Mehr Zeit für Kinder

Plakat Ein Plakat wirbt an vielen Stellen in Berlin (und vermutlich nicht nur dort) für „mehr Zeit für Kinder“. Darauf abgebildet zwei Knaben, sportlich, im besten Alter für Boylover und echte Schönheitsideale. Besonders der Linke hat es mir angetan, aber den Rechten würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen. Beide ein bisschen schmutzig vom Sport – aber welchen Boylover stört so etwas schon? Im Gegenteil, wilde Rabauken sind für viele Boylover das Ideal, je wilder desto besser.

Auch der Untertitel der Werbung spricht Boylover an: „Zusammen fit macht alle mit“. Der Erwachsene soll hier also nicht die klassische Rolle des Erziehers oder Beschützers spielen – die Jungs sind keine armen hilfsbedürftigen heulenden Würstchen, sondern selbstbewusste, fröhlich lachende Rabauken, die nichts dagegen haben, wenn wir mit ihnen zusammen spielen wollen, aber auch allein zurechtkommen und keine Lust auf Schulmeister haben.

Werden hier etwa gezielt Boylover angesprochen? Ich glaube nicht. Gut, man kann vermuten, dass der Fotograf auch ein bisschen Boylover ist. Er weiß zumindest ganz gut was Boylover attraktiv finden. Aber das muss nichts bedeuten, Schwule können schließlich auch Werbung machen, die Heten anspricht und andersrum. Und außerdem geht es mir gar nicht darum. Schließlich kann man in jedem Fall sicher sein, dass all die, die mit dieser Werbung auch nur im Entferntesten zu tun haben, einen solchen Verdacht aufs Schärfste zurückweisen würden.

Nein, ich denke, der Grund für diese Werbung ist ein anderer: Die Gesellschaft beginnt langsam, eine Lücke zu erkennen, eine Fehlstelle in der heutigen Gesellschaft. Jungs brauchen einfach den Kontakt zu Männern. Und dieser Kontakt fehlt heute. Es gibt immer mehr Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Ob nun wegen Scheidung oder bereits unehelicher Geburt – die alleinerziehende Mutter wird immer mehr toleriert und akzeptiert, und das ist auch gut so. Nur die Jungs haben halt keinen Mann als Kontaktperson in der Familie. Und in der staatlichen Erziehung gibt es auch immer weniger Männer. Priester spielen eine immer geringere Rolle (was ich als Atheist auch ganz gut finde), stehen außerdem inzwischen schon unter pauschalem Pädophilieverdacht. Männliche Erzieher werden, vermute ich mal, auch immer seltener, vor allem bei kleineren Kindern. Ein männlicher Erzieher im Kindergarten ist wohl sowas wie ein weißer Rabe, und in der Grundschule haben sie auch schon bald Seltenheitswert.

Was auch noch selbstverstärkend ist. Denn je seltener ein männlicher Erzieher ist, desto plausibler wird die Vermutung, dass er nur aufgrund perverser Interessen diesen Beruf gewählt hat. Und je plausibler dieser Verdacht, desto weniger Männer trauen sich in diesen Beruf.

Wobei dies vor allem für nicht-pädophile Erzieher gilt. Warum sollte sich ein Normalo einem solchen Verdacht aussetzen? Ein Boylover ist da schon eher bereit, einen solchen Verdacht in Kauf zu nehmen, er hat ja als Entschädigung eine Menge Kontakt zu Jungs. Und damit wird der Verdacht auch noch mal selbstverstärkend – je stärker er ist, desto mehr männliche Erzieher sind in der Tat Boylover.

Erst recht gilt all dies für die informellen Kontakte, die auf der Straße, im Alltag, bei Sport und Spiel zwischen Männern und Jungs entstehen. Auch hier wird mit steigender Hysterie der Pauschalverdacht immer stärker, und auch hier wirkt der Verdacht als eine selbsterfüllende, selbstverstärkende Prophezeiung, die zuallererst Nichtpädos von solchen Kontakten abhält.

Eins sei hier den Pädohassern versprochen: Ihr werdet die Jungs nicht von den Männern trennen können. Es gibt eine interessante Arbeit, in der untersucht wurde, welche Geschlechts- und Alterskombinationen in den verschiedensten Kulturen miteinander rumhängen („sich auf öffentlichen Plätzen zusammen zeigten“ im wissenschaftlichen Jargon). Sowas ist von Kultur zu Kultur verschieden, aber es gab zwei Effekte, die kulturunabhängig waren: Einmal dass Frauen mit kleinen Kindern beiderlei Geschlechts rumhingen, und dann das Männer mit älteren Jungs rumhingen. Es gab Kulturen, wo sie dabei allein waren, andere wo sie dabei mit Frauen zusammen waren, aber zusammen waren sie immer (oder fast immer, weiß nicht mehr genau).

