen alle, die ihrer extremen Position widersprechen. Das sind dann zumindest „Unterstützer“, „Sympathisanten“, „Verharmloser“, „Lobbyisten“ der jeweiligen „Bösen“, und stehen gleich mit unter Verdacht, selbst zu den „Bösen“ zu gehören.

Verheerend ist an dieser Variante vor allem der selbstverstärkende Effekt: Je stärker diese Art der Hysterie, desto plausibler wird es, dass der Verdacht berechtigt ist – denn wer außer den „Bösen“ selbst traut sich noch, sich für die Interessen der „Bösen“ einzusetzen? Von den „Bösen“ selbst trauen sich zwar auch immer weniger, aber der Anteil der „wirklich Bösen“ unter den „Unterstützern“ wird mit zunehmender Hysterie immer größer. (Hier haben wir inzwischen den Stand erreicht, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob ein „Pädolobbyist“ zugibt, dass er selbst auch einer ist. Es würde mir sowieso keiner glauben, dass ich keiner bin, also kann ich es auch gleich zugeben.)

Die Möglichkeit, die Hysterie zu stoppen und wieder zur Normalität zurückzukehren, wird also immer geringer, je größer die Hysterie ist.

Wie aber enden solche Hysterien dann doch irgendwann? Das ist die wirklich interessante Frage. Wenn ich eine Lösung wüsste, …

Was hat dies alles jedoch mit Demokratie vs. Anarchie zu tun?

Ich denke, die Gefahr solcher Hysterien ist in einer Demokratie extrem groß. Größer auf jeden Fall als in einer Anarchie. Aber sogar größer als in einer klassischen Diktatur, sagen wir einer Monarchie.

Wieso? Klar, je mehr Staat, desto mehr Möglichkeit der Kontrolle der Informationsverbreitung, und desto leichter ist es, die „Bösen“ zum Schweigen zu bringen. Und sind die erst einmal zum Schweigen gebracht, beginnt die eigentliche Hysterie. In der Anarchie ist es hingegen weitaus schwieriger, und ohne Verletzung anarchistischer Grundprinzipien eigentlich unmöglich, die „Bösen“ zum Schweigen zu bringen.

Aber wieso sollte eine Demokratie hierbei gefährlicher sein als eine Monarchie? Ich denke, in der Monarchie ist die Gefahr von solchen selbstverstärkenden Zyklen, wie sie in der Demokratie inzwischen Alltag sind, weitaus geringer. Da gibt es Herrscher und Beherrschte. Die Herrscher mögen daran interessiert sein, die Massen gegen ihre Feinde aufzuhetzen. Aber wenn die Herrschenden ihr Ziel erreicht haben, ist gut, die Hysterie kann wieder abgebrochen werden. Auch in einer klassischen representativen Demokratie ist das noch weitgehend so – es gibt eine gebildete politische Elite, und es gibt den von ihnen verführten Mob, aber keine Rückkoppelung.

Aber in der heutigen Mediendemokratie sieht dies anders aus. Sowohl die Politiker als auch die Journalisten richten sich nach Meinungsumfragen. Die Politiker in Vorbereitung auf die nächsten Wahlen, bei denen sie ja wiedergewählt werden möchten, und die Journalisten, weil sie von Einschaltquoten und Umsatz abhängen. Und damit ergibt sich eine positive, verstärkende Rückkoppelung – Journalisten und Politiker unterstützen die Mehrheitsmeinung, die daraufhin noch populärer wird, und weiter geht es in der nächsten Runde. Und dadurch kann jede zufällige Entgleisung der Mehrheitsmeinung sich schnell zu einer Hysterie auswachsen, es ist dazu nicht einmal ein besonderes Interesse irgendeiner Gruppe nötig (obwohl so etwas natürlich extrem hilfreich ist).

Und eine zweite Schwachstelle demokratischer Meinungsbildung kommt hinzu – ihre extreme Irrationalität aufgrund ihrer Uninformiertheit. Der Einzelne ist dabei nicht einmal irrational – im Gegenteil. In der ökonomischen Theorie heißt dieser Effekt „rationale Ignoranz“: Wenn die Richtigkeit der eigenen Meinung wenig Auswirkung auf die eigene Zukunft hat, ist es rational, nicht allzu viel in die eigene Meinungsbildung zu investieren. Zeit ist Geld, man verschwendet also keine Zeit, entscheidet aus dem Bauch heraus, wenn von der Entscheidung wahrscheinlich nichts abhängt. Die eigene Stimme bei der Wahl ist ein solcher Fall. Sie ist kaum wahlentscheidend, es lohnt sich daher nicht, in die richtige Wahlentscheidung zu investieren, und die Mehrheit der Leute wählt daher ohne groß nachzudenken nach Bauchgefühl. Genausowenig wird in Fragen von Meinungsforschungsinstituten geistig investiert. Die Mehrheitsmeinung ist daher viel dümmer und irrationaler als die Meinung des durchschnittlichen Bürgers, der über dieselbe Frage etwas detaillierter nachdenkt und sich Argumente beider Seiten anhört.

Je irrationaler jedoch eine Position ist, desto leichter kann sie in Hysterie ausarten, und desto schwerwiegender kann diese dann sein.

Je kleiner die herrschende Schicht, desto größer der Einfluss des einzelnen Mitglieds dieser Schicht, und desto geringer demzufolge dieser Effekt der rationalen Ignoranz. In der Anarchie steht das Problem erst recht nicht – dort entscheidet man nicht in Wahlen über andere, wobei einem egal sein kann, wie die Anderen damit zurechtkommen, sondern nur über sich selbst. Und man hat dann auch alle Folgen dieser Entscheidung zu tragen. Die Entscheidung ist also wichtig, und Ignoranz ist irrational, es lohnt sich, nachzudenken.

Ich sehe, mit anderen Worten, in der Mediendemokratie keine Chance für uns Boylover. Zu irrational, zu hysterieanfällig, zu wenig interessiert an der Wahrheit, an wissenschaftlichen Argumenten, überhaupt an Argumenten. Unsere einzige Hoffnung wäre, dass die Hysterie, aus irgendwelchen unbekannten Gründen, einfach so von selbst aufhört. Tut mir leid, das ist mir zuwenig.

Die einzige Chance für einen gerechten Umgang mit uns ist eine staatsfreie, gerechte Gesellschaft. Eine, in der nicht irgendwelche Gesetzgeber über alle bestimmen, sondern jeder über sich selbst. Und im Ideal auch die Kinder selbst entscheiden können, ob und mit wem sie Sex haben wollen. Aber auch wenn da die Eltern noch eine Menge mitsprechen wollen – die Eltern interessiert das Wohl ihrer Kinder, und sie achten vor allem darauf, wie ihre Kinder sich fühlen, ob sie mit uns glücklich sind oder nicht. Und daher brauchen wir davor keine Angst zu haben.

Und selbst wenn einige Eltern Probleme damit haben, ihren Kindern Sex mit uns zu gestatten – es wäre ein Thema, an dem sie ein echtes eigenes Interesse haben, weil es ihr Kind betrifft, und daher würden sie sich genauer informieren. Und dabei auch unsere Meinung hören. Und die ihrer Kinder. Und allein schon deswegen wäre das Ergebnis was anderes als der hysterische Nonsens, den die Medien heute verbreiten.


1 Antwort auf „Haben Boylover in der Demokratie eine Chance?“


  1. 1 G”tz Pape 01. Oktober 2010 um 15:02 Uhr

    Lovely sharp post. Never thought that it was this easy. Extolment to you!

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