Also, das Bedürfnis ist einfach viel zu tief drin, das sitzt in den Genen. Notfalls heiratet der Boylover halt ne alleinstehende Mutter mit einem netten Sohn, wenn es keine andere unverdächtige Kontaktmöglichkeit mehr gibt. Und was immer an Kontaktmöglichkeit überhaupt vorhanden ist, wird ausgenutzt.

Und es sitzt nicht nur in den Genen der Boylover, sondern auch in denen der Jungs. Auch die suchen freundschaftlichen Kontakt zu Männern. Sie brauchen ihn. Irgendwo habe ich sogar mal eine statistische Arbeit dazu gesehen. Die hatte ergeben, dass die Frage, ob es einen Mann gab, der mit ihm emotional verbunden war (egal ob nun der Vater oder nicht) einen starken Einfluß auf den Erfolg im späteren Leben war.

Also, völlig verhindern können die Kinderschützer nicht, dass Boylover mit Jungs rumhängen. Aber was die Hysterie durchaus bewirken kann, ist, dass solche Kontakte seltener werden. Dass es mehr Jungs gibt, die ohne Kontakt zu Männern aufwachsen, und Boylover, die sich nicht mehr trauen, mit Jungs Kontakt aufzunehmen. Und die beide drunter leiden.

Die Folgen bei den Jungs sind heute schon nicht mehr zu übersehen. Sie sind inzwischen schon als die Verlierer in der Schule erkannt worden. Das hat sich sogar schon bis zu Politikern rumgesprochen, die hier eine neue Spielwiese für staatliche Förderung (und natürlich staatliche Kontrolle) entdecken. Und immer mehr Leute kriegen auch mit, woran das liegt, und dass es nicht gut für sie ist, wenn Jungs ohne männliche Bezugspersonen aufwachsen.

Und mit der geilen Werbung möchte man wohl gar nicht Boylover ansprechen. Sondern man merkt einfach langsam, dass man Männer braucht, die bereit sind, mit diesen Bengeln rumzuhängen, gemeinsam mit ihnen Spaß zu haben, und sie dabei durch ihr Vorbild zu erziehen. Dass sie sonst verwildern, vereinsamen, oder von der peer-group „erzogen“ werden.

Pech für die Werbung ist nur, dass sie einfach mal in erster Linie Boylover anspricht. Und in erster Linie Boylover ihr folgen werden. Wir haben ja jetzt eine neue Verteidigung dafür, dass wir mit Jungs rumhängen: Wird ja überall für geworben, geradezu dazu aufgefordert. Also was wollt ihr eigentlich?

Schlimm ist das allerdings nur für Kinderschutzfanatiker. Denen egal ist, ob die Jungs vergammeln, Hauptsache sie haben keinen Sex mit Männern. (Die Straßenjungs lieber verhungern oder erfrieren sehen als auf dem Strich. Ich erinnere mich an eine Kinderschützersendung, Rumänien nach der Wende, wo sie ein paar Straßenkids bestochen haben, damit sie einen französischen Boylover ans Messer liefern. Und danach war dann alles gut, sie schliefen ja nicht mehr im warmen Bett beim Perversen, sondern in der moralisch sauberen Kälte auf der Straße. Und waren natürlich dankbar für diese Rettung – hat sicher nicht viel gekostet, sie zu überreden, sowas zu sagen, wenn überhaupt korrekt übersetzt wurde.)

Der Rest der Menschheit sollte besser seinen Verstand einschalten und rausfinden, was er will: Jungs von Männern ohne Rücksicht auf Verluste zu trennen, oder sich damit abzufinden, dass es in Freundschaften zwischen ihnen nicht immer völlig asexuell zugeht.

Hat man sich für die erste Alternative entschieden, wird irgendwelche staatliche Jungenförderung nicht helfen. Nimmt man die zweite, ist sie gar nicht nötig.

Die anarchistische Lösung dieses Problems ist völlig ausreichend. Freie Jungs entscheiden selbst, mit wem sie rumhängen wollen, mit wem sie spielen wollen, und wie weit sie bei Strippokerspielen gehen wollen. Anarchisten, denen das nicht gefällt, können gerne versuchen, erzieherisch auf die Jungs einzuwirken, sie davon abzuhalten. Aber Gewalt gegen gewaltfreie Boylover, wegen einvernehmlichem safer Sex mit Jungs, das dürfte mit anarchistischen Prinzipien nichts mehr zu tun haben.

Und wo die Boylover keine Angst vor nackter Gewalt haben müssen, wo niemand sie hindern kann, ihre Meinung zu sagen, und wo es ihm reicht, die Leute in seiner Umgebung zu überzeugen, dass seine konkrete Beziehung ok ist, statt ein ganzes Land argumentativ davon zu überzeugen, dass die heutige Strafverfolgung ungerecht ist, und wo die Kinderschützer nicht mehr auf staatliche Gewalt bauen können, dürfte der Hysterie der Boden entzogen sein.

Aber ohne Hysterie wird es genug Männer geben, die auch ohne Werbung und staatliche Förderung gerne mit Jungs rumhängen. Und das nicht nur Boylover. Sondern auch all die Männer, die zwar durchaus gern mit Jungs rumhängen, aber ohne deswegen an ihnen auch sexuell interessiert zu sein. Männer, die sich heute von Jungs fernhalten, weil sie Angst vor dem Verdacht der Pädophilie haben, und ihr Interesse an Jungs nicht so groß ist, dass sie dies in Kauf nehmen.

Und Jungs, die asexuelle Freundschaften zu Männern suchen, sind dann in ihrer Suche nicht mehr auf Boylover beschränkt. Was ich für eine bessere Art von Schutz der Jungs vor sexueller Belästigung halte.


1 Antwort auf „Mehr Zeit für Kinder“


  1. 1 Snoopy 13. Februar 2014 um 14:00 Uhr

    Ich wage jetzt einfach mal die These dass das was wir medial wahrnehmen nicht deckungsgleich mit der Auffassung der meisten Menschen ist. „ADAC“ ist gewissermaßen überall – und wir lassen unsere eigene Wahrnehmung alleine von dem Glauben beeinflussen daß die Anderen angeblich irgendwas denken.

    Natürlich muß man sich in diesem Kontext auch bewußt bleiben daß die Art der Fragestellung auch entscheidend für die zu erwartende Antwort ist. Wer mit „Recht auf Sex mit Kindern“ mit der Türe durchs Haus poltert kann natürlich nicht damit Rechnen Gehör zu finden. Die Vorstellung für Eltern daß ihr Sohn „Sexspielzeug“ für einen Mann ist – ist sicher nicht weniger unerträglich wie der Gedanke daß die Tochter als „Flittchen“ unter den Jungen der Gegend durchgereicht wird.

    An diesem Punkt lohnt der Blick in die Sittengeschichte. Natürlich gab es schon immer Männer die Sex mit Jungen haben. Aber diese Beziehungen firmierten nicht unter „Sex“ sondern rangierten unter Vorstellungen wie „Väterlicher Freund“ oder „Mäzen“. Als Solche waren sie sogar gesellschaftlich anerkannt – zumindest so lange der sexuelle Aspekt nicht zu offensichtlich zu Tage trat. Letzteres wird besonders deutlich an dem Umstand daß entsprechende Sittlichkeitsvergehen in den Akten nur in Zusammenhängen auftreten in welchem „rangniedrigere Personen“ sich an „ranghöhreren Kindern“ vergingen. Da der bloße Rang einer Person nicht für eine Strafbarkeit entscheidend war ist davon auszugehen daß letztendlich immer die Opportunität einer solchen Beziehung entscheidend dafür war ob Jemand an ihr Anstoß nehmen wollte.

    Mit diesem Gesichtspunkt nähern wir uns übrigens der Frage wie Pädophilie in einer libertären Gesellschaft begegnet würde. Es wäre im Wesentlichen eine Frage der Opportunität. Wenn der eigene Sohn im Rahmen einer ohnedies zeitlich begrenzten Beziehung zu einem erwachsenen Mann hierdurch entsprechende geldwerte Vorteile realisieren kann – wird die Beziehung positiv gewertet. Natürlich auch das nur unter dem Vorbehalt daß die „Wahrung des Gesichts“ gewährleistet ist. Wobei man letzteres ja wiederum libertär auch als „Guten Ruf“ bezeichnen könnte. Ein Junge der seine Karriere durch’s Bett macht ist natürlich ebenso diskreditiert wie eine Frau die ihre Stellung nur bekommt weil sie mit ihren sexuellen Reizen nicht geizt.

    Zusammenfassend kann man hier wohl sagen daß die gegenwärtige Situation der „Pädos“ ironischer Weise die „sexuell befreienden 68-iger“ zu verantworten haben. Denn sie rückten mit der Fokussierung auf das Sexuelle ausgerechnet den Aspekt einer Junge-Mann-Beziehung in den Vordergrund der den Jungen auf ein reines Objekt im Sinne eines „Sexspielzeugs“ reduzierte.

    Gerade wenn ich in diesem zusammenhang an die von „Kinderschützern“ behaupteten Dunkelziffern denke stellt sich mir die Frage warum eigentlich so wenige „Missbrauchs“Fälle öffentlich werden. Handelt es sich hier vielleicht im Wesentliches um ein Problem von Pädophilen die gewissermaßen nur nicht den richtigen Umgang mit ihren jungen Freunden finden?

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